Moses Sumney - Grae

Moses Sumney- Grae

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 15.05.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Neue Zonen

Moses Sumney hat nicht viel für konventionelle Deutungsmuster übrig. Das machte bereits sein Debütalbum klar, ein Statement des "Aromanticism". Sumney liebt nicht so, wie es die Gesellschaft von ihm will, asexuell oder richtungssuchend ist er aber genauso wenig – eine menschgewordene Grauzone eben. So legt sein zweites Werk "Grae" bereits im Titel nahe, dass die inneren Tumulte, ausgelöst von der Diskrepanz zwischen Norm und Selbst, noch lange nicht abgeklungen sind. Dieses Mal erweitert der 28-Jährige seinen Rahmen über die Liebe hinaus, weiß die neuen Ambitionen mit 20 Songs und zwei separaten Teilen (die ersten zwölf Stücke erschienen digital schon im Februar) auch formal abzubilden. An Faszination oder Intimität eingebüßt hat sein Art-Pop dabei nichts.

"Isolation comes from 'insula', which means 'island'". Sumney war auch geografisch immer schon ein Grenzgänger, wuchs in Los Angeles und Ghana auf und lebt jetzt in einer kleineren Stadt in North Carolina. Auch der klassische Heimatbegriff scheint ihm fremd und so bleibt die metaphorische Insel der einzige Fixpunkt. Das zieht ihn keinesfalls runter. "When my mind's clouded / And filled with doubt / That's when I feel most alive", heißt es in "Cut me", einem Song, der sich auch musikalischen Rastern entzieht. Er klingt befreit, locker, groovt sich mit Synth-Bass und seufzenden Bläsern sein eigenes Garn Neo-R'n'B zusammen und lässt das Leid nicht erahnen, von dem im Text die Rede ist: "If there's no pain / Is there any progress?"

Den Schmerz hat "Aromanticism" bereits erschöpfend kanalisiert, seinem Nachfolger obliegt die Entwicklung. Wo früher nur wenige Songs Percussion nutzten, breitet die erste Hälfte von "Grae" eine riesige Spielwiese für allerlei Ideen und Stimmungswechsel aus. Die Streicher, die das zarte "In bloom" zur großen Soul-Ballade formen, verstehen sich in "Conveyor" als Dynamo einer knapp vor Kurzschluss stehenden Industrial-Pop-Leitung. Dazwischen erhebt sich mit "Virile" ein Kernstück der Platte, in dem Sumney erst von Harfe und Piano, dann von polternden Drums und Gitarre begleitet über alberne Männlichkeitsideale herzieht – und dabei selbst einen hochenergetischen, muskulösen Rocksong erschafft, der ganz ohne Poser-Gesten auskommt.

Sumney pflegte schon künstlerischen Kontakt mit so illustren Kollegen wie Sufjan Stevens oder Thundercat und scheint aus all diesen Begegnungen etwas mitgenommen zu haben. Die Unberechenbarkeit und Flexibilität des Albums verleihen ihm eine Aura des Undefinierbaren, die seinem Titel gerecht wird. Über allem schwebt diese spezielle Stimme, gegossen aus dem Ektoplasma aller verstorbenen Soul-Granden, erschütternd bis ins Knochenmark. In "Gagarin" wird sie bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und bestärkt damit die anziehende Fremdheit dieser kargen Jazz-Landschaft – "haunting" nennt es der Engländer und hat Recht. "Neither/nor" ringt Sumneys Organ das ganze Spektrum ab: Dieses fiebrige, perkussiv treibende Trance-Folk-Instrumental hätten auch Radiohead abgenickt.

In der zweiten Hälfte nähert sich "Grae" wieder der Ästhetik des Debüts an. Sumney fleht, zittert und leidet sich durch introvertierte Klagelieder, unterstützt zumeist nur von Akustikgitarre, Ambient-Flächen und Chören aus dem Geisterreich. Die großen Melodien von Tracks wie "Polly" und die pure Emotionalität des Vortrags liefern mehr als nur einen Ausgleich für die abgestreifte Chamäleonhaut. "Two dogs" erinnert gar an das unsterblich schöne "Doomed" und scheint aus den Untiefen der eigenen Seele zu erklingen. Kurz vor Schluss darf für den Anti-Gospel "Bless me" die Band wieder einsteigen, während der Anti-Prediger sein Anderssein auch in einen biblischen Kontext packt: "You must be an angel / Your conscience is clean / Why would you sell yourself with a monster like me?" Für manche mögen die verschwommenen Grenzbereiche, in denen sich Menschen wie Sumney bewegen, verachtungswürdige Sündenpfuhle der Abnormität darstellen. Für uns sind sie die Schnittstellen, an denen Meisterwerke geboren werden.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Virile
  • Neither/nor
  • Polly
  • Two dogs
  • Bless me

Tracklist

  • CD 1
    1. Insula
    2. Cut me
    3. In bloom
    4. Virile
    5. Conveyor
    6. Boxes
    7. Gagarin
    8. Jill/Jack
    9. Colouour
    10. Also also also and and and
    11. Neither/nor
    12. Polly
  • CD 2
    1. Two dogs
    2. Bystanders
    3. Me in 20 years
    4. Keeps me alive
    5. Lucky me
    6. And so I come to isolation
    7. Bless me
    8. Before you go

Gesamtspielzeit: 66:05 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Otto Lenk

Postings: 615

Registriert seit 14.06.2013

2020-05-20 08:20:32 Uhr
Großes musikalisches Theater 9/10

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18352

Registriert seit 08.01.2012

2020-05-13 20:40:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18352

Registriert seit 08.01.2012

2020-02-10 19:16:49 Uhr - Newsbeitrag
"Moses Sumney excels in defiance" - Afropunk
"finds him taking his sound in directions he's never gone before" - Brooklyn Vegan
"Expect constant greatness" - Consequence of Sound
"matches his sonic artistry with expressive lyricism" - Hypebeast
"a triumphant return" - Paste
"a stirring, crashing piece of work" - Stereogum

Moses Sumney hat nun das Veröffentlichungsdatum für den ersten Teil seines mit Spannung erwarteten Doppelalbums "græ" bekanntgegeben. Dieser erscheint am 21. Februar 2020 via Jagjaguwar Records, der zweite Teil wie auch das physische Album werden am 15. Mai folgen. Vorab teilt Moses Sumney den neuen Track "Cut Me". Ein Song, der als Höhepunkt der bereits gefeierten, aber noch so jungen Karriere Sumneys gilt. Der erste Teil von "græ" umfasst die bisherigen Singles "Virile", "Polly" und "Conveyor", die Sumney diese Woche in Form einer Moog Sound Lab-Session debütierte.





In Verbindung mit der Veröffentlichung von "Cut Me" kündigt Sumney eine Residency und Installation im Bootleg Theater in Los Angeles von Mitte Februar bis Anfang März an. Im Rahmen der Residenz kehrt Moses an den Ort zurück, an dem seine Karriere als Live-Performer vor sechs Jahren begann. Dort wird er das Konzept des Doppelalbums "græ" - das Spektrum der Grautöne in Bezug auf Farbe, Verschiebung, Zwischenräume und marginale Identität - weiter untersuchen.

moses

"græ" erweitert das Klanguniversum, das in Sumneys gefeiertem Debütalbum "Aromanticism" und der anschließenden EP "Black In Deep Red, 2014" (2018) aufgebaut wurde. Hier kann das Doppelalbum vorbestellt werden.

Indem Sumney "græ" in zwei facettenreiche, dynamische Kapitel unterteilt, schafft er buchstäblich einen "grauen" Zwischenraum, in dem die Zuhörer die Kunst aufnehmen und betrachten können. Nicht unbedingt Singles, nicht unbedingt Alben, nie ganz allein Songs oder gesprochene Wortteile. Das alles ist weder hier noch dort. Weder das Eine, noch das Andere. Die Lieder auf "græ" mögen unterschiedlich erscheinen, aber es gibt immer diese Stimme, unverkennbar und durchdringend, welche die Stücke zusammenhält: eine himmlische Klinge, einen Walgesang, Miles' Flügelhorn.


Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 3038

Registriert seit 14.05.2013

2019-11-14 16:15:31 Uhr - Newsbeitrag
Kommt in zwei Teilen im Februar und Mai 2020.



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