Rotting Out - Ronin

Rotting Out- Ronin

Pure Noise / Soulfood
VÖ: 10.04.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Atemringen

18 Monate wegen Marihuana-Handels im Knast zu sitzen ist für einen Straight-Edge-Punk eine doch ungewöhnliche Lebensstation. Rotting Outs Front-Shouter, Walter Delgado, hat mit und ohne Gefängnisaufenthalt stürmische Zeiten hinter sich. In seiner Musik legt er davon Zeugnis ab. Von Kindheit an mit Gewalt konfrontiert, scheint es wenig verwunderlich, dass sich der Musiker früh einer Szene zugehörig fühlt, die aus der Innenperspektive der Außenseiter spricht und Selbstermächtigung groß schreibt. Rotting Outs musikalische Sozialisation ist mit den Anfängen der Hardcore-Szenen um New York und Boston verwoben, und es ist schön zu hören, wie die Kalifornier nach fünfjähriger Schaffenspause dem – man kann es inzwischen sagen – Altherren-Hardcore die Gesichtsfalten glätten.

Im fiebrigen Los Angeles beheimatet, macht der Vierer nichts neu und bewegt sich trotzdem weit über dem Szenedurchschnitt. Aus dem Punk-Inventar der späten 80er und vor allem der 90er werden Breakdowns, Gestampfe und sonnige Melodycore-Riffs zusammengetragen, die beinahe vergessen lassen, wie geladen die Songs auf "Ronin" im Kern sind. Hinzu kommt Delgados Stimme, die mittlerweile an einen verdammt zornigen Brian Johnson erinnert. Nur werden die Klänge hier noch stärker durch Gurgel und Zähne gepresst. Endergebnis ist ein druckvolles Krächzen, bei dem das Gaumenzäpfchen im Hochtempobereich rotiert. Die Kieferknochen verbeißen sich zwischendurch in den Songzeilen. Freilich handeln die von Wut, einer Wut gegenüber jenen, die dem Sänger übel mitgespielt haben, aber auch von einer Wut, die im Hals stecken bleibt, geschluckt wird und dann auf einen selbst zurückfällt. "So what do I do? How do I move? / How the fuck do I forgive myself / Redemtions for the wrongs I never did", heißt es in "Unforgiven". Der als Wunsch geäußerte Glaube an eine andere Zukunft schützt vor Resignation. "Thief" resümiert: "I want to run towards the sun, find me in myself / Smile more, wouldn't that be something else?"

Mit einer kraftvollen Produktion im Rücken, die mit den Songstrukturen arbeitet und die Eruptionen gezielt verteilt, sorgen Rotting Out für Bewegungsdrang. Der Cross-Thrasher "Still her" donnert in den Breakdown. Doch setzten die Gitarren auch in den melodieverliebteren Songs wie "Unforgiven" oder "Thief" mit Brummen ein – angedeutet, aber dennoch mit Geschepper, als würde jemand entschieden die Hände zusammenschlagen, um ein aufdringliches Tier zu verscheuchen. Richtig dick kommt es zum Ende hin. Mit wenigen, schweren Sätzen führt "Boy" traumatische Kindheitserinnerungen vor Augen. Die Eingangszeile, "Walter it’s time to talk about it", ist programmatisch zu verstehen. Dröhnende Vier- und Sechssaiter machen das Bedrohungsszenario komplett. Einer Meditation knapp vorm Dämmerzustand nicht unähnlich, werden die rastlosen Schlusszeilen im Hymnengesang repetitiv dargeboten. Vielleicht ringt "Ronin" um den Atem, vielleicht um das letzte Wort. Ausgang und Fortzsetzung bleiben offen.

(Katharina Bruckschwaiger)

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Highlights

  • Last man standing
  • Unforgiven
  • Thief
  • Boy

Tracklist

  1. Vessel
  2. Last man standing
  3. Stones
  4. Reaper
  5. Prisoner
  6. Unforgiven
  7. Still Her
  8. Thief
  9. Visceral
  10. Boy

Gesamtspielzeit: 24:45 min.

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User Beitrag

sizeofanocean

Postings: 164

Registriert seit 27.01.2020

2020-05-11 13:07:25 Uhr
aber sicher keine 8 Punkte.

MartinS

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 859

Registriert seit 31.10.2013

2020-05-11 12:43:14 Uhr
Sehr gutes Album, hat mehr Aufmerksamkeit verdient.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17895

Registriert seit 08.01.2012

2020-05-06 21:11:25 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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