Diet Cig - Do you wonder about me?

Diet Cig- Do you wonder about me?

Frenchkiss / The Orchard
VÖ: 01.05.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Es tut gleichmäßig weh

Die Zeichen stehen auf Wachstum. Das New Yorker Duo Diet Cig wirbelte 2017 mit seinem Debüt "Swear I'm good at this" einigen Staub auf, jedoch relativ verlässlich in der Sparte sonnigen Pop-Punks. Ziemlich viel Energie steckte darin, aber auch ein Bekenntnis zu relativ geradlinigen Songstrukturen. Nun haben Alex Luciano und Noah Bowman ihren Sound auf Album Nummer zwei, "Do you wonder about me?", nicht um 180 Grad gewendet, lassen aber eben auch ein paar Sachen abseits der gesicherten Wegstrecke zu. Zunächst einmal haben sie jedoch eine alte Stärke bewahrt, die da wäre, widersprüchliche, auch ungesunde Gefühlssphären in wunderbar rund ausformulierte Indie-Rock-Schönheiten zu übertragen. All das Verwirrende, emotional schräg im Raum Stehende wird zu handlich kleinen Hymnen der Selbstbehauptung gefügt, sodass Alex Luciano ihre intensiven Lyrics bereits von einem Punkt der überstandenen Katastrophe aus zu senden scheint.

So ist es auch kein Zeichen von Harmlosigkeit, sondern von Selbstbewusstsein, wenn ein verletztes "Who are you / To say I'm sorry / When we both know / You'll do it all over again?" in einem Song stattfindet, der vor hübscher Melodieseligkeit strotzt, also maximal bearbeitet und aufgehübscht ist. Denn die Zerrissenheit einer toxischen Beziehung unmittelbar mit Noise und Kakophonie darzustellen, ist zwar auch eine Kunst, sie aber so zu bearbeiten, dass sie jedem süßlich ins Ohr steigt, zeugt auch von großer Könnerschaft. Auch "Night terrors" bearbeitet textlich Dunkles, die nächtliche Isolation, das Gefühl, im Dunkel die Kontrolle zu verlieren, all das scheint zwar durch, doch sorgen selbstbewusste Gitarren-Riffs und der süßlich-beschwichtigende Gesang Lucianos für ein Gefühl der Distanz, das Unheil scheint gebannt.

Natürlich kann man monieren, dass Diet Cig wenig von musikalischen Extravaganzen halten, ihre Songs relativ glatt und ungehindert durchlaufen. Doch sprach der Rezensent ja von Wachstum und Weiterentwicklung, und diese findet man bei genauerem Hinhören dann auch recht schnell. Denn es gibt da diese kurzen Einsprengsel von oftmals wenig mehr als einer Minute Länge. "Priority mail" als kleine Klavier-Zartheit, hingehuscht und verletzlich, lockert genauso den Verlauf des Albums auf wie das "Makeout interlude", welches einfach ein paar schroffe, aber nachdenkliche Akkorde der Gitarre in den Raum wirft. Hier entsteht mit reduziertem Instrumentarium eine Unmittelbarkeit und auch nackte Schönheit, die ein willkommenes Gegengewicht zu den voll ausformulierten Songs darstellt.

Diese sind aber wie gesagt in ihrer runden Vollkommenheit auch nicht zu verachten, sei es, dass "Flash flood" einem rumpeligen Schrottsound huldigt oder "Broken body" mit wuchtigen Gitarren in ein erlösendes Himmelreich aufstrebt. Man findet leichten Zugang zu "Do you wonder about me?", es stellt keine Verkomplizierungen in den Weg, seine Melodien sind nahbar und laden zum lauten Mitsingen beim Konzert ein. Und doch ist dieses Album weder platt noch banal, denn seine Themen sind aus der Tiefe hervorgeholt worden. Nur sind sie nun raffniert ausgearbeitet zu genießen, ihr unmittelbarer Terror gebannt in einem bittersüßen Narrativ.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Who are you
  • Night terrors
  • Broken body

Tracklist

  1. Thriving
  2. Who are you
  3. Night terrors
  4. Priority mail
  5. Broken body
  6. Makeout interlude
  7. Flash flood
  8. Worth the wait
  9. Stare into the sun
  10. Night terrors reprise

Gesamtspielzeit: 24:38 min.

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Armin

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2020-04-22 21:13:52 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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