Enter Shikari - Nothing is true & everything is possible

Enter Shikari- Nothing is true & everything is possible

Go / The Orchard
VÖ: 17.04.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

The days after tomorrow

Hört man "Elegy for extinction", das Enter Shikari eigens mit dem Prager Symphony Orchestra aufgenommen haben, hat man die Bilder grell vor Augen: Ein unwirklich schöner Sonnenaufgang in einem Roland-Emmerich-Streifen aus den Neunzigern, nachdem nachts zuvor die Welt verbrannt oder explodiert ist. Und nein, das ist kein Zufall. Wer lesen kann, erfasst Songtitel wie "The great unknown" und das desillusioniert-entrückte, mit Bläsern umherwankende "Waltzing off the face of the Earth": "This song isn't real / And you are not here / You can't trust your own eyes / You only hear lies", heißt es darin mit Blick auf Verschwörungs-Idiotie und Fake-News. Abgesehen davon, dass die sechste Platte der Briten in einer seltsamen Zeit erscheint, in der ein Virus die ganze Welt bedroht: Die vielbeschworene Apokalypse für die Menschheit ist allein ob des Klimawandels und all der weltpolitischen Umtriebe zumindest nicht unrealistischer geworden.

Und so richten die talentierten Briten sogar mit den positiven Vibes der The-1975-infizierten Tracks "The pressure's on" und "Modern living..." mahnende Worte an die Hörerschaft: "But listen! / Everything you love is about to disappear." Nein, "Nothing is true & everything ist possible" klingt trotz des mahnenden Zeigefingers nicht völlig negativ. Dass die britischen Elektro-Rocker noch Hoffnung haben, unterstreicht nicht nur der Albumtitel. Auch die Geschichte lehrt bei allem Schrecken, dass Krisen und Katastrophen zumeist auch Solidarität hervorrufen und positive Ideen mit sich bringen. Den Appell des Openers "If there's anyone out there? / Give me a sign!" sollten auch die größten Phlegmatiker sich dennoch langsam hinter die Lauscher pappen.

Enter Shikari sind nach wie vor nicht müde, dem Begriff "Grenzen" so wenig wie möglich Beachtung zu schenken, das gilt inhaltlich wie musikalisch. Es ist faszinierend, dass beinahe jedes aus logischem Hörwinkel noch so krude erscheinende musikalische Experiment der Band um Ideen-Mastermind Rou Reynolds im Albumkontext irgendwo aufgeht und der abermals wilde Mix aus Pop, Post-Hardcore, Trance, HipHop und Orchester auch im 14. Bandjahr meist gut unterhält. Und so müssen sich auch eingefleischte Fans der Truppe im wilden Stil-Sammelsurium von "Nothing is true & everything is possible" erst wieder orientieren, um dann von klassischem Enter-Shikari-Material wie dem Opener oder zugänglichen Synth-Pop-Punk der Marke "Satellites" umarmt zu werden.

Überhaupt geht es auf Album Nummer sechs konsequent zur Sache, die Kompositionen sind weniger auf Epos denn auf Kompaktheit angelegt. Dies kann verstörend sein, positiv im Falle von "The king", einem Punkrocker, der gar ein wenig Ska- und Straßenluft atmet. Doch selbst aufs erste Ohr schlimme Musik wie der Linkin-Park-Verschnitt "Marionettes (II. The ascent)" oder grausiger Neunziger-Dance-Core-Pop der Marke "T.I.N.A." haben ein kleines Faustpfand in petto: hörbar feine Melodien. Und weil Enter Shikari bei ihrem Genre-Ritt im DeLorean in den politisch samtweichen Neunzigern einen längeren Stop einlegten, holt das unverfrorene "Crossing the rubikon" gar N'Sync und die Backstreet Boys in die raue Gegenwart. Wenn's mit dem Po-Abwischen schon blöd ausschaut – gibt's im Drogeriemarkt wenigstens noch Haargel?

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Waltzing off the face of the Earth (I. Crescendo)
  • The pressure's on
  • Satellites
  • The king

Tracklist

  1. The great unknown
  2. Crossing the rubikon
  3. {The dreamer's hotel}
  4. Waltzing off the face of the Earth (I. Crescendo)
  5. Modern living...
  6. Apocaholics anonymous (Main theme in B minor)
  7. The pressure's on
  8. Reprise 3
  9. T.I.N.A.
  10. Elegy for extinction
  11. Marionettes (I. The discovery of strings)
  12. Marionettes (II. The ascent)
  13. Satellites
  14. The king
  15. Waltzing off the face of the Earth (II. Piangevole)

Gesamtspielzeit: 46:22 min.

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User Beitrag

Neuer

Postings: 525

Registriert seit 10.05.2019

2020-04-25 08:04:36 Uhr
Muss aber sagen, dass Enter Shikari verglichen mit Muse die stimmigeren Lieder schreiben mMn.

Vennart

Postings: 510

Registriert seit 24.03.2014

2020-04-23 15:29:15 Uhr
Eric, das sollte kein Diss sein ich wollte nur meinem Fanboyunmut Luft machen, du hast eben einige meiner Lieblingsalben wüst abgefrüshtückt :D
Vor allem wenn ich bedenke, an was für Kapellen hier regelmäßig 8/10 verteilt werden aber ich werde das schon überstehen :)

Und dass Enter Shikari drüber sind, macht für mich gerade die Faszination aus. In der Hinsicht sehe ich die auch in der Nähe von Muse, das ist sehr häufig übertrieben und nicht immer geschmackvoll aber dafür spaßig und aufregend.

Neuer

Postings: 525

Registriert seit 10.05.2019

2020-04-21 11:10:32 Uhr
Dass man Alles Gut und Nicht Gewinnen nicht mag, kann ich verstehen. Aber Identitätsstiftend macht doch ordentlich Ballett :D Da ist noch nix schwach dran!

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2295

Registriert seit 14.06.2013

2020-04-21 10:58:48 Uhr
Ist hier nun geballter Diss angesagt oder was? =)

Die "Mindsweep" hätte die 7/10 verdient gehabt, finde ich besser als die aktuelle.

Heisskalt im Nachhinein auch 7/10, wenngleich nur wegen der 9/10- und 10/10-Tracks (Sonne über Wien, So leicht & Gipfelkreuz). Mehr aber nicht, weil da auf Position 4,7 und 8 einfach auch schwache Songs sind. ;)

Enter Shikari zu bewerten fällt eh schwer, für mich sind sie in ihrem Soundmix zu oft "drüber" und manchmal leider nah an dem Sound der unsäglichen Nu-Rock-/ Linkin-Park-Ära, daher würde ich mich nicht als Fan bezeichnen, ihre Musik finde ich dennoch höchst unterhaltsam.

The Intersphere? Klappt wegen der Stimme nicht, Musik schon gut. Sehr subjektiv, aber so ist das.

Croefield

Postings: 1313

Registriert seit 13.01.2014

2020-04-21 10:55:04 Uhr
Das erste Album klingt heute ganz merkwürdig, da waren sie aber auch musikalisch noch ganz anders ausgerichtet. Das zweite mag ich eigentlich sehr gerne, da ballern die Synthies halt richtig durch. Da habe ich nicht so viel auszusetzen, aber das ist musikalisch auch noch etwas banal, wobei so Hits wie "Juggernauts", "No sleep tonight", oder eher anstrengende (Techno-) Sachen wie "The Jester" und "Zzzonked" für mich schon sehr spaßig sind.
Ab dem 3. Album wurde es für mich dann richtig interessant.

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