Modern Studies - The weight of the sun

Modern Studies- The weight of the sun

Fire / Cargo
VÖ: 08.05.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Unfassbaren

Wer erinnert sich noch an "Welcome strangers" von Modern Studies? Wahrscheinlich die Wenigsten. Vielleicht hätte der Rezensent die – im Nachhinein verdiente – 8/10 zücken müssen, um die Platte vor dem von Mr. 7/10 aufgehaltenen Schlund des Vergessens zu bewahren. Immerhin liefert die britische Band zwei Jahre später schon die nächste Chance, die dieses Mal per Direktabnahme im Kasten landet. Ihr eigenständiger, verspielter Psychedelic-Folk lebt immer noch in einem Idyll der Gegensätze. Hier tanzt ein klassisches Rockband-Lineup mit orchestralen Akzenten, Jahrhunderte alte Musiktradition trifft auf modernen Pop und dringliche Rhythmen verschmelzen mit pastoralen Harmonien. "The weight of the sun" kanalisiert seine Elemente direkter als zuvor, büßt aber nichts von der alten Magie ein. Die Musik von Modern Studies mit einem Landschaftsbild zu vergleichen, würde ihr nicht gerecht werden, weil sie eine viel lebendigere Form der Natur vermittelt. Alles ist in ständiger Bewegung, fließt, krabbelt, weht und wächst. Dass die Frontleute Emily Scott und Rob St. John in Edinburgh und Lancashire mit dem halben Vereinigten Königreich zwischen sich leben, verwundert nur auf den ersten Blick. Wer solche akustischen Synergien erzeugt, muss mit einer von räumlicher Distanz gelösten, spirituellen Verbindung gesegnet sein.

Aus dem Dialog von Natur und Kosmos entspringt der Opener "Photograph". Ein erdiges Riff und ein stoischer Groove buddeln in fruchtbarem Boden, während ein wiederkehrender Schwall von Gitarren und Synths den Song ins All zu schießen versucht. Ein solches Verständnis von progressiver Popmusik kann wohl nur eine von sämtlichen Trends und Hypes befreite Band aus den schottischen Postkarten-Weiten entwickeln. Nicht, dass sich Modern Studies ganz losgelöst von der Musikgeschichte bewegen würden – beim durch die Dämmerung schwankenden "Run for cover" stellt sich unweigerlich die Frage, wie wohl eine Gothic-Version von den Doors geklungen hätte. "The blue of distance" drängelt ähnlich zügig nach vorne, nähert sich dem klassischen Indie-Rock an und verkörpert dessen ideales Beieinander von Euphorie und Melancholie. Das luftige, vom Country geküsste "Heavy water" setzt mehr auf Melodie als auf Rhythmus. Scotts kristallklarer Mezzosopran und St. Johns Bariton – noch ein Gegensatzpaar – sind bis zum wundervollen Flöten-Finale zur Einheit verschmolzen. Sie singen von Hypothermie oder Herzschmerz, das wissen sie selbst nicht so genau. Viel Zeit zu überlegen bleibt nicht, konzentriert das folgende "She" in gut drei Minuten alles, was das von den Multi-Instrumentalisten Pete Harvey und Joe Smillie komplettierte Quartett so grandios macht.

Einer feinen Klavierspur folgend schlängelt sich "Corridors" durch die titelgebenden Flure, während "Signs of use" seine Meditation in einen erhabenen Schlussakt überführt. Auch wenn die meisten Songs auf "The weight of the sun" kompakter als früher daherkommen, hat der Vierer sein mit allen (un)möglichen Instrumenten vollgestopftes Studio keineswegs ausgemistet. "Brother" fügt dem Band-Kosmos sogar neue Facetten hinzu, indem es mit Bass, Orgel und geschäftiger Percussion den Funk für sich entdeckt. Wenn am Ende jenes Stücks ein Xaphoon, ein Saxofon-Klarinetten-Hybrid, erklingt, steht das stellvertretend für all die Details, die in jeder Ecke des Albums auf ihre Entdeckung warten. Nervöse Streicher winden sich um "Back to the city" und kommen in der warmen Umarmung von "Jacqueline" zur Ruhe. Welchem lateinamerikanischen Tanz sich das Piano-Riff von "Spaces" zuordnen lässt? Das bleibt ebenso fraglich wie die Bedeutung des poetischen Closers "Shape of light": "The whale-black bruise of the twilight line / Sleet on slaps unspooling time." Die wunderbaren Geheimnisse, die Modern Studies ihre faszinierende Unfassbarkeit verleihen, offenbaren sich aber eh nicht beim Blick auf die Lyrics oder die verschwimmenden Farben des Covermotivs, und am allerwenigsten in den Worten dieses Textes. Scott und St. John wissen es selbst am besten: "The ear finds what the eye avoids."

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Heavy water
  • She
  • Brother
  • The blue of distance

Tracklist

  1. Photograph
  2. Run for cover
  3. Heavy water
  4. She
  5. Corridors
  6. Signs of use
  7. Brother
  8. The blue of distance
  9. Back to the city
  10. Jacqueline
  11. Spaces
  12. Shape of light

Gesamtspielzeit: 46:07 min.

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Armin

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2020-05-20 22:31:05 Uhr - Newsbeitrag
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