Nicolas Jaar - Cenizas

Nicolas Jaar- Cenizas

Other People / Rough Trade
VÖ: 27.03.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Staub, Steine, Erden

Eben noch schnell ein Vaterunser beten, dann vom Stuhl erheben, schweigend über den halben Friedhof laufen, an der richtigen Stelle stehenbleiben. Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Aber wer wird hier eigentlich zu Grabe getragen? Gerade mal zwei Monate nach der Veröffentlichung seines Against-All-Logic-Werkes "2017-2019" scheint Nicolas Jaar die Antwort zunächst schuldig zu bleiben, ehe sich das nun abermals unter seinem richtigen Namen erscheinende "Cenizas" langsam und unheimlich in seiner kleinen Grube ausbreitet. Der Albtraum schlechthin: bei lebendigem Leibe verbuddelt zu werden. Im Falle Jaars hingegen wirkt es fast wie ein Befreiungsschlag. Hier wird die Einsamkeit bestattet, gemeinsam mit dem Frust, der Angst, den Zweifeln. Und noch immer ist Platz in diesem Sarg.

"Cenizas", zu Deutsch "Asche", entstand im selben Zeitraum wie das bereits erwähnte "2017-2019" und damit in einer durchaus bemerkenswerten Phase im Leben des mittlerweile 30-Jährigen. Denn Jaar hatte sich in eine selbstauferlegte Isolation begeben und von sämtlichen Bekannten und negativen Stimmungen losgesagt. Dass "Cenizas" nun in einer für die Menschheit ebenfalls so bemerkenswerten Situation erscheint, mag Zufall sein. Von der Isolation des einen in die Isolation der anderen ist es hier jedoch nur ein kleiner Schritt, und in einer Zeit, in der so manch einer überhaupt erst merkt, wie sehr ihm der physische Kontakt zu anderen fehlen würde, legt sich das Album wie ein heilendes Pflaster auf die offene Wunde. Man hat Jaar bereits sowohl verkopfter als auch zugänglicher erlebt, und doch ist "Cenizas" nicht nur aufgrund seiner Entstehungsgeschichte genau das Werk, das man von ihm derzeit am dringendsten braucht.

Einerseits kühl und unnahbar, andererseits emotional, melancholisch, anspornend: "Cenizas" macht mit seinem Hörer ein normales Zusammensein auf kleinstem, gemeinsamen Raum durch. Da kommt man sich mal näher und entfernt sich alsbald wieder voneinander, beäugt den anderen mit Argwohn, streckt vertraut die Hand aus, umkreist sich den ganzen Tag, schläft abends Arm in Arm nebeneinander ein. "Gocce" tanzt einen verruchten, unheilschwangeren Tango durch die verschlossene, düstere Wohnung, findet jedoch in jedem einzelnen Raum seine kleine Fläche, während es der verschlafene Titeltrack kaum aus dem Bett schafft. Auch der Opener "Vanish" deutet anfänglich eine gewisse Trägheit an, entwickelt sich im weiteren Verlauf aber zu einer Art Kirchenlied voller Hoffnung, voller Verzweiflung. Beides geht hier immer wieder Hand in Hand, auf einen optimistischen Moment folgt das Grauen vor der Zukunft, die Panik in der Ungewissheit. Aber zum Glück: Am Ende steht man hier doch wieder auf.

Und hat man dann doch genug und befindet sich kurz vorm Lagerkoller, ist "Mud" der ideale Begleiter durch den Wahnsinn: Aufrührerisch kommt dieses Stück in der Albummitte daher, ein kleiner Revolutionär mit den richtigen Worten auf der Zunge, der einen Gedanken wie ein Samenkorn im Kopf des Zuhörers sät – und der ihn dann doch behutsam auffängt und tröstet. Diese Schlacht schlagen wir ein anderes Mal. Davor stehen noch sinnliche Schattenspiele mit "Rubble" auf dem Programm, und ein ruhiger, zarter, sanfter Spaziergang im "Garden", das die Natur von draußen ins Heim holt. Da spürt man fast das Gras unter den Füßen und schmeckt die Sonne auf der Zunge. Die Augen öffnen sich: Was, wenn man hier gar nicht selbst begraben wurde, sondern nur die Blumen für den nächsten Frühling gepflanzt hat? Der Dreck unter den Fingernägeln weiß es ebenso gut wie die Zuversicht: Irgendwann sind wir alle wieder zusammen.

(Jennifer Depner)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Vanish
  • Mud
  • Garden

Tracklist

  1. Vanish
  2. Menysid
  3. Cenizas
  4. Agosto
  5. Gocce
  6. Mud
  7. Vacíar
  8. Sunder
  9. Hello, chain
  10. Rubble
  11. Garden
  12. Xerox
  13. Faith made of silk

Gesamtspielzeit: 53:40 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Fiep

Postings: 381

Registriert seit 29.04.2014

2020-08-30 11:34:43 Uhr
Bin jetzt den sommer wieder etwas zurück gekommen darauf, und gestern mal wieder mit frischen ohren probiert, nachdem sie mir im frühling doch schon mhr gefiel:
Ja, hat sehr starke momente. Ich mag sie sehr, würde wohl eine 8/10 geben.
N par längen hat sie na manchen stellen, und etwas zu formlos. Trotzdem eine spannende erfahrung, für die man aber das richtige mindset braucht, und definitiv gute boxen/kopfhörer.

Fiep

Postings: 381

Registriert seit 29.04.2014

2020-04-09 18:06:28 Uhr
Puh... ich kann bisher schockierend wenig damit anfangen, dafür wie sehr ich ihn mag...

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18377

Registriert seit 08.01.2012

2020-04-08 20:50:57 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

maxlivno

Postings: 2191

Registriert seit 25.05.2017

2020-03-28 19:50:39 Uhr
Gegen „Coin In Nine Hands“ kann ich nichts sagen, finde den klasse. In einer perfekten Welt wäre der Song auch auf der regulären Version.

Ich finde „America!...“ ja auch nicht schlecht, aber als Closer nimmt er jedes Momentum für mich raus. Tauscht man ihn und „History Lesson“ und lässt ihn als Pause zwischen zwei Feuerwerken wirken, sähe das wohl nochmal anders/besser aus.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 5466

Registriert seit 26.02.2016

2020-03-28 19:23:50 Uhr
Ich kann zustimmen, dass "History Lesson" besser ans Ende passt, wobei "America" für sich genommen auch ein guter Closer ist.
Cover ist mir egal, denn ich hab das reguläre in meiner Bibliothek eingesetzt. ;-) (Sonst ja: die Deluxe ist schwächer in der Hinsicht.)
Aber "Coin In Nine Hands" ist für mich das ultimative Argument für die Deluxe-Version. Kann mir das Album gar nicht mehr ohne vorstellen.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify