Perfume Genius - Set my heart on fire immediately

Perfume Genius- Set my heart on fire immediately

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 15.05.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Demut kommt nach dem Fall

"I'm begging like a dog, ignore me / 90 minutes long, keep rolling, barely holding on / Now I'm singing." Während so manch einer mit 38 Jahren die wortwörtliche Mitte seines Lebens erkennt, nach vorne schaut und noch mal so richtig durchstarten will, scheint Mike Hadreas die Zeit zum Reflektieren über Vergangenes zu nutzen – und in gewisser Weise auch abzuschließen. Eigentlich kein Wunder: Der Mann hinter Perfume Genius hat schon mehr Leben hinter sich als viele andere im gleichen Alter, und nicht immer war es ein Zuckerschlecken. Nach Drogen- und Alkoholsucht, diversen körperlichen sowie mentalen Beschwerden und den dann ja doch irgendwie bei fast jedem Menschen auftretenden Ängsten während des Heranwachsens ist ein kleines Fazit am Ende des ersten großen Buches sicher nicht verkehrt. Dass Hadreas auf seinem fünften Studioalbum "Set my heart on fire immediately" dabei ein ums andere Mal so klingt, als würde er nicht mehr mit einer besonders großen zweiten Hälfte rechnen, gehört sicher ein bisschen zur Marke von Perfume Genius. Drama, baby?

Zu sagen hat der Gute zumindest noch einiges, und auch über ihn gibt es viel zu schreiben – so viel sogar, dass er für die dem Album beliegende Kurz-Autobiografie den vietnamesisch-US-amerikanischen Schriftsteller Ocean Vuong verpflichtete, dessen Roman "On Earth we're briefly gorgeous" an dieser Stelle eindringlich empfohlen wird. Gorgeous, das trifft auf "Set my heart on fire immediately" recht gut zu: 13 neue Songs gibt es, darunter die womöglich poppigsten in Hadreas' Karriere, hier mal pompös, dort fast schon schüchtern. Eine gute Mischung aus seinen bisherigen Alben also, dazu mit fast 50 Minuten die mit Abstand längste Gesamtspielzeit. "It was just a dream", macht sich der Opener "Whole life" anfänglich noch etwas vor und greift dann doch in die Vollen. Von der verhuschten Piano-Ballade zur verspielten Kammermusik bedarf es hier nur wenige Sekunden, Streicher begleiten den eben noch verunsicherten Traumwandler auf dem Weg zurück in die Realität, Hadreas singt sich um Kopf und Kragen und holt dabei doch eigentlich nur richtig Luft für das, was noch kommt. "Half of my whole life is done" – das kann sich mal deprimierend, mal versöhnlich anhören. Perfume Genius' fünftes Album weiß das. Es liefert glatt den Soundtrack für dieses melancholische Gefühl dazwischen.

Die Art und Weise, wie Hadreas hier mit dem Thema des Erwachsenwerdens umgeht, ist dabei entscheidend: "Set my heart on fire immediately" ist keine Coming-of-Age-Story, sondern der Rückblick von einem, der sich offenbar noch älter fühlt als er wirklich ist. Und so ist es erstaunlich, wie offen und ehrlich er in "Describe" mit früheren Versionen seiner selbst ins Gespräch geht, wie er einen depressiven Hadreas von damals, der sich eine Besserung seiner Situation nie vorstellen konnte, an die Hand nimmt, wie er sich den Kopf waschen lässt, wie er sich selbst zuhört und doch auch berät. "On the floor" räkelt sich derweil abwechselnd voller Hingabe und Lust auf dem Schlafzimmerboden, krümmt sich vor Übelkeit und Schmerzen auf dem Badezimmerteppich vor der Wanne, schwingt sich von einer Ecke des Underground-Clubs in die andere. Tanzbar ist das allemal, wenn Hadreas sich einerseits frei in seiner Homosexualität bewegt, ebenso regelrecht bewegend, wie er sich noch immer vor Übergriffen ignoranter Arschlöcher fürchtet. Manchmal liegen Freud und Leid eben fast ein wenig zu nah beieinander.

Düsterer und verführerischer wird es in "Your body changes everything", das seine eigene Panik vor Intimität glatt über Bord wirft und mit einer Faszination fürs Physische ersetzt: Körper bewegen sich lasziv aufeinander zu, umgarnen sich, berühren sich, eine gewisse Kälte bleibt bestehen. Wie bei einem Fremden, der zumindest für ein paar Stunden zum wichtigsten Menschen der Welt wird. Weg von allem Greifbaren, tief rein ins Seelische geht es mit "One more try", welches in der vorhin noch angedachten Traumsequenz den Drahtseilakt zwischen Gut und Böse bewältigt und in beiden Seiten den einen oder anderen Vorteil zu erkennen vermag. Hauchzart umschmeichelt der Falsett-Gesang von "Jason" währenddessen die Ohrmuschel des mittlerweile ebenfalls hin- und herschwankenden Zuhörers, der bei so viel Leben auf einem Album selbst schneller zu altern scheint. Verbuchen wir es als Erfahrung. Verrückt ist es ja, dieses Leben, das ein anderer geführt hat, das mal so säuselig-sanft daherkommt wie die erste Minute des grandiosen "Some dream" und bei dem urplötzlich doch die Elektrische loslegt und für einen schnelleren Puls sorgt. Am Ende bleibt doch nur der Rückblick. Von 2010 bis heute: Zehn Jahre ist es her, dass Mike Hadreas mit seiner ersten Single auf sich aufmerksam machte. "Briefly gorgeous"? Kaum auszudenken, wie diese letzte Dekade ohne ihn gewesen wäre. Und der Mann hat noch immer ein halbes Leben vor sich! Was für ein Glück. Für ihn. Und für uns.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Whole life
  • Describe
  • On the floor
  • Some dream

Tracklist

  1. Whole life
  2. Describe
  3. Without you
  4. Jason
  5. Leave
  6. On the floor
  7. Your body changes everything
  8. Moonbend
  9. Just a touch
  10. Nothing at all
  11. One more try
  12. Some dream
  13. Borrowed light

Gesamtspielzeit: 49:32 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

saihttam

Postings: 1582

Registriert seit 15.06.2013

2020-05-26 01:39:42 Uhr
Ich mag die alten Sachen schon auch gerne, aber ab Too Bright sticht er für mich einfach künstlerisch noch mehr aus der Menge heraus, sowohl was das Songwriting angeht als auch die Experimentierfreudigkeit und den Genre-Mix.

Nach aktuellem Stand ist das neue Album auch wieder sehr toll geworden, auch wenn es für mich noch nicht ganz an den Vorgänger rankommt.

Alice

Postings: 195

Registriert seit 27.10.2019

2020-05-25 22:24:17 Uhr
Ich habe noch kein Album von Perfume Genius gehört, hat mich nie angesprochen, aber das gefällt mir nach 2 mal hören außerordentlich gut.

Gordon Fraser

Postings: 1671

Registriert seit 14.06.2013

2020-05-25 15:01:41 Uhr
Sowas wie "Mr. Peterson" echt nicht? Mich hat er irgendwo danach verloren, mag seine reduziertere Seite deutlich mehr.

saihttam

Postings: 1582

Registriert seit 15.06.2013

2020-05-25 12:48:39 Uhr
Geht mir auch so. Queen war der erste Song, der mich so wirkich gepackt hat.

MopedTobias

Postings: 15581

Registriert seit 10.09.2013

2020-05-23 01:10:06 Uhr
Für mich ist er ab da überhaupt erst interessant geworden. Diese gefühlt (oder tatsächlich?) nur aus Piano-Balladen bestehenden Alben haben mir nie viel gegeben.
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