Jess Williamson - Sorceress

Jess Williamson- Sorceress

Mexican Summer / Al!ve
VÖ: 15.05.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Hilflos, aber frei

Die ersten drei Alben in der Karriere der Amerikanerin Jess Williamson ließen sich als These und Antithese lesen. "Native state" und "Heart song" operierten aus einer melancholischen Intimität heraus mit einer kurzen Leitung hin zu depressiven Zuständen. Dann kam "Cosmic wink" und setzte das musikalische Universum Williamsons in deutlich freundlichere, helle und zutrauliche Gefilde, denn die Dame hatte die erfüllende Liebe entdeckt. Nun kommt Album Nummer vier, "Sorceress", und fasst die verschiedenen Gefühlszustände des bisherigen Schaffens wunderbar zusammen, und zwar in einer verführerischen Form der Ambivalenz. Man braucht sich nur intensiv mit "Smoke", dem Opener, zu befassen. Da gibt es dieses "That's why I get to give", und jener Ausspruch bezeugt nicht nur die Bereitschaft, alles in eine Beziehung zu investieren. Die düsteren Gitarren, die fast heftigen Drums, aber auch das melancholische Gleiten in Williamsons Stimme zeugen von den Opfern, die solch ein Verhalten zeitigt, gerade dann, wenn vom Gegenüber fast nichts zurückkommt.

Doch wenn der Vorgänger sich des Öfteren in eskapistischem Süßholzraspeln gefiel, ist "Sorceress" eine Frontalerfahrung, die Unangenehmes nicht ausklammert, sondern voll angeht. "Wind on tin" geistert verloren durch diffuse Haltlosigkeit, doch auch wenn man "Helpless, helpless, helpless" ist, bedeutet das eine Ungebundenheit und Freiheit, der man in der luftigen Instrumentierung nachspüren kann, trotz der elegischen Obertöne. Den schwierigen Aspekten wird nicht ausgewischen, sie werden mit wachem Empfinden durchlebt, "I've run away before / But I'm not running anymore". Der Titelsong gibt sich zu diesen Zeilen als urwüchsige Folk-Knorrigkeit, nicht jedoch ohne einen gewissen, zarten Schmelz, den der butterweiche Gesang Williamsons beisteuert.

Mild abgestimmte Gegensätze, das ist, wovon diese Platte lebt. Die romantischen Synthie-Streicher von "Infinite scroll" fügen sich als ursprünglicher, aber letztlich vergeblicher Hoffnungsschimmer in das traurige Setting ein, sah doch am Anfang noch gut aus, "I was a lady with options." Doch dann gibt es wieder andere Signale, "Love's not hard to find", der dazugehörige Song ist ein liebliches Säuseln, welches sich dennoch nicht ganz von einer melancholischen Trägheit befreien will. Doch nur Geduld, ein kräftiges Schlagzeug sorgt schon noch dafür, dass die Wangen sich lebendig röten. Und so ist zwar auch "How ya lonesome" eine Meditation über Verlust und Einsamkeit, doch ein weihevoller, freiheitlicher Wind weht dennoch als Chance durch die auf Weite ausgelegte Instrumentierung.

Diese ist generell trotz ihrer Luftigkeit reichhaltig ausgestattet. Oft dient die Akkustikgitarre als kompositorische Grundlage, aber Orgeln, Schlagzeug und Streicher führen die Songs abwechslungsreich in fruchtbare Gefilde. Aber auch ganz spartanische Nummern wie "Ponies in town" tragen eine Lebendigkeit in sich, die sich gleichzeitig aus Zutrauen und Verzweiflung zu speisen scheint. Es regen sich oftmals ambivalente Gefühlsanteile in den Songs, so auch im meditativen Slow-Dance "Harm none". Und wenn der Abschlussong mit den Worten "Everybody's pissed and naked / At the Gulf Of Mexico" beginnt und trotzdem der Eindruck von feierlicher Würde dominiert, kann man guten Rechts davon reden, dass Jess Williamson eine starke Synthese für ihr Schaffen gefunden hat.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Wind on tin
  • Infinite scroll
  • Harm none

Tracklist

  1. Smoke
  2. As the birds are
  3. Wind on tin
  4. Sorceress
  5. Infinite scroll
  6. Love's not hard to find
  7. How ya lonesome
  8. Rosaries at the border
  9. Ponies in town
  10. Harm none
  11. Gulf Of Mexico

Gesamtspielzeit: 42:50 min.

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Armin

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2020-05-06 21:13:08 Uhr - Newsbeitrag
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