Goldroger - Diskman antishock II

Goldroger- Diskman antishock II

Irrsinn / Vertigo / Universal
VÖ: 08.05.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Im OP

Die Musik des Dortmunder Rappers Goldroger lebt im Wesentlichen von zwei Zutaten: Popkulturellen Referenzen und in Nostalgie getränkter Wehmut. Schon allein der Titel seines dritten Albums "Diskman antishock II" spricht diesbezüglich Bände: Wer erinnert sich nicht gerne an seinen ersten Sony Discman? Ein Relikt aus vergangenen Jahrzehnten zwar, damals aber ein Must-Have und wichtiger Evolutionsschritt für den fortschrittlichen Musikfreund. Sebastian Goldstein, so des Rappers bürgerlicher Name, spinnt konsequenterweise aus Erinnerungen melancholische HipHop-Elegien, die ohne Prunk und Protzerei auskommen, dafür viel Introspektion bieten und Beats, die so lässig, pointiert und oftmals reduziert eingesetzt sind, dass man sie in einigen Fällen sogar puristisch nennen könnte.

Seine Tracks gleichen oftmals groben Skizzen, sie sind selten bis in den letzten Winkel ausproduziert. Vielmehr bewahren sie einen ursprünglichen Charme und eine gewisse rohe Robustheit, die jedoch mit scharfer Klinge geschnitzt wurde. Nichts kommt mit dem Holzhammer, und das, obwohl der im deutschen Rap in letzter Zeit doch eines der beliebtesten Werkzeuge ist. Nein, Goldroger funktioniert anders: Er ist einer, der sich auf den OP-Tisch legt und sich selbst und seine Emotionen fein säuberlich seziert. Wäre es nicht so abschreckend, man könnte hier freilich auch das unappetitliche Etikett "Emo-Rap" drüberschreiben, was wir natürlich ausdrücklich nicht machen.

So oder so: Tracks wie das nervös zuckende "Speedball drive" umweht ein sanfter Hauch von spätjugendlichem Sturm und Drang, während eine Gitarre im Hintergrund einsame Kreise zieht. Der starke Opener "Bomberman" überzeugt mit seiner alles zerfetzenden Dringlichkeit und bitteren Zeilen: "Mit mir ist sowieso schon so viel falsch / Fuck, ich bin wie Bomberman / Ich hoff nur, dass es knallt." Goldroger thematisiert hier psychische Probleme und überhöhte Erwartungen, die letztlich ohnehin enttäuscht werden. Die Beats bäumen sich dabei auf, die Melodie schimmert dunkelgrau auf schwarz. Ein Beweis dafür, dass der oft als stumpf verschriene Deutschrap mehr sein kann, als Bling-Bling und billiger Autotune.

Im psychedelisch schlingernden "Lavalampe Lazer" rappt sich Goldroger in einen delirierenden Assoziationsstrudel: Angefangen bei Ziggy Stardust geht die gedankliche Reise über Tame Impala bis hin zu The Offspring, Erinnerungen an eine Adoleszenz im Moshpit, in nächtlichen Parks und in verqualmten Jugendzimmern werden eindrücklich geschildert. Goldroger feuert seine Salven dabei in unermüdlicher Wortgewandtheit heraus, während die Arrangements dynamische Akzente setzen. "Halt" überzeugt beispielsweise mit Breakbeats, die im Hintergrund auf Hochtouren laufen, während die Lyrics erneut melancholische Töne anschlagen: Was gibt einem noch Halt in diesen instabilen Zeiten? Eine Frage, die letztlich wohl jeder für sich selbst klären muss. Goldroger findet seine Antwort in der weiten Welt der Popkultur.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Bomberman
  • Lavalampe Lazer
  • Wie leicht

Tracklist

  1. Bomberman
  2. Lavalampe Lazer
  3. Wie leicht
  4. Speedball drive
  5. Potion
  6. Coup de grâce (feat. Naru)
  7. Halt
  8. Tesla
  9. Lip Gallagher
  10. Kalkulation
  11. Uu
  12. Parabelflug
  13. Stromkreis
  14. Horcrux

Gesamtspielzeit: 42:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

luca toni

Postings: 8

Registriert seit 23.06.2019

2020-05-11 21:56:24 Uhr
Die zweite Hälfte fällt für mich leider etwas ab, die erste kann man sich aber auch ein halbes Jahr später noch gut geben.

Kevin

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 843

Registriert seit 14.05.2013

2020-05-09 18:17:32 Uhr
Hier wurde das gesamte Werk rezensiert. Dieses umfasst 14 Songs, der erste Teil (solo), der bereits im November erschien, lediglich sieben.

Das komplette Album erscheint so in dieser Form, also bestehend aus beiden Bestandteilen, am 8. Mai.

alebx69

Postings: 1

Registriert seit 09.05.2020

2020-05-09 17:45:08 Uhr
Hier wurde Diskman Antishock vom November, nicht Diskman Antishock II rezensiert...

kiste

Postings: 82

Registriert seit 26.08.2019

2020-05-08 13:53:14 Uhr
Sehr feines Album, wobei mich damals Avrakadavra beim Ersteindruck etwas mehr geflasht hat.
Aber was ist das für eine Veröffentlichungspolitik? Erst Diskman Antishock 1 und nun 1&2 auf einer Platte? Seltsam.

Hier stand Ihre Werbung

Postings: 504

Registriert seit 25.09.2014

2020-05-07 15:22:31 Uhr
Goldi hat auf jeden Fall Liebe verdient! Er wirkt nicht mehr ganz so fertig wie auf Avrakadavra. Mal schauen, ob das musikalisch gut tut.
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