Fiona Apple - Fetch the bolt cutters

Fiona Apple- Fetch the bolt cutters

Epic / Sony
VÖ: 17.04.2020

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Rattle and drum

"Ich muss es irgendwie ausdrücken. Ich glaube, die im Song gemeinten Personen werden es nie hören, aber ich habe das Bedürfnis, es dennoch zu sagen. Der Baum muss fallen, auch wenn keiner zugegen ist." Selbst wenn Fiona Apple nur ihre Lyrics erklärt, kommt dabei eigene Poesie heraus. Es scheint, als ob die Frau einfach nie den Genie-Modus abschaltet. Auch wenn "Fetch the bolt cutters" diese These zwar unterstützt, gleichzeitig aber auch untergräbt. Es ist ihr fünftes Album in sagenhaften 24 Jahren – keine Frage, dass Terminpläne und Abgabefristen für Apple vollkommene Fremdwörter sind. Für eine Wartezeit von stolzen acht Lenzen und einer fast ebenso langen Entstehungsphase überlässt "Fetch the bolt cutters" aber scheinbar erstaunlich viel dem Zufall. Das hingescribbelte Cover ist ein Indiz, die Songs ein anderes, wenn sie so wirken, als ob in einer spontanen Session jemand einfach das Band hat mitlaufen lassen. Rauschen, Nebengeräusche, Hintergrundgeklapper, alles dabei.

Die 13 Tracks sind zum Großteil in Apples eigenem Haus in Venice Beach, Los Angeles aufgenommen worden – nein, eher mit dem Haus. Die Percussion steht ganz im Vordergrund und jedes Mittel ist recht. Stühle, Tische, sogar eine Box mit den knochigen Überresten ihrer 2012 verstorbenen Hündin Janet. Ein paar lebendige Vierbeiner machen sich außerdem mehrfach im Geschehen bemerkbar. "Fetch the bolt cutters" rappelt, klappert und bellt und ist damit trotz der gewohnten Kombination von Klavier und Apples Stimmorgan von den Vorgängerplatten ein ganzes Stück entfernt. So aufsässig und gleichzeitig befreit, ja regelrecht locker hat die 42-Jährige bisher nicht geklungen. Die schlagfertigen Songs lassen sogar den Wunsch erscheinen, bei solchen Aufnahmen auch mal dabei zu sein. Es macht tatsächlich: Spaß.

Hier liegt die Krux von "Fetch the bolt cutters". Oberflächlich betrachtet könnte man es als sehr spielerisch abtun, doch in Verbindung mit den Texten erscheinen die Stücke in ganz neuem Licht und gehen eine Symbiose mit der musikalischen Leichtigkeit ein. Pickt man beispielsweise den mit tierischer Rhythmussektion angereicherten Titeltrack heraus, erkennt man die Befreitheit, mit der Apple in ihre Vergangenheit blickt. In die Zeit am Anfang der Karriere zwischen "Tidal" und "When the pawn ...", als sie von der Öffentlichkeit das Urteil "schwierig" bekam, ihre psychischen Probleme argwöhnisch beäugt wurden. "The cool kids voted to get rid of me / And I'm ashamed of what they did to me." Apple geht es heute besser, sie verzichtet seit einiger Zeit auf Alkohol, sie möchte ausgehen und etwas erleben. "Fetch the bolt cutters / I've been in here too long": nur eines von vielen Manifesten auf der Platte.

"Kick me under the table all you want / I won't shut up" ist ein weiteres, das so pointiert ist, dass es auch nach dem hundertsten Mal ein Grinsen aufs Gesicht zaubert, wenn man sich das beschriebene Dinner mit Apple und all den selbstverliebten Gockeln in "Under the table" bildlich ausmalt. Apple hat ihre Ziele immer noch Blick, fokussierter denn je. Sie war #MeToo, bevor es überhaupt Hashtags gab und schleudert auch 2020 frauenverachtenden Männern wie Trump oder Kavanaugh ein "I resent you presenting your life like a fucking propaganda brochure!" im giftig marschierenden "Relay" entgegen. Das beeindruckende Beinahe-A-cappella-Stück "For her", in welchem Apple ihre Stimme zu einem Chor doppelt, wird noch expliziter. "Good morning, good morning", ruft sie nach einer 180-Grad-Rhythmuswende in Anlehnung an den Musical-Film "Singin' in the rain", nur um nachzusetzen: "You raped me in the same bed your daughter was born in." Die Gänsehaut kommt umso unvermittelter.

Es kann daran liegen, dass der Mainstream nun auf Apples Seite ist, dass "Fetch the bolt cutters" so selbstsicher wirkt und zugleich nie verbissen. "Ladies", der melodiebetonteste Song des Albums, adressiert die Frauenwelt galant. Das vorwurfsvolle, immer wieder erscheinende Lament "Ladies, ladies, ladies" ist amüsant und einprägsam gleichermaßen. Apple singt zu den Frauen, ruft zum Zusammenhalt auf und dazu, sich nicht von Männern auseinandertreiben und herabwürdigen zu lassen. "No love is like any other love / So it would be insane to make a comparison with you." Doch nicht immer gelingt das: "Yet another woman who I won't get through", wiederholt sie am Ende immer wieder. Im umgekehrten Sinne erinnert Apple sich in "Shameika" an die titelgebende Mitschülerin, die ihr damals zwischen all den Mobbern selbst Mut zusprach: "Shameika said I had potential." Der Song dazu? Wirbelt und brennt.

Es ist häufig nicht vorherzusehen, wann die Stücke ihre Wendung nehmen. Gleich der erste Song, "I want you to love me", lehnt sich zwar stark noch an den Vorgänger "The idler wheel ..." an, wechselt aber von angetäuschtem Rhythmus zu unerwartetem New-Age-Klavier und ein typischer Fiona-Apple-Ausbruch ist später auch drin, wenn sie nach dem instruierenden "Blast the music" plötzlich auf die Tasten haut und "Bang it, bite it, bruise it!" schreit. Ihr Vocal-Performance ist ohnehin vielseitig wie eh und je, reicht von Flüstertönen und melodischem Singen über Rap und Sprechparts hin zu aggressivem Shouting. Letzteres besonders zu bewundern im bewusst überspannten "Heavy balloon". "I've been sucking it in so long / That I'm busting at the seams." Entsprechend klingt das. Mit "On I go" als Closer wird noch einmal der Bogen zum Counterpart "Hot knife" vom Vorgänger geschlagen. Ein repetitives Mantra zu lautem Getrommel, angelehnt an einen Vipassana-Chant.

"Fetch the bolt cutters" ist sowohl zeitlos als auch genau die richtige Platte zur richtigen Zeit. Apple ist gerade durch ihr nur spärliches Auftreten und ihre immer noch sehr überschaubare Diskografie eine der wenigen Künstlerinnen, die noch so etwas wie eine mystische Aura besitzen. Aktuell gibt sie mehr Interviews denn je, produzierte die Platte in ihrem privaten Haus, zu Gast unter anderem ihre Schwester Amber, auch als Maude Maggart bekannt, sowie die bereits erwähnten Hunde. Doch all diese Nähe, diese Öffnung des eigenen Lebens entzaubert sie nicht. Es ist, als ob der Vorhang des Rätsels für "Fetch the bolt cutters" weggezogen wird und man feststellt, dass die Person dahinter genauso interessant und voller Genialität ist, wie man es sich zuvor ausgemalt hat. Sie mag zwar nun extrovertierter auftreten, mehr Humor zeigen, doch an Tiefe hat sie keinen Millimeter eingebüßt. Fiona Apple, Du bist ein echtes Wunder.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Shameika
  • Under the table
  • Ladies
  • Cosmonauts
  • For her

Tracklist

  1. I want you to love me
  2. Shameika
  3. Fetch the bolt cutters
  4. Under the table
  5. Relay
  6. Rack of his
  7. Newspaper
  8. Ladies
  9. Heavy balloon
  10. Cosmonauts
  11. For her
  12. Drumset
  13. On I go

Gesamtspielzeit: 51:54 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 21525

Registriert seit 07.06.2013

2020-05-08 23:28:08 Uhr
Die Percussion auf dem Album ist schon echt der Knaller. Hach ja.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 5107

Registriert seit 26.02.2016

2020-05-08 23:21:10 Uhr
"Heavy Balloon" war auch in meiner Highlight-Kandidatenauswahl. Großartig, wie das im Refrain durch die Decke geht.

fuzzmyass

Postings: 1930

Registriert seit 21.08.2019

2020-05-08 23:16:42 Uhr
Heavy Balloon ist mein Highlight nr. 1

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 21525

Registriert seit 07.06.2013

2020-05-08 23:12:42 Uhr
Im hinteren Teil (der ja immer etwas länger dauert) gefällt mir derzeit "Heavy Balloon" besonders gut.

Xavier

Postings: 165

Registriert seit 25.04.2020

2020-05-08 23:10:44 Uhr
Tolle Platte.
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