Der Nino Aus Wien - Ocker Mond

Der Nino Aus Wien- Ocker Mond

Medienmanufaktur Wien / Rough Trade
VÖ: 08.05.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ein Schelm

Die Vergleicherei ist ein Elend des Musikbeschreibens. Das klingt doch wie, das erinnert an, das enthält Einflüsse von. Muss manchmal sein, weil man sich ja etwas darunter vorstellen können soll. Unter Umständen. Der Nino Aus Wien klingt manchmal wie ein junger Wolfgang Ambros. Schön. Hilft aber nicht. "Ocker Mond" ist das gefühlt dreiundzwanzigste Album des Nino Mandl. Diesmal hat er die Band vor der Studiotür gelassen. Nur mit der Akustischen bewaffnet erzählt er seine Geschichten, die klingen, als hätte er sie den Leuten vom Maul abgeschaut. Und natürlich berichtet er auch wieder aus seinem Leben, dieser merkwürdigen Mischung aus Liebes- und Leidensweg. Sogar beim Dichten im "Hawelka", einem Wiener Kaffeehaus, darf der Hörer ihm über die Schulter schauen. "Ganz hint' bei die Toiletten" sitzt Mandl und schreibt einfach mal darüber, was gerade so passiert. Und wenn es nix ist.

"Die Liebe zum Meer ist wie die Liebe zum Tod", lautet der erste Vers von "Unter Fischen". Weil der Nino so etwas nicht einfach unkommentiert stehen lassen kann, schiebt er in der zweiten Strophe ein lapidares "Wenn ich dran denk', wie lebensbejahend das ist / Werd' ich ganz rot" nach. Diese Art des permanenten Perspektivwechsels ist der große Kunstgriff des Österreichers. Andere brechen sich beim Sport die Beine, er durchbricht lieber die vierte Wand. Ohne sich zu bewegen natürlich. Als Hörer fühlt man sich nicht selten ertappt. Beim Schmunzeln, aber auch beim Mitfühlen. Irgendwie schafft es der Songwriter immer wieder aufs Neue, sich mit seinen Liedern im Hirn zu verewigen. Wenn er beispielsweise in "Taxi driver" vergebenen Chancen hinterherschreit, lässt das vielleicht Rückschlüsse auf seinen Gemütszustand zu, aber garantiert nicht kalt. Auch "Hierstettner Sonne" vermeidet den Umweg ins Alberne und trifft so dort, wo es am meisten schmerzt.

Es ist sicher kein Zufall, dass das Album "Ocker Mond" heißt. Das weckt Erinnerungen an "Pink moon", das introspektive letzte Album des Nick Drake. Der Titeltrack spielt bewusst mit den Erwartungen, indem er nur aus windschief eingespieltem Geschrammel samt holperiger Schlagzeugbegleitung besteht. Wie viel davon bewusste Verstümmelung ist, bleibt dem Urteil des Konsumenten überlassen. Ohne den Schmäh, die sprachliche Entsprechung des Windschiefen, würde die Musik des Nino Mandl nicht ansatzweise so gut funktionieren. Gerade weil er singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, braucht er nicht um den heißen Brei herumreden. Während er in "Langsam" darüber nachdenkt, welche Strategien zur Verfügung stehen, um nicht verrückt zu werden, kommt er zu einer simplen Erkenntnis: "Langsam schwimm' ich durch den Fluss." Nur weil es allen pressiert, muss man nicht mitmachen.

Noch konkreter wird der Wiener in "Simmeringer Traum": "Heute lass' ich meine Sonne strahlen / Auf der Ledercouch in Simmering / Entertain' mich so gut ich kann / Und so schlecht ich will." Viel treffender lassen sich jene Momente der sumpfigen Langeweile in der sogenannten Freizeit nicht beschreiben. Und so ist es kein Wunder, dass Mandl mittlerweile so etwas wie ein anerkannter Kulturschaffender ist. Er singt ein weiteres Mal ein "Wienerlied", nur dass er diesmal noch besser darin als früher ist. Vielleicht nicht ganz so ausufernd wie auf früheren Alben, dafür aber so verletzlich und greifbar wie nie. Eines Tages wird man über andere Künstler schreiben, dass sie doch so klängen wie Der Nino Aus Wien. Und der wird es mit schelmischer Gelassenheit zur Kenntnis nehmen.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Taxi driver
  • Unter Fischen
  • Simmeringer Traum
  • Langsam

Tracklist

  1. Australien
  2. Taxi driver
  3. Stella
  4. Hawelka
  5. Unter Fischen
  6. Ocker Mond
  7. Simmeringer Traum
  8. Hirschstettner Sonne
  9. Wienerlied
  10. Langsam
  11. Almeria
  12. Alles sinkt

Gesamtspielzeit: 36:32 min.

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User Beitrag

MM13

Postings: 1945

Registriert seit 13.06.2013

2020-05-09 15:58:40 Uhr
sehr gute rezi,und album,kann ich nur zustimmen.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18376

Registriert seit 08.01.2012

2020-05-06 21:10:48 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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