The Smith Street Band - Don't waste your anger

The Smith Street Band- Don't waste your anger

Poison City / Side One Dummy
VÖ: 17.04.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Bitter und schwindelig

"Alles. Wird. Gut." Die Überschrift der Plattentests.de-Rezension zu "More scared of you than you are of me" sollte für Wil Wagner, Sänger der The Smith Street Band, nicht greifen. Im Gegenteil. Die Trennung des Songwriters von seiner damaligen Freundin Georgia McDonald, ihres Zeichens Frontfrau von Camp Cope, mündete viele Monate nach Zerbrechen der Beziehung in eine Schlammschlacht: McDonald warf ihrem Ex-Partner "mental abuse" vor, veröffentlichte E-Mails von Wagner mit durchaus schlimmen Worten aus der Phase der Trennung. Der wehrte sich gegen die Vorwürfe. Ein endgültiges Urteil vermögen Außenstehende kaum zu fällen. Weil der Streit in die Öffentlichkeit gelangte, rutschte dann auch Wagner, der seit Jahren unter Angstzuständen leidet, psychisch gen Abgrund, wie Statements via Social Media erahnen lassen. Aufruhr in der Szene, spontaner Rückzug diverser Support-Acts und der Tournee-Abbruch Anfang 2019 waren für The Smith Street Band bloß die greifbarsten Begleiterscheinungen.

Und so ist es kaum verwunderlich, dass sich "Don't waste your anger", die bereits fünfte Platte der australischen Punkrocker, verstärkt um Zustände am Rande der Verzweiflung, um Vorwürfe und deren Verarbeitung dreht. Und sie dreht sich schwindelig. Wagner singt, krächzt, leidet mittels seiner markanten, oft leicht neben der Tonleiter agierenden Stimme intensiver als je zuvor. Seine Band rumpelt herrlich eindringlich, mal eingängig wie bei der zumindest melodisch-positiv anmutenden Single "I still dream about you", mal leise-athmosphärisch und verzwackt wie beim toll instumentierten Opener "God is dead", der mit dosierten Ausbrüchen immer wieder Gänsehaut entfachen kann – so, wie man es von dieser Band schätzt. Wagner schäumt innerlich, rafft sich zu vagen Versuchen des Verarbeitens, die manchmal im Keim ersticken: "God is dead / And reality's fake / All is a nightmare of a dying race." Doch dann scheint die Sonne kurz rein, lässt immerhin den Zynismus am Leben: "Tragedy is comedy / If you can get through it."

In vielen Stücken schimmert der ruppig-intuitive Geist von "Throw me in the river" durch, The Smith Street Band sind als Musiker und Song-Dramaturgen aber heute weiter als im Jahre 2014. So tragen flächiger Keyboard-Einsatz in etlichen Stücken, fein austarierte Streicher-Passagen, weibliche Gaststimmen und zarte Songs wie die Ballade "It's ok" und das hingabevoll lediglich auf Piano, Synthies und E-Gitarre dahinschwelende "Dirty water" dazu bei, dass "Don't waste your anger" eine von vorn bis hinten facettenreiche und bockstarke Rockplatte geworden ist. Wil Wagner hat nicht nur einmal daran gedacht, alles hinzuwerfen. Insofern ist es höchst erfreulich, dass Kämpfen und Weitermachen sich nicht nur zum Abschluss im fulminant-epischen Titelstück manifestieren, sondern unterm Strich die einzig machbare Option war.

Doch bei allen Windungen und Wendungen, bei solch massiven Selbstzweifeln, bei allem Bedauern des eigenen Fehlverhaltens bleibt manchmal nur die Wut als Lebenszeichen des überforderten Ichs. Und dann braucht es Lautstärke und Mittelfinger: "Everything's fucked / Nothing is fine / Everyone's fucked / Everyone's lying", heißt es in der Hymne "Profiteering". Spätestens, wenn sich am Ende die besten Freunde dann doch im Arm liegen, bevor es noch schlimmer kommt, weiß man: Bier schmeckt manchmal bitter – aber es schmeckt auch in bitteren Zeiten.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • God is dead
  • I still dream about you
  • Profiteering
  • Don't waste your anger

Tracklist

  1. God is dead
  2. Big smoke
  3. I still dream about you
  4. Dirty water
  5. The end of the world
  6. Losing it
  7. Profiteering
  8. It's ok
  9. Heaven eleven
  10. Don't waste your anger

Gesamtspielzeit: 44:42 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Milo

Postings: 112

Registriert seit 14.06.2013

2020-05-18 07:36:37 Uhr
Bisher Album des Jahres. Erinnert mich in manchen Momenten positiv an Frightened Rabbit (gerade der Opener).

Mit I still dream about you auch der Song des Jahres drauf. Was für eine Hymne!

Logarythms

Postings: 105

Registriert seit 13.06.2013

2020-05-06 00:45:06 Uhr
Muss bei dem Song immer an Bright Eyes denken

tnafilo

Postings: 1

Registriert seit 06.05.2020

2020-05-06 00:13:48 Uhr
"It's ok" erinnert mich extrem an einen anderen Song von ner anderen Band, aber ich komm einfach nicht drauf. Auch von der Stimme her total ähnlich...das macht mich total kirre!
Kann mir da jemand auf die Sprünge helfen?

MartinS

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 859

Registriert seit 31.10.2013

2020-04-23 11:08:01 Uhr
Beim Vorgänger hab ich eine Etage zu hoch ins Wertungsregal gegriffen, hier passt die 8 aber ganz genau. Ein großartiges Album!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17895

Registriert seit 08.01.2012

2020-04-22 21:17:05 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
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