Public Practice - Gentle grip

Public Practice- Gentle grip

Wharf Cat / Cargo
VÖ: 15.05.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Kuscheln mit der Heizung

"New York I love you but you're bringing me down." Pech gehabt. "New York is killing me." Atemberaubende Erfahrung. "I'm moving to New York 'cause I've got problems with my sleep." Na dann gute Nacht. Glaubt man solchen jüngeren popkulturellen Einlassungen, ist es um den Big Apple nicht allzu gut bestellt. 2019 musste mit Automatic sogar ein Damentrio aus Los Angeles her, um den New Yorker Sound der ausgehenden siebziger und eingehenden achtziger Jahre überzeugend nachzustellen: New und No Wave, Punk-Funk sowie Nachwehen von Disco und Glam in modernen Schläuchen waren auf "Signal" jede Zuckung wert. Höchste Zeit, dass sich mit Public Practice wieder eine einheimische Band anschickt, die gesellschaftliche Zersplitterung der damaligen Zeit musikalisch zu illustrieren – zumal sich seither nicht besonders viel daran geändert hat.

Beispiel gefällig? "Transmit the message to the receiver / Hope for an answer some day" oder "Try to stay healthy, physical fitness / Don't want to catch no disease." Zeilen aus "Life during wartime" vom Meisterwerk "Fear of music" der Vorzeige-New-Yorker Talking Heads – die aber genauso gut auf diesem Debüt auftauchen könnten, wenn Sängerin Drew Citron sich in einer im doppelt schlechten Sinne viral geprägten Realität zurechtzufinden versucht. Die erfolgreiche Gegenprobe "Cities" heißt genauso wie ein weiterer Song von David Byrne und Kollegen und lässt die Riffs so frostig klirren, als habe Gitarrist Vince McClelland sein Mosrite-Instrument frisch aus dem Eisfach gezogen. Bloß nicht zu viel menschliche Wärme, nachdem der Opener "Moon" bereits aus dem elektronischen Reinraum sendete und am Ende in punkiges Drum-Stakkato eskaliert ist.

Bei diesem grandios stachligen Auftakt fast verwunderlich, dass es sich bei Public Practice nicht um durchgeknallte Wissenschaftler mit Art-School-Background und Bienenkorb-Frisuren, sondern um ein zu gleichen Teilen gemischtgeschlechtliches Quartett handelt. Trotzdem sind Devo, The B-52's, Talking Heads und deren aktuelle Wiedergänger !!! auf "Gentle grip" geistig omnipräsent. Im ungemütlich die Eingeweide knetenden Basslauf von "Disposable" wie bei "Each other", wo die Gitarre zunächst tonlos die Stimmung anheizt und sich dann kantig durch eine wunderbar funky Mogelpackung reduzierten Fuck'n'Roll zieht. "See you when" könnte sogar ein auf die Knochen abgemagerter, bis ans Herz kühler Talking-Blues sein – wäre da im Text nicht die charmante Absage "... I want to". Wer kuscheln will, soll sich doch an die Etagenheizung halten.

Mit Verspätung kommen Public Practice schließlich doch in Hitzewallung – und lassen mit "My head" einen phänomenalen, aus allen Ecken klackernden und bimmelnden Dance-Hit da, den fett aufgetragene Streichersätze so zwingend in einen Studio-54-artigen Club verfrachten, dass Debbie Harry den aus Blondies "Rapture" stibitzten Gong wohlwollend abnickt. Auch die kratzbürstigen Riot-Grrrl-Winkelzüge von "Compromised" und der vergleichweise liebliche Groover "Understanding" verdeutlichen: "Gentle grip" genügt sich selbst keineswegs als Surrogat von Trends, die 40 Jahre auf dem Buckel haben, sondern ist mit allen Pop-Schmelzwassern gewaschen, die ein durchweg großartiges, zuweilen sogar großes Album ausmachen. Zahlreiche Bands werden es ihnen danken – sollte es bald wieder als cool gelten, aus New York zu kommen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Moon
  • Cities
  • My head
  • Compromised

Tracklist

  1. Moon
  2. Cities
  3. Disposable
  4. Each other
  5. Underneath
  6. See you when
  7. My head
  8. Compromised
  9. Understanding
  10. Leave me alone
  11. How I like it
  12. Hesitation

Gesamtspielzeit: 43:57 min.

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Armin

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2020-05-20 22:31:16 Uhr - Newsbeitrag
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