Reinhard Mey - Das Haus an der Ampel

Reinhard Mey- Das Haus an der Ampel

Odeon / Universal
VÖ: 29.05.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Im Mai, im Mai

Verlässlichkeit ist eine unterschätzte und mitunter etwas belächelte Tugend. Unterschätzt und belächelt wird hin und wieder auch Reinhard Mey, der manchen als der harmloseste unter den deutschsprachigen Liedermachern seiner Generation gilt. Als einer, der sich lieber den Nebensächlichkeiten des Alltags widmet und das Glück im Schoße der Familie sucht, statt unermüdlich gegen die Mächtigen und das System anzusingen. "Rückzugslyriker", "Heino fürs Dritte Programm" und "Heintje für geistig Höhergestellte" wurde er ehedem genannt, vermerkt Wikipedia. So verkürzt und schief das Bild des klampfenden und singenden Neospießers jedoch auch sein mag, was seine Veröffentlichungstermine angeht, ist der Wahl-Sylter die Verlässlichkeit in Person. Seit eh und je erscheint ein neuer Mey im homophonen Monat, allein die Frequenz ist mit zunehmendem Lebensalter etwas zurückgegangen. Waren es zunächst je zwei und später je drei Jahre, liegen zwischen "Das Haus an der Ampel" und seinem Vorgänger nun erstmals vier.

Dafür kommt Album Nummer 28 – die zahlreichen Live-Platten und Kompilationen nicht mitgezählt – gleich in doppelter Ausführung. Weil aber auch die regulären Studioaufnahmen bis auf wenige Ausnahmen eher sparsam instrumentiert sind, fällt der Unterschied zu den Unplugged-Versionen im "Skizzenbuch" auf CD2 in den meisten Fällen nicht besonders ins Gewicht. Das, worauf es ankommt, sind ohnehin die Melodien und Texte. Mey ist und bleibt ein Geschichtenerzähler, der mal spöttisch, mal melancholisch vom Dasein mit all seinen Höhen und Tiefen berichtet und dabei vor allem aus seinem eigenen Leben und unmittelbaren Erfahrungen schöpft. Das titelgebende "Haus an der Ampel" meint das Elternhaus, das zum Ausgangspunkt einer mäandernden Erinnerungsarbeit wird, mit "In Wien" begibt Mey sich zurück an den Anfang der Karriere. Der Familienmensch zeigt sich gleich mehrfach, wobei vor allem "Der Vater und das Kind", eine intime Auseinandersetzung mit dem tragischen Tod seines Sohnes Maximilian, bleibenden Eindruck hinterlässt. Ebenso wie die Fabel von "Gerhard und Frank", die in tröstenden Worten von Krankheit und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Ende handelt.

Neben Leben und Sterben sind es unscheinbare Gegenstände oder alltägliche Situationen, denen der Chansonnier seine Aufmerksamkeit schenkt: Das Anstehen vor der Eisdiele in "Menschen, die Eis essen" oder das geliebte Schreibutensil, welchem "An meinen Bleistift" ein kleines Denkmal setzt. In Sachen Sprachfertigkeit macht diesem Poeten des Alltags immer noch kaum einer was vor. Dass hin und wieder ein Bild etwas zu abgedroschen oder schablonenhaft gerät, Mey der Sentimentalität mehr als nur ein bisschen zugeneigt ist, lässt sich verschmerzen. "Alles ist gut / Nichts, das ich entbehr' / Alles ist leicht / Was will ich mehr", heißt es zusammenfassend in "Was will man mehr" – und wenn das so ist, ist das schon ok. Nicht jeder muss auf seine alten Tage verbittern. Oder zum jähzornigen Menschenfeind werden. Und so frönt das leicht jazzige "Ich liebe es, unter Menschen zu sein" zwar augenzwinkernd der Misanthropie, aber natürlich ist das alles nicht so gemeint. Womit dann aber auch deutlich sein dürfte, wo vielleicht das Problem liegt. Denn wer Mey immer schon zu altbacken, betulich oder gefühlsduselig fand, den wird auch "Das Haus an der Ampel" nicht von seiner Meinung abbringen. Für alle anderen kommt dieses gleichermaßen nachdenklich stimmende wie tröstliche und versöhnende Stück Musik genau zur richtigen Zeit – im Mai 2020.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Das Haus an der Ampel
  • Menschen, die Eis essen
  • Gerhard und Frank


Tracklist

  • CD 1
    1. Im Hotel zum ewigen Gang der Gezeiten
    2. An meinen Bleistift
    3. Das Haus an der Ampel
    4. Der Vater und das Kind
    5. In Wien
    6. Bleib bei mir
    7. Häng Dein Herz nicht an einen Hund
    8. Glück ist, wenn Du Freunde hast
    9. Menschen, die Eis essen
    10. Ich liebe es, unter Menschen zu sein
    11. Gerhard und Frank
    12. Wiegenlied
    13. Wir haben jedem Kind ein Haus gegeben
    14. Zimmer mit Aussicht
    15. Was will ich mehr
    16. Scarlet ribbons (feat. Victoria-Luise Mey)
  • CD 2
    1. Im Hotel zum ewigen Gang der Gezeiten
    2. An meinen Bleistift
    3. Das Haus an der Ampel
    4. Der Vater und das Kind
    5. In Wien
    6. Bleib bei mir
    7. Häng Dein Herz nicht an einen Hund
    8. Glück ist, wenn Du Freunde hast
    9. Menschen, die Eis essen
    10. Ich liebe es, unter Menschen zu sein
    11. Gerhard und Frank
    12. Wiegenlied
    13. Wir haben jedem Kind ein Haus gegeben
    14. Zimmer mit Aussicht
    15. Was will ich mehr
    16. Scarlet ribbons (feat. Victoria-Luise Mey)

Gesamtspielzeit: 140:47 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Autotomate

Postings: 2345

Registriert seit 25.10.2014

2020-05-22 09:37:39 Uhr
Ah danke, hätte ich auch selber drauf kommen können :-°

tumbleweed

Postings: 260

Registriert seit 02.09.2019

2020-05-22 09:19:04 Uhr
lies die Kritik ^^

Autotomate

Postings: 2345

Registriert seit 25.10.2014

2020-05-22 09:13:57 Uhr
"Neospießer", was für ein hässliches Wort... Aber wer nennt den so?

tumbleweed

Postings: 260

Registriert seit 02.09.2019

2020-05-22 08:34:09 Uhr
Neospießer? Wieso das? Man kann das mögen was er amchtr oder nicht....als Mensch hätte ich Ihn jedoch nie als Spießer betrachtet. Weder konventionell noch Neo.

Kamm

Postings: 217

Registriert seit 17.06.2013

2020-05-21 13:33:03 Uhr
Liedermacher? Reinhard Mey ist doch phater Old-School-Hip-Hop.

Krasser Shit

Nur true mit den Gang-Shouts ab 1:40 :D
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