Midwife - Forever

Midwife- Forever

The Flenser / Deathwish
VÖ: 24.04.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Trauer überwältigt

Trauer hängt wie schwerer Nebel über der Albumlandschaft. Madeline Johnston alias Midwife, die mit "Forever" ihr zweites Album veröffentlicht, nennt es "Heaven Metal". Graue regnerische Akkorde ziehen über die Platte hinweg. Die Voreinstellung einer Drum Machine puckert in der Ferne, während sie ihren Geist aufgibt. Alles ist von gedämpften Hall umgeben, was die einzelnen Klänge noch einsamer wirken lässt. Eine entrückte Stimme gibt ihren Schmerz kund.

"This is really happening / To me." Immer und immer wieder trägt Johnston dies im Opener vor, als könne sie es selbst nicht glauben. Die Akkorde kreisen mit ihr um die gleichbleibende melancholische Melodie-Linie. Konsternierte Leere. Ein entfernt erklingender rudimentärer Drum-Track untermalt die apathische Stimmung, schraubt sich immer tiefer in die Komposition. "Anyone can play guitar" feiert den Schmerz, der in der Banalität des Lebens liegt: "Anyone can tell a lie / Anyone can fall in love." Es dominieren Powerchords, die in ihrer Einfachheit tatsächlich kraftvoll sind und die ungeschönte Meditation der Trauer fein unterstreichen. Wenn sich dann Gitarrenmelodien über das Grundmotiv erheben und Johnston "You can't run for your whole life / With two truths and a lie" konstatiert, ist das ein Aussprechen der bedrückenden Stimmung, die das Album wie ein grauer Faden durchzieht.

Der Minimalismus von "Vow" steht in der Tradition japanischen Ambients der 1980er, der sich dem Betrachten kleinster Bewegungen verschreibt. Dramaturgisch ist die absolute Reduktion dieses Songs nach dem aufbegehrenden Track zuvor wie der Klang von einzelnen Regentropfen in einem leeren Brunnen und trifft voll ins Schwarze. Wenn Johnston dann in Language "How do I say it / In every language" fragt, ernüchtert der lyrische Gehalt gegenüber dem verträumten Sound, den Johnston kein Eskapismus sein lässt. Vielmehr gleitet man sphärisch tiefer in Gemütslagen zwischen Leere und Tauer. "I will never forgive you", flüstert sie niedergeschlagen zum Ende des Liedes. In "C.R.F.W." liest jemand ein Gedicht vor, dessen Stimme später zittrig wird. Der Klang eines Menschen, der kurz davor ist in Tränen auszubrechen. In der zweiten Hälfte des Songs führen dröhnende Gitarren durch die Phasen der Trauer – wie ein Nachhall der zuvor erklungenen Worte.

Im Closer brechen warme Gitarrenklänge unmittelbar aus dem wolkenverhangenen Klangteppich des vorangegangenen Tracks hervor. Der Schmerz von Sonne für Augen, die sie lange nicht mehr erblickt haben. Auch der Gesang kämpft sich durch das Sound-Dickicht, ein vorantreibender Drumbeat pocht und simple, aber starke Akkorde unterstreichen wiedergewonnene Sicherheit in dieser musikalischen Konfrontation. Johnston zelebriert in diesem Finale Lo-fi-Pop-Katharsis vom Feinsten. Der Song ist die Kulmination der Trauer, die hier offen ausgesprochen wird: "I don't want to live forever / I can't even say your name." Es ist ein In-die Knie-gehen vor dem unüberwindbaren Schmerz des Verlustes eines geliebten Menschen und die Unfähigkeit damit umzugehen – das Album ist klangliche Trauerbewältigung. Nicht nur für die Musikerin.

(Benedikt Stamm)

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Highlights

  • 2018
  • Anyone can play guitar
  • S.W.I.M.

Tracklist

  1. 2018
  2. Anyone can play guitar
  3. Vow
  4. Language
  5. C.R.F.W.
  6. S.W.I.M.

Gesamtspielzeit: 33:42 min.

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Der Untergeher

User und News-Scout

Postings: 1408

Registriert seit 04.12.2015

2020-04-09 20:45:15 Uhr
Unterschätzter Lofi-Slowcore-Dreampop-whatever.. "Like Author, Like Daughter" war ein großes Album.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17662

Registriert seit 08.01.2012

2020-04-08 20:51:20 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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