Ulcerate - Stare into death and be still

Ulcerate- Stare into death and be still

Debemur Morti / Soulfood
VÖ: 24.04.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Apokalypse war gestern

Viele Bands haben geniale Gitarristen, die ihnen Charisma und Wiedererkennungswert verleihen. Dies gilt insbesondere im Metal, wo die Gitarre oft den Kern einer Kapelle ausmacht: Was wäre Black Sabbath ohne Tony Iommi, Metallica ohne James Hetfield und Kirk Hammett? Emperor ohne Ihsahn oder Opeth ohne Mikael Åkerfeldt? Ulcerate hingegen haben zwar mit Michael Hoggard einen genialen Gitarristen, doch die Lead-Rolle übernimmt das Schlagzeug von Jamie Saint Merat, dessen Name von Death-Metal-Fans mit Ehrfurcht ausgesprochen wird.

Die neuseeländische Todesblech-Truppe hat sich dem technisch versierten Subgenre verpflichtet und spielt andere Genrevertreter konsequent an die Wand. Dennoch ist bei Ulcerate Technik immer nur Mittel zum Zweck. Alles wird auf eine Vision totaler Düsternis gerichtet. Dissonante Riffmonster, sezierende Polyrhythmen in überfordernder, polternder Geschwindigkeit, kolossal anmutende Basslinien und hasserfülltes Gebrüll münden in eingekerkerte klangliche Gewaltorgien, die immer sinnbildlich für das zerstörerische Handeln des Menschen im Anthropozän stehen. 2013 erreichte die Band mit "Vermis" einen Höhe- und Endpunkt. Ein enigmatisch über den Hörer hinweg ballerndes Meisterwerk absoluter Destruktion. Mit dem nachfolgenden Opus "Shrines of paralysis" griff die Band sludgige und post-metal-gefärbte Elemente auf, gab den Kompositionen neben der gnadenlosen Chaos-Zelebrierung eine sphärische Note, erlaubte das Aufblitzen einzelner melodischer Andeutungen, die unter verkrusteten Lärmschichten fast verborgen blieben.

Auf "Stare into death and be still" geht die Band einen entscheidenden Schritt weiter. Sie agieren melodischer, atmosphärischer, reduzierter, dynamischer und vor allem straighter. Soll heißen, Ulcerate sind zugänglicher, direkter und dadurch auch dringlicher in ihrem Anliegen. Die klarere Produktion lässt dies besonders deutlich in Erscheinung treten. Eins sollte dennoch klargestellt werden: Was sie auch auf diesem Album abliefern, ist im Hinblick auf andere Genrekollegen immer noch brutalste, härteste Apokalypsen-Zeremonie, die erdrückende, klaustrophobische Gefühle erwecken. Architektonisch komponierte, vom Schlagzeug aus gedachte Musik, die die Band als eine singuläre erbarmungslose Entität erscheinen lässt. Nur treten sie hier fokussierter denn je auf. Jedes bis zu diesem Zeitpunkt erprobte Stilmittel wissen sie wohldosiert einzusetzen. Kontrollierte Reizüberflutung, sozusagen.

Mit "The lifeless advance" beginnt die LP langsamer als je ein Ulcerate-Album zuvor, folgt einem geradlinig gespielten Rhythmus, arbeitet sich an der Variation eines eingängigen Riffs ab. Verhältnismäßig gezähmt kann sich so immer wieder ein Groove etablieren, ohne wie sonst von Attacken unterminiert zu werden. Wenn dann ein Solo wie feine Lichtspitzen spärliches Licht und so Orientierung ermöglicht, hat das eine unerwartet melancholische, fast schon sehnsuchtsvolle Wirkung. Auch haben die Neuseeländer gelernt in den richtigen Momenten vom Gas zu gehen und zu einem unheilvollen Riff einen simplen Backbeat zu spielen, was lässiges Headbangen erlaubt. Bevor das Tempo dann wieder naturgemäß gen Raserei wechselt.

Im titelgebenden Track zeigen Ulcerate alles, was sie ausmacht. Unverkennbare Riffs, in denen sich Dissonanz und Melodie umgarnen, lockere, aber präzise Jazz-Fills, die über ein Maschinengewehr-Beat geschüttelt werden. Gitarre und Schlagzeug marschieren in melancholischer Anmut voran, zeichnen eine konzentrierte Leichenschau nach. Musikalisch wird immer wieder die gleiche Ausgangslage umkreist, dabei rhythmisch und melodisch variiert — und so schrauben sie sich tiefer in die Todesverachtung hinein. Wirkungsvoll für den Albumfluss sind die Ambient-Überleitungen und die ruhigen Zwischenparts in den Songs, die den Rezipienten von einem dunklen Ort zum nächsten leiten.

Im Detail wartet die Band mit einigen feinen Neuerungen auf. "Inversion" kommt, man traut es sich kaum zu sagen, mit dem wohl eingängigsten Riff der Bandhistorie daher. Und auch gegen Ende zeigen sich Ulcerate auf "Visceral ends" als Post-Metal-Band aller erster Güteklasse. Sphärische Gitarrenwände, statt bloßer Riffwalze. Im Closer werden dann alle Stränge, alle Ideen neu aufgegriffen und konsequent zu Ende geführt. Mit dem Ausklingen des letzten Riffs bleibt der Hörer ausgelaugt und gänzlich beeindruckt zurück.

"Stare into death and be still" mausert sich mit jedem weiteren Durchgang als Ulcerates emotionalste, distinguierteste, gereifteste Platte — wodurch die einzelnen Raffinessen noch wirkungsvoller werden. Der makellose Albumfluss untermauert die Gesamtkonzeption. Auch auf ihrem letzten Album bleiben die Neuseeländer die absolute Speerspitze metallischer Extremkunst. Sie zeigen uns eine Welt nach der Apokalypse.

(Benedikt Stamm)

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Highlights

  • Stare into death and be still
  • Visceral ends
  • Drawn into the next void

Tracklist

  1. The lifeless advance
  2. Exhale the ash
  3. Stare into death and be still
  4. There is no horizon
  5. Inversion
  6. Visceral ends
  7. Drawn into the next void
  8. Dissolved orders

Gesamtspielzeit: 58:29 min.

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User Beitrag

Der Untergeher

User und News-Scout

Postings: 1429

Registriert seit 04.12.2015

2020-05-04 20:39:16 Uhr
Sehr gutes Album von der besten Band im Genre. Nach mehreren Hördurchgänge erschließen sich die Songs in der Tat zunehmend. Auf einmal treten einzelne Riffs charakteristisch hervor, offenbaren sich feine Melodielinien.

Rainer

Postings: 575

Registriert seit 22.03.2020

2020-05-04 09:55:58 Uhr
Meddl

kiste

Postings: 80

Registriert seit 26.08.2019

2020-05-04 09:54:52 Uhr
Ich freue mich immer, wenn hier Platten aus der „metallischen Extremkunst“ vorgestellt werden!
Ich werde mit dem Album zur Zeit noch nicht so richtig warm. Sicherlich sind die Songs für sich fast alle sehr gut, aber am Stück ist mir alles irgendwie noch zu eintönig. Ich werde noch einige Durchläufe starten, mal sehen, wie sie sich die Platte entwickelt.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17895

Registriert seit 08.01.2012

2020-04-29 20:41:10 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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