Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit - Die Party ist so ziemlich vorüber

Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit- Die Party ist so ziemlich vorüber

Lonely Rabbit
VÖ: 24.04.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Noch ein Düsterboy

Metapherngespickt und trotzdem realitätsnah. Angefolkt und trotzdem noch irgendwie eigen. Sprechen und singen mit dem dunklen Bariton der langsam erlöschenden Jugend. Und ein Bandname, der vielsagend und in weiten Teilen das zu Gehör Gebrachte bereits andeutet? Was im letzten Jahr bei The Düsseldorf Düsterboys funktioniert hat, trifft in weiten Teilen auch auf die Berliner Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit zu. Auf ihrem Debüt "Die Party ist so ziemlich vorüber" grübelt die Band über Gott und die Welt in einer Alltagssprache, die man eigentlich eher bei den wohlgedienten Herren der Liedermacherzunft verortet hätte.

Die Rauchschwaden, die zwischen den einzelnen Stücken des Albums gen Kneipendecke steigen, sind fühlbar und nicht selten auch am belegten Organ des Sängers zu hören. Abgesänge über Veränderungen, über alkoholdurchzechte Nächte, über die grauen Momente des Lebens. Die Melancholie des Alltags mit all seinen Schattenseiten einfangend, denkt Tiebel mit seinen Musikern viel nach, doch sprudeln die Worte zwar bedächtig, aber dennoch nahezu unvermittelt aus ihm raus. Die Genauigkeit, mit der er dabei seine Beobachtungen macht, ist erstaunlich, der Detailreichtum seiner Worte wie im mit Bluesharp und verflixt viel (Sch)Wermut getränkten fabelhaften Titelsong nicht minder bemerkenswert. Dass er zu Beginn des Albums noch ein wenig versöhnlich startet und "Da brennt ein Licht" konstatiert oder die Irrungen und Wirrungen der Liebe in "Eins und eins" mit munteren Geigen begleiten lässt, ist dabei nur ein kleiner Aspekt des Albums, das vor allem von der sonoren Stimme des Sängers lebt.

Das Kleinstadtidyll bekommt in "Zu Haus" einen erschreckend realistischen Anstrich, das folgende "Stadt der Steine" begleitet die Alltagsliebe beschwingt durch den Marsch durch die eben nicht mehr ganz so ansehnliche Heimatstadt und lässt den morbiden Charme der Lyrics fast ein wenig in den Hintergrund treten. Wie ein moderner Moritatensänger vagabundiert Tiebel zu Kaffeehausgeigen und leichter Balkananmutung auch bei "Bring mich von hier fort" weiter durch diese grauen Mauern, selbst beim Sinnieren über die Liebe selbst verharrt er nicht an Ort und Stelle, sondern sucht seine besonderen Plätze auf, die ihm wie zufällig dabei zu helfen scheinen, sich dieser wie in "Tief, tief drin in meinem Herzen" gewahr zu werden. Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit erzählen ihre Geschichten, wie man sich Geschichten halt erzählt, gerne mit dem ein oder anderen Schlenker nach rechts oder links, kommen allerdings zum Ende immer wieder zum Kern des Erzählten zurück. Dazu: karge Gitarren, manchmal aber auch ein flottes Folkpicking oder ein verschleppter Walzer. Tiebel und seine Musiker wissen eben genau, wie sie ihre traurig schönen Kleinstadtgeschichten in ansprechende Kleider verpacken.

Nicht gerade die fröhlichsten Töne schlägt das dumpfe "Schatten von Schatten" an, das "Die Party ist so ziemlich vorüber" abschließt. Fast scheint es, als sei der Abgesang vollzogen, heißt es hier doch unheilschwer: "Die Angst Deiner Mutter / Die Angst Deines Vaters / Kaffee am Nachmittag / Sie sitzt an unserem Tisch / Und zwischen de Zeilen / Tief in Deinen Knochen / Halten die Toten ein stummes Gericht / Nur Schatten von Schatten von Schatten von Schatten ... von nichts." Vom lichten Beginn in "Da brennt ein Licht", der aber auch eher einer schalen Wirtshausbegleitung ähnelte, macht sich Tiebel mit seinen Mannen auf, der besungenen Angst ins Gesicht zu blicken. Die Stirn bietet er ihr trotzdem, ein echter Düsterboy eben.

(Carl Ackfeld)

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Highlights

  • Zu Haus
  • Stadt der Steine
  • Die Party ist so ziemlich vorüber

Tracklist

  1. Da brennt ein Licht
  2. Zu Haus
  3. Stadt der Steine
  4. Bring mich von hier fort
  5. Tief, tief drin in meinem Herz
  6. Der 13. Juli
  7. Die Party ist so ziemlich vorüber
  8. Eins und eins
  9. So wenig Liebe, so viel Schnaps
  10. Schatten von Schatten

Gesamtspielzeit: 37:25 min.

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Armin

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2020-04-29 20:40:59 Uhr - Newsbeitrag
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