Katatonia - City burials

Katatonia- City burials

Peaceville / Edel
VÖ: 24.04.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Aufgeräumt

So ein Sabbatical ist schon was Außergewöhnliches. Bei Menschen, die einem "normalen" Beruf nachgehen, weckt eine solche Auszeit Sehnsüchte. Mal raus aus der Tretmühle, zu sich finden. Muss ja nicht gleich der Jakobsweg sein, viel zu klischeehaft. Wenn hingegen Künstler eine kreative Auszeit ankündigen, sorgt das zunächst für Ängste. Auszeit? Sicher? Gab es Streit? Kommen sie wieder? Wenn ja, mit welchen Veränderungen? All das halt. Bei Katatonia war das nicht viel anders, als sie 2017 ankündigten, einmal tief Luft holen zu wollen. Doch die Pause war verständlich. So plagte sich Gitarrist Anders Nyström – gemeinsam mit Frontmann Jonas Renske Songschreiber der schwedischen Dark-Metal-Band – schon länger mit einer Schreibblockade herum, und der zweite Klampfer Roger Öjersson wurde durch eine langwierige Rückenverletzung gleich komplett außer Gefecht gesetzt. Da aber Kreativität kommt und geht, wie es ihr beliebt, stand Renkse irgendwann mit reichlich Material für ein Soloalbum da. Das anscheinend Nyström wiederum so beeindruckte, dass er vorschlug, Renkse könne dieses Material doch direkt für eine neue Katatonia-Platte nutzen.

Mit einer derartigen Vorgeschichte hat "City burials", das Resultat jener Songwriting-Arbeiten im heimatlichen Studio, beste Chancen dazu, übermäßig verkopft auszufallen. Und die Vorabsingle "Lacquer" verstörte mit dezenten Trip-Hop-Anleihen eher, als dass sie Antworten auf die Frage gab, wie denn nun Katatonia nach der Auszeit klingen mögen. Im Albumkontext stellt sich jedoch schnell heraus, dass "Lacquer" nicht die stilistische Marschroute ist, sondern ein wunderbarer Kontrast, um aus der vermeintlichen Komfortzone zu locken. Denn davor schon gibt es zwei Songs, die auf beeindruckende Weise dafür stehen, wie sich Melancholie und Härte meisterhaft vereinigen können. "Heart set to divine" beginnt zurückhaltend, nachdenklich, nur um dann mit einem krachenden Riff auszubrechen. "Behind the blood" hingegen donnert direkt furchtlos voran und schließt mit seiner Härte auf gewisse Weise einen Bogen zurück in die Zeit, als die Alben "Viva emptiness" und "The great cold distance"; die Basis für den heutigen Sound schufen.

Wenn man nun also die Position des erwähnten "Lacquer" überhöhen möchte, dann könnte man sagen, dass die Aufmerksamkeit geschärft wird für das, was dann noch kommen mag. Denn das ist selbst für die hohen Maßstäbe der Band außergewöhnlich. Da sind diese zutiefst emotionalen Songs wie "Rein" oder die zauberhafte Ballade "Vanishers", die durch die Gast-Vocals der schwedischen Sängerin Anni Bernhard weitere Tiefe erhält. Da sind die unglaublich eingängigen, mit vielen kleinen instrumentalen Spielereien angereicherten "The winter of our passing" oder "Flicker". Oder die durchgängig sensationelle Gitarrenarbeit vor allem von Roger Öjersson, dem es immer wieder gelingt, zwischen all den Song-Fundamenten seinen Stempel aufzudrücken. Da darf dann auch die kleine Verbeugung in Richtung Tool von "Neon epitaph" drin sein.

Nun ist es ja nicht so, als seien die letzten Alben von Katatonia irgendwie enttäuschend oder gar schlecht gewesen. Doch "The fall of hearts" und erst recht "Dead end kings" waren nicht vollständig frei von kleineren "Ja, aber"-Momenten – so als wären Nyström und Renkse auf der Suche nach ihrem Weg im Songwriting gewesen, indem sie das Pendel zwischen mangelnder und fast schon übertriebener Konsequenz ausschwingen ließen. "City burials" wirkt insofern, als seien diese Wege nun endlich vereinigt worden. Natürlich werden Katatonia immer latent melancholisch bleiben, alles andere wäre unglaubwürdig. Aber dieses Mal gelingt es, an den richtigen Stellen Reizpunkte zu setzen, die Hörer zu locken und doch zu fordern. Zur lockeren Entspannungsmusik taugt das alles immer noch nicht, will es hoffentlich auch nie. Aber – um das Klischee zu bemühen – die Pause hat offensichtlich vor allem den kreativen Köpfen dabei geholfen, sich neu zu orientieren, neu zu besinnen. Und dabei eine Platte zu erschaffen, die Katatonia so stark wie selten präsentiert.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Heart set to divide
  • Behind the blood
  • The winter of our passing

Tracklist

  1. Heart set to divide
  2. Behind the blood
  3. Lacquer
  4. Rein
  5. The winter of our passing
  6. Vanishers
  7. City glaciers
  8. Flicker
  9. Lachesis
  10. Neon epitaph
  11. Untrodden

Gesamtspielzeit: 48:30 min.

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User Beitrag

Kamm

Postings: 211

Registriert seit 17.06.2013

2020-05-07 00:33:17 Uhr
Den ersten Durchlauf habe ich endlich auch hinter mir. Hm.
Am Anfang war ich erschrocken. Ein neues Album von Katatonia, und das erste Lied gefällt mir auf Anhieb richtig gut? Da stimmt doch was nicht! Ich mochte den deutlich gestiegenen Prog-Anteil vom letzten Album, und das schlägt in die gleiche Kerbe. Rhythmisch komplex, Refrain erst nach drei Minuten, und wieder schöne melodische Aufwertungen durch die Zweitstimme.
Die Begeisterung hat sich dann aber im Laufe des Albums für mich erst einmal gelegt, also eigentlich alles beim Alten zwischen mir und der Band. Bei vielen Lieder fehlen mir (noch?) die Höhepunkte, die kleinen Details, und die seltsamen, unmotiviert hineingrätschenden Zwischenparts inklusive unpassend-passenden Tonartwechseln. Zudem kommen mir die Melodien teilweise zu bekannt vor. So etwas wie "Fighter" finde ich sogar regelrecht platt für Bandverhältnisse. Hm, mal abwarten.

Andererseits weiß ich ja, dass das seit spätestens The Great Cold Distance immer so läuft. The Fall of Hearts ist bei mir inzwischen bei mindestens einer 9,5/10 angekommen, no Filler. Selbst Shifts liebe ich inzwischen. Wann sonst hört man Katatonia mal locker auf einer einzigen Gitarrenfigur rumjammen. Und dazu diese Mass Effect-Synthies, hach.

Wo ich der Rezi nicht zustimmen kann ist, dass das neue Album härter sein soll. Die Fall of Hearts klang zum ersten Mal seit ca. 20 Jahren wieder sporadisch nach Death Metal und hat mindestens zwei Lieder, denen Growls richtig gut gestanden hätten. Bei Serac wundere ich mich nach 50 Sekunden immer wieder, dass da Mikael Akerfeldt nicht in älter Stärke drauflosgrunzt. Ist bis dahin nämlich ein klassischer Opeth-Song der Ghost Reveries-Ära. Und beim Ausraster in der zweiten Hälfte von The Night Subscriber wird es plötzlich herrlich kalt, und Katatonia zeigen mal eben, dass sie auch ohne Probleme technischen, sauschnellen Tech-Death spielen könnten. So etwas höre ich auf dem neuen Album nicht.

velvet cacoon

Postings: 163

Registriert seit 31.08.2019

2020-05-03 16:44:35 Uhr
Mittlerweile erreicht der Bonustrack "closing of the Sky" auch Höchstnoten.
Ich liebe das Album.

Marküs

Postings: 596

Registriert seit 08.02.2018

2020-05-01 12:45:00 Uhr
Die ersten 4-5 Durchläufe fand ich auch gar nicht mal so gut, jetzt finde ich es nur noch grandios. Hatte ich bei der letzten Platte auch dieses "Erlebnis" :-)

Der Wanderjunge Fridolin

Postings: 1673

Registriert seit 15.06.2013

2020-05-01 11:25:39 Uhr
Bin auch noch nicht so ganz warm damit geworden. Aber das kommt noch.

Mann 50 Wampe

Postings: 538

Registriert seit 28.08.2019

2020-05-01 11:22:24 Uhr
Ich war immer großer Katatonia Fanboy, die Band hat große Alben rausgehauen, Great Cold Distance, Night Is The New Day oder Discouraged Ones und andere. Mit dem neuen Machwerk tue ich mich aber schwer, alles schon auf anderen Platten besser gehört, außerdem irgendwie merkwürdig schwülstig und kaum Abwechslung. Klar, Katatonia klingen halt nach Katatonia und man muss keinen Frickelrock erwarten aber dennoch... Es sind aber auch richtig gute Songs sind drauf, wie z.B. City Claciers. Aber insgesamt ist mir das bisher zu mager ich brauch evtl. noch ein paar Durchläufe. Bisher 7/10.
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