Heads - Push

Heads- Push

Glitterhouse / Indigo
VÖ: 29.05.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Monochrome Vielfalt

Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig es braucht, um gute Musik zu machen. Gitarre, Schlagzeug, Bass, Gesang. Das Rezept ist so alt wie das Genre Rock selbst. Heads verdeutlichen das auf sehr eindrucksvolle Weise. Repetitive Grooves, dreckig-erdige Basslinien, feine dissonante Gitarrenlinien und jede Menge Riffs. Darüber passiv-aggressiver, betont kalter Sprech-Gesang. Die deutsch-australische Band vertont monochrome Szenen geisterhafte Städte. Ihre Songgebilde spiegeln den lyrischen Gehalt in einem 1:1-Verhältnis wider. Musikalisch knarzende, leerstehende Rohbauten. Durch die verwahrloste Sound-Industrie strauchelt ein Mann, angepisst und lustlos spuckt er seine Worte aus.

Heads spielen schmucklosen, man könnte sagen spröden, vor allem aber ehrlichen Noise-Rock, der seine Wurzeln nicht verschweigt. Was die Truppe aber von Sonic-Youth-Plagiatoren unterscheidet, ist die überwältigende Schwere der Rhythmusfraktion, die Doom und Sludge nähersteht, als ihre rockige Ausrichtung zunächst vermuten lässt – was durch den Mix von Cult Of Lunas Magnus Lindberg nochmal fett unterstrichen wird. Über diesem Fundament sind feine Post-Rock-Sprenkel gesät, die Swans’ Kristof Hahn mit seiner Lap-Steel-Gitarre beisteuert und die immer wieder Lichtstreifen ins Dunkle reißen, die harten kantigen Kompositionen auflockern. Dabei stechen die großartige räumliche Produktion und die Dynamik im Songwriting hervor. Furztrockene Härte und sphärische Weite umarmen sich hier und kreieren einen spannungsreichen Albumfluss. Heads haben keine Wertschätzung für Farbe, wohl aber für Kontraste.

Manche Tracks gehen dabei erbarmungslos und catchy direkt nach vorne. In "Push you to to sea" spielt die Band einen tight groovenden, eigentümlich dissonanten Post-Punk, und in "Nobody moves and everbody talks" zelebriert sie umgekehrt das, was sie ankreidet – einen derart tanzbareren Anti-Hit gab es dieses Jahr noch nirgends zu hören. Andere Songs hingegen bauen sich langsam und behäbig auf und fallen dann antiklimatisch in sich zusammen, zerbröckeln wirkungsvoll nach hinten raus. So schwillt "Loyalty" an, erzeugt eine unbehagliche Atmosphäre, wartet auf einen Befreiungsschlag und verhallt dann doch nur – das Klanggebilde intoniert und hinterlässt nichts als Schutt. Auch das knapp achtminütige Kernstück des Albums "Paradise", das eher die Hölle beschwört als das besungene Paradies, mündet in einen Groove, der von einem walzenden Riff malträtiert wird – und erodiert urplötzlich. Was am Ende bleibt, sind verhallt-sphärische Gitarren, fast schon zarte melodische Akkorde, ein warmer Bass und ein Schlagzeug, das jazzig vor sich hin rumpelt. Heads wissen, wie man wirkungsvoll mit der Erwartung der Hörenden spielt.

Was aber alle Stücke eint, ist die nihilistische Grundstimmung, die Hoffnungslosigkeit, die sich als graues Leitmotiv durch das Album zieht, einen, wie der Titel ankündigt, immer weiter nach vorne stößt. Wo die Platte am Anfang in ihrer tristen Veranlagung unnahbar bleibt, rückt sie doch mit jedem Hördurchgang näher, bis die Kälte in die eigenen Glieder kriecht, einen vollständig ergreift und einen letztlich die urbane Depression nicht mehr loslässt.

(Benedikt Stamm)

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Highlights

  • Loyalty
  • Rusty sling
  • Paradise

Tracklist

  1. Empty towns
  2. Weather beaten
  3. Push you out to sea
  4. Loyalty
  5. Rusty sling
  6. Nobody moves and everybody talks
  7. It was important
  8. A swarming tide
  9. Paradise
  10. As your streets get deserted

Gesamtspielzeit: 35:39 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

noise

Postings: 688

Registriert seit 15.06.2013

2020-05-29 23:18:54 Uhr
Ab heute im Handel und hier in voller Pracht:
https://www.visions.de/news/30862/VISIONS-Premiere-Heads-streamen-neues-Album-Push
Wieder mal ziemlich geil geworden!

tumbleweed

Postings: 250

Registriert seit 02.09.2019

2020-05-22 08:51:21 Uhr
Habe die Band zuvor nicht gekannt, höre aber auch deutliche Einflüsse von düsterem Post-Punk. Mir sind gleich frühe Songs von Red Lorry Yellow Lorry eingefallen (falls einem das noch was sagt^^)

noise

Postings: 688

Registriert seit 15.06.2013

2020-05-21 11:49:01 Uhr
Die beiden bekannten Stücke sind schon mal sehr gut. Wundert auch niemanden, der die ersten beiden Scheiben kennt.
Schöner Noise Rock mit Punk Anleihen. Mir gefällt vor allem der knarzige Bass.

@Armin
Genau genommen schreibt sich der Name der Band mit einem Punkt dahinter.

Rainer

Postings: 414

Registriert seit 22.03.2020

2020-05-21 00:05:12 Uhr
Interessante Referenzen, mal reinhören.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17656

Registriert seit 08.01.2012

2020-05-20 22:30:28 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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