Other Lives - For their love

Other Lives- For their love

PIAS / Rough Trade
VÖ: 24.04.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wilder animals

Der Aufnahmeprozess von "Rituals" scheint seine Spuren bei Other Lives hinterlassen zu haben. Eine Vorauswahl von 60 Songs, ständiges Überarbeiten, elektronische Experimente – ganz schön viel zu schultern für drei Naturburschen aus Oklahoma. Kein Wunder also, dass sie für "For their love" wieder die Kehrtwende vollziehen. Ermüdet vom städtischen Treiben in Portland mietete Sänger Jesse Tabish ein abgelegenes Häuschen in seinem Heimatstaat, das ihm einen nicht nur privaten, sondern auch musikalischen Neuanfang ermöglichte. So arbeiteten er und seine Jungs viel spontaner, direkter miteinander, zerbrachen sich nicht mehr den Kopf über jede Note und produzierten ihre vierte Platte kurzerhand komplett selbst. Das unverkrampfte, kompakte Resultat atmet seinen Entstehungskontext mit jeder Pore. Natürlich arrangieren Other Lives weiterhin aufwändig und kunstvoll, doch ein so aufbrausender Song wie "Hey hey I" hätte ohne lockeres Zusammenspiel gar nicht geboren werden können.

Auch, wenn in jenem kleinen Rocker das Piano ausnahmsweise druckvoll angeschlagen statt zärtlich umschmeichelt wird, hat sich das grundlegende Wesen ihrer Musik jedoch wenig verändert. So verstehen es Tabish, Jonathan Mooney und Josh Onstott immer noch ausgezeichnet, unaufgeregte Indie-Folk-Stücke mit allerlei instrumentalen Schnörkeln zu verzieren, ohne je in den Exzess abzudriften. Den Opener "Sound of violence" durchströmt mit seinen cineastischen Streichern und atmosphärischer Gitarre die Western-Magie Ennio Morricones, doch läuft sie nicht in einem Gewaltakt, sondern dem Schwelgen des Refrains zusammen. Im Kern simple Songs wie "Who's gonna love us" oder "Dead language" erhalten durch virtuoses Klavierspiel und Chor-Einlagen eine gar klassisch anmutende Würde. Das sechsminütige Herzstück "All eyes / For their love" unterläuft den Pop auch strukturell, gestaltet sich als eindrücklichstes Exempel für das Talent seiner Erschaffer aber keineswegs überambitioniert oder sperrig.

Die Verflechtungen mit Radiohead und Atoms For Peace sind nach dem Abgang von Produzent Joey Waronker zwar aus dem Sound von Other Lives verschwunden, doch was sich die Bands weiterhin teilen, ist ihre "Alles geht"-Mentalität. "Nites out" eignet sich mit grummelndem Bass und polternden Drums eine fast schon Post-Punk-artige Ästhetik an – würde Konstantin Gropper in seiner Freizeit Interpol-Songs schreiben, sie könnten in etwa so klingen. Dass das Trio – unterstützt von Drummer Danny Reisch und Tabishs Frau Kim – rhythmisch gestraffter zu Werke geht, kommt ihrer Dringlichkeit nur zugute. Tracks wie "Lost day" oder "Cops" verbinden ihre schönen Melodien mit einem Zug, von dem manch ein akustischer Saitenzupfer nur träumen kann. Weniger griffig bleiben die Texte, die abstrakt meistens vom Verlorensein und Suchen erzählen. Dass es in "Hey hey I" gesellschaftskritisch um das Leid der amerikanischen Arbeiterschaft gehen soll, glauben wir dem Pressetext einfach mal und verbuchen es als willkommenen Konterpunkt zur Euphorie des Songs.

Ein entsprechender Hintergrund hilft auch, die emotionale Tragweite von "We wait" zu verstehen. Als 17-Jähriger musste Tabish den Tod seines besten Freundes erfahren, ermordet von jemandem aus dem engeren Kreis seiner damaligen Band, der All-American Rejects. "It was nothing but a hand upon a gun / Now in my dreams I come and sit with you and ask you how you've been", singt er 20 Jahre später in einem ungewohnt offenen Moment der Verarbeitung. Seine manchmal wie ein gelangweilter Robin Pecknold klingende Stimme zittert hier mit der Gravitas großer Country-Helden – und spätestens, wenn glorreiche Bläser den Prärie-Staub aufwirbeln, greift das Stück auch musikalisch nach dem Klassiker-Status. Vielleicht will sich deshalb bei "For their love" in Gänze nicht das Gefühl eines großen Meisterwerks einstellen, weil unter den hochspannenden Arrangements nicht immer eine so tiefsackende Substanz steckt. Doch im Sinne ihrer wiedergewonnenen Lockerheit wird das Other Lives selbst wohl herzlich egal sein.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Lost day
  • All eyes / For their love
  • We wait

Tracklist

  1. Sound of violence
  2. Lost day
  3. Cops
  4. All eyes / For their love
  5. Dead language
  6. Nites out
  7. We wait
  8. Hey hey I
  9. Who's gonna love us
  10. Sideways

Gesamtspielzeit: 36:50 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

musie

Postings: 2786

Registriert seit 14.06.2013

2020-07-11 15:54:03 Uhr
mir gefielen sie früher im reduzierten sound besser. referenzen jetzt: Balthazar und va Warhaus

Voyage 34

Postings: 923

Registriert seit 11.09.2018

2020-07-11 14:47:30 Uhr
Hab sie 2x live gesehen, das war auch fantastisch. die letzten 2 Alben sind aber irgendwie aber trotzdem vollkommen an mir vorbei gegangen

boneless

Postings: 3046

Registriert seit 13.05.2014

2020-07-11 12:22:24 Uhr
Ein mehr oder weniger spontaner Blindkauf, weil ich das Cover so klasse fand und Crystal Clear Vinyl ja immer was her macht. Ich weiß jetzt nicht, ob es die 25 Euro wert war, aber hübsch ist diese recht opulente, hippieske Version von The National allemal. Temples kamen mir auch in den Sinn. Hier und da hätte es gern etwas reduzierter sein können, aber Stimmung macht das schon. Man ist immer wieder überrascht, was doch so alles an einem vorbei geht, denn ganz so unbekannt scheinen die ja nicht zu sein.

AndreasM

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 457

Registriert seit 15.05.2013

2020-05-01 19:12:24 Uhr
Ich habe bisher leider nur eine Hördurchgang geschafft. Mein Eindruck war: Geht wieder mehr in Richtung "Tamer Animals" und die ersten Stücke ließen sich gut an. Die zweite Hälfte war dann aber tatsächlich etwas eintönig. Trotzdem aber mehr als Durchschnittsware und es wird noch mehrere Durchläufe geben.

Herr

Postings: 1432

Registriert seit 17.08.2013

2020-05-01 19:07:31 Uhr
Ich bin ja einer, der Montags 125 km hin und Donnerstags zurück von der Arbeit fährt.
In diesen Fahrzeiten nehme ich vor, nicht nur reinzuhören, sondern Alben in Gänze zu hören, so wie früher vor dem rotierenden Vinyl.
Und dann achte ich drauf, wann der Drang entsteht, zu wechseln.

Hier nach ungefähr 6 Songs. Ursache: doch sehr zugeschwulstet alles mit süßlicher Schwere.

Aber dennoch tolle Musik!
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