Hundreds - The current

Hundreds- The current

Embassy Of Music / Tonpool
VÖ: 27.03.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Bis uns das Licht vertreibt

Auf nichts in der Welt kann man sich mehr verlassen. Unerschütterlich stand das Bild von Hundreds als in rarer familiärer Eintracht musizierendes Geschwisterpaar, das irgendwo im norddeutschen Niemandsland an seinem ganz eigenen Electropop-Entwurf feilte – und sich damit als distinktiver Genre-Act, auch nach internationalen Maßstäben, etablierte. Doch im Vorfeld ihres vierten Albums "The current" plagten sich die Milners mit Blockaden herum, die sie nur in der aufgelösten Isolation überwinden konnten. Philipp verbrachte einige Zeit in Berlin, Eva fand Inspiration und Hilfe bei befreundeten KollegInnen wie Florian Sievers (Das Paradies, Talking To Turtles), der irischen Singer-Songwriterin Wallis Bird und Lilly Among Clouds. Beide holten sich dazu den Produzenten Lucas Herweg ins Studio, der Hundreds zu selbstbewussteren Arrangements motivierte. Wo "Wilderness" – die bisher beste Platte des von Drummer Florian Wienczny komplettierten Trios – ein düsteres Dokument des Rückzugs ausstellte, gibt sich "The current" weitaus offener, poppiger, sonniger. Die Hamburger Band fügt ihrem Repertoire damit durchaus neue Facetten hinzu, doch nicht jede Erweiterung ist auch eine Bereicherung.

Seinem Titel entsprechend zog "Wilderness" ein verflochtenes Dickicht unorthodoxer Songstrukturen hoch, für dessen Durchdringung man noch selbst die Machete schwingen musste. Dass "The current" einen direkteren Weg zum Licht sucht, ist dennoch nicht per se ein Problem. Der Opener "Vessel in the sky" schmückt sich mit allerlei instrumentalen Schnörkeln, um im – ausnahmsweise von Philipp statt von Eva gesungenen – Refrain komplett blankzuziehen. Das geschäftige Zusammenspiel von Rhythmen und Streichern klingt stellenweise wie Radioheads "Burn the witch", bloß ohne drohende Panikattacke. Doch das folgende "Calling" kann leider keinen vergleichbaren Zug mehr entwickeln, obwohl es sich mit dröhnenden Bläsern und Kriegsmetaphorik alle Mühe gibt. Auch "In the air" oder "Ready shaking silent" kommen etwas zu saftlos daher, um ihre eindimensionalen Melodien mit Nachdruck zu versehen. Schlecht ist nichts auf dem Album, aber nach gut 20 Minuten kommt man nicht um die Feststellung herum, dass Hundreds die simpleren Synthpop-Songs lieber wieder anderen überlassen sollten. Es wäre anmaßend, den Spaß am Entstehungsprozess anzuzweifeln, aber mit dem fertigen Produkt scheinen sie sich nicht immer wohl in ihrer Haut zu fühlen.

Das ist deshalb schade, weil die Pop-Öffnung in manch subtilerem Moment gut funktioniert – im hübschen Titeltrack etwa, dessen elegante Strophen-Windungen nach einer Live-Umsetzung mit Sinfonieorchester förmlich schreien. Doch freilich gedeiht die Band weiterhin am besten im Schatten, der im Schlussdrittel von "The current" das Licht verdrängt. Das verästelte Arrangement von "The bombs" knackt unheimlich, während Eva Auslöschungsszenarien beschwört, im Refrain jedoch auch Hoffnung zulässt. Mit einem knochigen TripHop-Beat erhebt sich "You're the storm", das seinem Titel im intensiven Finale gerecht wird: Es zerrt und rauscht, irgendwo im Auge des Sturms flüstert ein Piano und ein geschmackvoll eingesetzter Vocoder fährt die Windstärke wieder herunter. Zuvor haben die Milners schon ein eigenständiges Cover von The Notwists "Consequence" hochgezogen, was in seiner dem Original angemessenen Sensibilität sicher auch keine Selbstverständlichkeit ist. Egal ob Stadt oder Land, die Musik von Hundreds begleitet einen noch immer weniger beim Tanzen oder Geselligsein und mehr bei nächtlichen Busfahrten oder dem Starren auf graue, menschenverlassene Landschaften. In solchen Momenten der Einsamkeit und des Trübsinns möchte man manchmal lieber verweilen, anstatt sich etwas halbherzig herausreißen zu lassen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Vessel in the sky
  • The bombs
  • You're the storm

Tracklist

  1. Vessel in the sky
  2. Calling
  3. In the air
  4. Body of water
  5. The current
  6. Ready shaking silent
  7. Untold
  8. Consequence
  9. The bombs
  10. You're the storm
  11. Riptide

Gesamtspielzeit: 47:04 min.

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User Beitrag

Hoschi

Postings: 331

Registriert seit 16.01.2017

2020-04-29 21:03:27 Uhr
Ich geh direkt und sowas von mit.
Habs auch schon in einem anderen Hundreds Thread angemerkt:
Wilderness stand den beiden um Längen besser.
Wenn sie die poppigen Songstrukturen wenigstens gut verpackt hätten.
Alles klingt zu sehr nach etwas, im Bandkosmos, "schon dagewesenes".
Man kann the current tagsüber durchaus nebenher beim Grillen laufen lassen und niemand der Gäste fühlt sich gestört.
Für den abendlichen, leicht melancholisch und angetrunkenen "Nach Hause Spaziergang" gibts aber dann direkt wieder Wilderness :)
Schade, Intimität steht den Geschwister deutlich besser.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17900

Registriert seit 08.01.2012

2020-04-29 20:39:21 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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