Charli XCX - How I'm feeling now

Charli XCX- How I'm feeling now

Atlantic / Warner
VÖ: 15.05.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Heimarbeitsplatte

Wir werden uns einmal an das musikalische 2020 erinnern als ein Jahr, in dem grobkörnige Homevideos, akustische Coverversionen und mehr oder weniger fehlgeleitete Charity-Clips Hochkonjunktur hatten. Und nicht selten bewiesen, dass "gut" und "gut gemeint" meist nach wie vor Gegensätze sind. Dass Charli XCX indes nach ihren eigenen Regeln spielt, überrascht nach bald einer Dekade chamäleonhafter Wandlungen nicht mehr. "How I'm feeling now" hat sie zum Großteil in coronabedingter Isolation zu Hause geschrieben und aufgenommen, quasi in Echtzeit mit fester VÖ-Deadline. Umgeben war sie nur von ihrem Partner Huck Kwong und zwei weiteren Freunden. Wer nun jedoch ein stilles, reflektiertes Abhandeln über die innere Einsamkeit erwartet, bekommt unmittelbar vom brachialen Opener "Pink diamond" die Hirnrinde aufgesägt, die Synapsen neu verdrahtet und ein Gemisch aus Elektroschock und Bratpfanne um die Ohren gehauen. "I just wanna go real hard / Pink diamond in the dark", wiederholt sie stoisch, während drumherum die metallische Reizüberflutung stattfindet. Selbst bei Aphex Twin Mitte der Neunziger wäre so viel Lärm bemerkenswert gewesen.

Also nicht gerade Deine akustische Homerecording-Coverversion. "How I'm feeling now" begibt sich zwar in der Folge in gemäßigtere Gewässer, ist aber an der Oberfläche oft voller Skitter-Effekte, dissonant, laut. Der Vorgänger "Charli" ist da nicht weit weg, jedoch sind ganz offensichtlich eingängige Hits wie "Gone" oder "Blame it on your love" Fehlanzeige. Aitchison thematisiert häufig ihre Liebe und Beziehung zu Kwong – das erscheint schlüssig, schließlich verbringen die beiden aktuell mehr als genug Zeit miteinander. "I will always love you", verspricht sie ganz einfach in "Forever", das seine wunderbare melodische Songführung gerne mal zwischendurch in Flusssäure tunkt. Das entgegen des Titels eher besonnene "Detonate" sieht die schattigen Stunden: "All my silence resonates / Think you worked me out, but you're wrong." Am Ende hört man eine sehr leise Explosion, als ob sie nur in Aitchisons Kopf stattfände.

Als Kontrast zu den persönlichen Bekenntnissen gibt sich "How I'm feeling now" häufig bemerkenswert harsch. Als ob Madame XCX ihre eigene Rastlosigkeit jetzt voll und ganz in der Musik ausleben müsste, schlagen selbst die introvertiertesten Stücke Haken und Ösen. Besonders starke Ergebnisse erzeugen diese Gegensätze am Ende der Platte, wenn es wirklich der Dancefloor-Ersatz sein muss. "Anthems" atmet Neunziger-Rave-Luft, erinnert mit seinem zerstörerischen Drang sich zu bewegen an Tracks wie Björks "Pluto". "I want anthems / Late nights, my friends, New York / [...] / These days exhausting / Go online shopping / I'm so uninspired, I just wanna breathe." Da kann vermutlich jeder mitfühlen, der sich auch Normalität zurückwünscht. "Visions" spinnt als Closer den Faden weiter. "You and I, we really went dark", heißt es am Anfang, später bricht der Elektrobeat unvermittelt aus und sorgt für einen grandiosen Abschluss.

"C2.0", die Fortsetzung zu "Click" von "Charli", dreht dessen Wandlung um und lässt nach aggressivem Beginn immer mehr Harmonie zu. Die besungene Posse ist natürlich abwesend – genau wie auch der Rest von "How I'm feeling now" dem Konzept und den Umständen entsprechend keine Features beinhaltet. So bleibt es beim getoasteten "I miss them every night / I miss them by my side." Das Album schlicht als Charlis "Corona-Platte" zu betiteln, würde ihr aber nicht gerecht. Zu universell berührend ist es, wenn "Claws" die schönste Liebeserklärung ist, die ein Roboter auf Band säuseln könnte, oder das funkelig-poppige "Enemy" das Sprichwort "Keep your friend close, but your enemies closer" auf den eigenen Lebensgefährten münzt. "How I'm feeling now" ist eine Wundertüte voller Ideen, die Aitchisons Sound eigenständig weiterentwickeln. Das Modell Homeoffice – für Charli XCX offenbar kein Problem.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Forever
  • Anthems
  • Visions

Tracklist

  1. Pink diamond
  2. Forever
  3. Claws
  4. 7 years
  5. Detonate
  6. Enemy
  7. I finally understand
  8. C2.0
  9. Party 4 u
  10. Anthems
  11. Visions

Gesamtspielzeit: 37:05 min.

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User Beitrag

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 7048

Registriert seit 23.07.2014

2020-05-21 21:48:41 Uhr
So bisher würde ich die 7/10 auch unterschreiben können, aber kann mir vorstellen dass es noch gut wächst.

Edrol

Postings: 181

Registriert seit 19.10.2018

2020-05-21 20:56:55 Uhr
Ich finde die 7/10 auch passend. Musste das Album sogar mehrere Male hören, um überhaupt auf diese Wertung zu kommen, denn anfangs fand ich es mäßig toll. Aber mittlerweile habe ich doch einiges auf dem Album im Ohr - besonders schön finde ich die Mitte mit "Enemy" und "Detonate". Der Opener ist natürlich auch ein Kracher und "Forever" ein sehr angenehmer Hit. "True Romance" bleibt aber mein Lieblingsalbum von ihr.

jo

Postings: 1492

Registriert seit 13.06.2013

2020-05-21 20:54:07 Uhr
Bei allen "Mainstreampopalben", wenn man so will, kann ich die Bewertung hier allerdings am besten nachvollziehen :).

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 5107

Registriert seit 26.02.2016

2020-05-21 20:47:14 Uhr
Nicht, wenn ich rezensiere. :-P

SussexRoyal

Postings: 369

Registriert seit 10.04.2020

2020-05-20 23:35:55 Uhr
Eine 8/10 ist es allemal, aber eine 7/10 von hier für ein Mainstreampopalbum ist ja quasi eine 8/10 ^^
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