Einstürzende Neubauten - Alles in allem

Einstürzende Neubauten- Alles in allem

Potomak / Indigo
VÖ: 15.05.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Stehen auf Berlin

Berlin und Einstürzende Neubauten gehören zusammen. Schon immer. Die geteilte Stadt war Kulisse und Werkzeug, als alles begann. 40 Jahre sind seitdem vergangen. Die Mauer stand nur 28 Jahre lang. Dimensionen des Vergänglichen. Überhaupt, die Zeit. Als "Alles wieder offen", das letzte reguläre Album der Band, erschien, lag die Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg vier Jahre in der Zukunft. Nun, da "Alles in allem" das Licht der Welt erblickt, sind es offiziell noch fünf Monate. Vielleicht gehen in Berlin die Uhren anders. Sich diesem neuen Werk der Gruppe um den Charmeur und Exzentriker Blixa Bargeld zu nähern, ist erstaunlich einfach. Einladend, ja wohlklingend beginnt es. Angetrieben von einem dieser unverkennbaren Neubauten-Grooves rezitiert Bargeld in "Ten grand goldie" eine jener unverkennbaren Assoziationsketten. Nur, dass der Text diesmal größtenteils von Fans stammt. Ein Auftakt nach Maß für ein Album, das in vielerlei Hinsicht einen Kreis schließt. Es ging dereinst von A nach B, der Liebe wegen. Nun geht es nach Hause. Nach und um Berlin.

Leise Töne dominieren. Die Mär vom Alterswerk lauert in den Fingern. Aber was ist das schon, das Alter. Auch nur eine Station zwischen jetzt und nichts. Orte werden besungen, mit bedächtig gewählten Worten. Bargeld schreitet durch seine Stadt. Er beobachtet und erzählt. Selbstverständlich verweilt er im Ungefähren. So richtet er in "Grazer Damm" gleichzeitig den Blick aus dem Fenster und in die eigene Vergangenheit. Die Gedanken machen sich selbstständig, das Treiben draußen nimmt apokalyptische Züge an. Nur ein paar Akkorde und Percussion-Elemente begleiten die Reminiszenzen des Sängers. Zurück bleiben Ruinen, wie so oft. Deutlich optimistischer klingt "Am Landwehrkanal". Ein einprägsames Bass-Ostinato bildet den Ausgangspunkt für einen Song, der alle Stärken der späteren Schaffensphase der Band in sich vereint. Bargeld singt beseelt, ein Akkordeon hebt die Stimmung. "Wir hatten tausend Ideen und alle waren gut", stellt der Vokalist fest. Da ist sie wieder, die Vergänglichkeit.

Neben "Ten grand goldie" ist "Taschen" wahrscheinlich der größte Hit des Albums. Der Song nimmt sich viel Zeit. Wieder einmal meditiert Bargeld über das Warten, diesmal wird er dabei von zurückhaltend eingesetztem Schlagwerk und allerhand Geigen und Glockengeläut begleitet. So muss Wärme klingen. Es gibt nur einen einzigen Moment des Lärms auf dem Album, dieser fährt dem Hörer aber umso intensiver in die Knochen: "Zivilisatorisches Missgeschick" lässt die Maschinen jaulen wie zu besten Zeiten. Doch der Krach verflüchtigt sich so rasch, wie er gekommen ist. Was bleibt, ist ein Wabern, das frappierend an "Sonnenbarke" erinnert. Fast will man es sich gemütlich machen, bevor erneut die Hölle losbricht. "Das meiste ist abgelaufen", konstatiert Bargeld, ehe die Guillotine herniederfährt: "Wir leben hier nicht mehr / Schon lange nicht." Der Stand der Dinge ist leer.

"Alles in allem" ist ein Album von erstaunlicher Homogenität. Konzeptionell, klangtechnisch und textlich greifen die einzelnen Elemente in beeindruckender Manier ineinander. Freilich werden jene, die die Lärmorgien früherer Tage vermissen, hier nicht glücklich werden. Aber hierzu wurde bereits alles gesagt. Niemand klingt so wie Einstürzende Neubauten. Wenige können die deutsche Sprache so schwirren lassen wie Blixa Bargeld. "Alles in allem" ist dann auch der Song, in dem die Fäden zusammenlaufen. "Ein Schwätzer versucht, dem Felsen etwas einzureden / Der es versucht, aber doch nicht flüchten kann / Eine Wolke mit kleinen Augen hat sich abgelöst / Erdreste hängen ihr noch an", lauten die ersten Verse. Wer bauen will, muss formen. Wer formt, nimmt. Flüchtig ist die Luft, die der Mensch atmet, fragil der Balanceakt zwischen Werden und Vergehen. "Tempelhof" fängt dies schließlich auf wunderbare Weise ein. Streicher flirren im Hintergrund, eine Harfe setzt Akzente. Die Natur holt sich zurück, was ihr genommen wurde. Mit der Zeit, in Berlin. Material für die nächste Schicht.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Am Landwehrkanal
  • Zivilisatorisches Missgeschick
  • Alles in allem
  • Tempelhof

Tracklist

  1. Ten grand goldie
  2. Am Landwehrkanal
  3. Möbliertes Lied
  4. Zivilisatorisches Missgeschick
  5. Taschen
  6. Seven screws
  7. Alles in allem
  8. Grazer Damm
  9. Wedding
  10. Tempelhof

Gesamtspielzeit: 44:03 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

ExplodingHead

Postings: 82

Registriert seit 18.09.2018

2020-05-20 01:19:28 Uhr
Konnte sie heute auswärts auf Spotify das erste mal (allerdings eher als Hintergrundgeräusch im Gespräch) hören und muss sagen, dass sie mir auf Anhieb eher etwas langweilig vorkam; klar ist das ruhiger, aber unverwechselbarer Neubauten-Sound, und vielleicht reissen es die Texte noch raus, wenn man sich drauf konzentrieren kann, aber irgendwie kam sie mir insgesamt etwas fad vor. Keine positiven Ausreisser wie "Nagorny Karabach", "Weil, Weil, Weil" oder "Let's Do It A Dada", die sich sofort in mein Hirn saugten, als ich die auch insgesamt eher ruhige "Alles wieder Offen" das erste Mal hörte.

AVMsterdam

Postings: 349

Registriert seit 13.03.2017

2020-05-19 20:31:25 Uhr
... und was bekimmt man zum Ausgleich? Das ist doch ziemlich fades Ambient.

Vielleicht schenke ich dem einen zweiten Versuch, aber ...

Christopher

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 1733

Registriert seit 12.12.2013

2020-05-19 20:29:56 Uhr
Auf den frühen Alben. Zwingender als damals können sie doch gar nicht mehr sein. Finde daher die Entwicklung nur nachvollziehbar.

AVMsterdam

Postings: 349

Registriert seit 13.03.2017

2020-05-19 20:14:06 Uhr
Finde ich sehr schwach, um ehrlich zu sein. Wo ist der Krach, wenn man ihn braucht?

ExplodingHead

Postings: 82

Registriert seit 18.09.2018

2020-05-18 15:45:52 Uhr
"...könnte fast Regener drüber singen..."

Drei Kreuze, dass Regener das nicht getan hat... und niemals tun wird.
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