Eve Owen - Don't let the ink dry

Eve Owen- Don't let the ink dry

37d03d / Cargo
VÖ: 08.05.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Tausend Tränen Eve

Auf einem Album Lisa Hannigan und Sharon Van Etten stimmlich zu übertrumpfen, muss Dir auch erst einmal gelingen. So aber geglückt bei Eve Owen – jedenfalls im Ohr des Rezensenten. Mit ihren blutjungen 20 Jahren ist sie bereits auf einer Platte zu hören, die aufgrund der Höchstwertung einen Ehrenplatz in der Plattentests.de-Historie einnimmt: "I am easy to find", das 2019er-Werk von The National. Owen garniert dort die Ballade "Quiet light" und erweckte laut Aaron Dessner auch das perkussiv-treibende "Where is her head" zum Leben. Der muss es wissen. Schließlich mischt er gewichtig bei The National mit und hat über einen Zeitraum von drei Jahren mit Eve Owen an ihrem nun vorliegenden Debütalbum "Don't let the ink dry" gearbeitet.

Owen, wohnhaft in London, bildet im Trapez talentierter Singer-Songwriterinnen um Hand Habits, Phoebe Bridgers, Marika Hackman und Julien Baker eine weitere Koordinate, nur dass sie ins Grundgefüge ihrer Songs Folktronica einwebt – gerade zu Beginn ihres Albums. Manchmal klingt die Britin, als verstecke sie beim Singen im Mundwinkel ein Bonbon für schlechte Zeiten. Sicher keine akkurate Beschreibung. Aber auch dank dieser akustischen Charakteristik scheint sie trotz ihrer Juvenilität über die Lebenserfahrung von mindestens einem weiteren Jahrzehnt zu verfügen. Zuvorderst jedoch, weil sie Verletzlichkeit, Unsicherheit, Selbstfindung, Enttäuschung, Trauer, aber auch Dankbarkeit und Schüchternheit in der 40-minütigen Laufzeit komprimiert. "Although my heart is a traveller / It stands so still for you."

Damit daran auch ja niemand zweifelt, bedient sich "Tudor" zu Beginn gleich mehrer Stilmittel. Die Gitarre jault zuckend auf, xylophonische Klöppeltöne hier, Streicher und Elektro-Folk dort, Owens Stimme als additives Element mit Effekt-Behandlung im Hintergrund und im Vordergrund ihr eigentlicher Gesang, der beim Wort "day" in Grubenschacht-Tiefe hinabfährt. Was sich an elektronischen Sperenzchen bei "Lover not today" abspielt, trägt Dessners Insignien aus "Big Red Machine"- und "Sleep well beast"-Zeiten. Beziehungsweise die des verkumpelten – und von Owen sehr geschätzten – 37d03d-Kumpanen Justin Vernon.

Der Einfluss externer Kreativkräfte ist hier am präsentesten. Und für eine kurze Zeit stand das an dieser Stelle als zarter Kritikpunkt, weil so Owens Handschrift zu verwässern droht. Aber zum einen: Wer würde im Studio nein sagen, wenn man mit einem Mitglied der selbsternannten Lieblingsband Sounds der selbsternannten Lieblingsband für seine eigenen Stücke aufnehmen darf? Zum anderen wäre es nicht fair, auf diesem eindrucksvollen Debüt das Haar in der Suppe zu suchen. Auch "Mother" labt sich beispielsweise am The-National-Fundus, die Emanzipation innerhalb des Songs vom anfänglich programmierten Beat zu elaboriertem Folk-Pop-Rock beseelt melancholische Indie-Herzen jedoch aufs Vortrefflichste. "Oh mother I'm heavy-hearted."

Eve Owen, Tochter von Schauspieler Clive, hat eine beachtliche Kollektion vorgelegt. Sie zeigt sich unbeirrt von den Loop-artigen Wellenbewegungen der gezupften Töne in "Bluebird", tritt mit der streicherumrankten Pianonummer "She says" ins emotionale Scheinwerferlicht, klaut ihren Träumen den Farbfilm und widmet "29 daisy sweetheart" eine tränenfördernde Elegie. Die E-Gitarre im demohaften "Blue moon" wirft Echos im halligen Raum und fügt den mit diversen Präfixen versehenen Folk-Stücken von "Don't let the ink dry" eine neue Note hinzu; Owen singt darin von bedingungsloser Liebe über Fehler und Beziehungsenden hinweg. Trifft sich sehr gut. Denn auch dieser Text endet nun, die Liebe aber für die gesummten "mmms" aus "For redemption" wird bleiben.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Mother
  • For redemption
  • She says
  • 29 daisy sweetheart

Tracklist

  1. Tudor
  2. Lover not today
  3. Mother
  4. After the love
  5. For redemption
  6. Bluebird
  7. She says
  8. I used to dream in color
  9. So still for you
  10. Blue moon
  11. 29 daisy sweetheart
  12. A lone swan

Gesamtspielzeit: 42:26 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Matjes_taet

Postings: 710

Registriert seit 18.10.2017

2020-05-27 23:01:58 Uhr
"She says" ist neben der Single ganz nett.

Ansonsten tut es nicht weh, bietet aber nix was hängen bleibt. 6/10

Matjes_taet

Postings: 710

Registriert seit 18.10.2017

2020-05-26 16:24:25 Uhr
Tochter von Clive Owen??
Puh, da werden gleich die Vorurteil-Hormone in mir geweckt über "Künstler"-Nachwuchs vom begnadeten Jimmy Blue Ochsenknecht bis hin zu Luna Schweiger.

Der verlinkte Song ist aber tatsächlich schön, erinnert mich an Mazzy Star.
Werde der Platte mal nen Durchlauf geben. Ergebnis dann später..

squand3r

Postings: 69

Registriert seit 24.01.2019

2020-05-25 12:09:48 Uhr
Mir ist vorhin zufällig der Song 'Tudor' reingelaufen und dachte mir: wow, schöne Nummer, schaumermal ob PT dazu was zu sagen hat. Oh, Platte der Woche!! Und schon wieder eine weibliche Interpretin, wahnsinn was die Mädls konstant an Qualität rausbringen.

Xavier

Postings: 448

Registriert seit 25.04.2020

2020-05-20 22:37:50 Uhr
Schöner Song.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18344

Registriert seit 08.01.2012

2020-05-20 22:32:56 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. "Album der Woche"!

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