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Nine Inch Nails - Ghosts VI: Locusts

Nine Inch Nails- Ghosts VI: Locusts

Null
VÖ: 26.03.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Ja, Panik

"Ghosts VI: Locusts" ist vieles: Die Nachrichten, die Dir jeden Tag eine steigende Zahl an Infektionen und Toten entgegenschieben. Die Sonne, die dir durchs Fenster höhnisch auf den Homeoffice-Monitor scheint, während das Scheiß-VPN wieder den Geist aufgibt. Die unerträgliche Distanz zu allen, die Du Freunde oder Familie nennst. Der drohende wirtschaftliche und gesundheitliche Kollaps des Systems und die Gefahr oder Gewissheit, dass Dein eigener Job bald nicht mehr da ist. Klar sind diese ebenfalls instrumentalen Stücke aus dem gleichen Holz geschnitzt wie das zeitgleich von Trent Reznor ins Netz gestellte "Ghosts V: Together". Doch wo dort noch an vielen Stellen Hoffnung durchschien, ist es nun zappenduster. "The cursed clock" macht direkt klar, dass Nine Inch Nails diesmal die Klänge dorthin lenken, wo es in der Seele wehtut. Das Klavier spielt verminderte Tonleitern, es pfeift und dröhnt mehr als unheilvoll, eine leichte Übersteuerung liegt wie Patina über dem Horrorsound. Und das ist erst der Beginn.

Mit dem folgenden "Around every corner" erscheint eine Trompete im Bild, die für mehr als 20 Minuten ein fester Bestandteil der Platte bleibt. Sie wirkt wie ein Apostel der Apokalypse, die draußen vor dem Fenster liegt. Das mag pathetisch klingen, aber "Ghosts VI: Locusts" begnügt sich selbst auch nicht mit kleinen Statements. "The worriment waltz" fährt nur zunächst die Schiene des Geschwisteralbums, das allgegenwärtige Blasinstrument sorgt aber dafür, dass dieser Trip unbequemer wird als eine Nacht auf dem Nagelbett. Mittendrin walzt sich ein schwarzes, gefräßiges Noise-Ungeheuer an die Ohren heran und verschluckt einen mit Haut und Haar. Im Bauch des Biests ist der Lärm zwar nicht mehr hörbar, aber dafür fehlt auch jegliches Licht. Nicht selten denkt man an dystopische Zeitlupen wie Bohren & Der Club Of Gore, nur ohne Anflüge von jazziger Leichtigkeit.

In "Run like hell" steht die Percussion im Vordergrund, welche erst die Trompete umkreist und dann in einen Breakdown verfällt, der ein wenig an den Mittelteil des seligen "The perfect drug" erinnert. Wie als Kontrast zu diesen dunklen Klangfarben klingelt "When it happens (Don't mind me)" aggressiv wach, rüttelt an der Schulter, ob man denn noch lebe. Einer der erdrückendsten Momente ist überraschenderweise nur eine Art Interlude. Das im vergeblichen Startversuch steckengebliebene Auto von "Another crashed car", zu dem sich später ein Telefon ohne Verbindung gesellt, malt Bilder einer völlig dysfunktionalen Welt mit den Mitteln der frühen Godspeed You! Black Emperor. Bis hierhin haben Nine Inch Nails kaum je Pessimismus und Trostlosigkeit so meisterhaft vertont – und das heißt einiges. Wer sich in Isolation schon sehr einsam fühlt, der sollte gut überlegen, ob die erste Hälfte "Ghosts VI: Locusts" das Gefühl nicht unweigerlich noch verschlimmern könnte. Mehr als einmal hat man das Gefühl, diese Stücke wollen einen regelrecht demütigen.

Nach diesem grandiosen, aber eben auch erschöpfenden Beginn werden die Zügel allerdings etwas lockerer gehalten. Verschiede kürzere Skizzen bilden den Kontrast zu den ausschweifenden Kompositionen zu Beginn und zu denen von "Ghosts V: Together". Das mag notwendig sein, schließlich sind 83 Minuten ohnehin kein kurzer Spaziergang, es bringt "Ghosts VI: Locusts" aber auch wieder in irdische Dimensionen zurück. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau. Die abseitige Atmosphäre ziehen Reznor und seine Gefährten auch im weiteren Verlauf durch und fesseln nach wie vor. "A really bad night" und "Your new normal" rufen nicht nur aufgrund ihrer Titel einen Bezug zur Corona-Krise her, verbreiten mit heulenden Synth-Schwaden ordentlich Unruhe. "Just breathe" ist in dieser Hinsicht noch unangenehmer, das Rauschen im Hintergrund klingt wie das schwerfällige Schnaufen einer Person, der das Atmen immer schwerer fällt.

Vermutlich weiß Reznor selbst, was für ein Brocken "Ghosts VI: Locusts" ist, wenn er das längste Stück "Turn this off please" nennt. Würde man im Normalfall als Ironie abtun, in diesem leidenden und paranoiden Kontext scheint jegliche Distanz aber undenkbar. Es wird ständig lauter und leiser, aber niemals in irgendeiner Form von der endlosen Schwärze abgekehrt, welche dieses Album ausfüllt. Oder: fast ausfüllt. Denn wo "Ghosts V: Together" mit einem Twist endete, tut "Ghosts VI: Locusts" es im invertierten Farbspektrum gleich. "Almost dawn" muss zwar auch noch den letzten Albtraum überstehen, die letzte Noise-Attacke durchleiden, doch es ist unmissverständlich, was in den letzten Sekunden zu hören ist: ein schlagendes Herz. Und damit weißt Du Bescheid. Auch wenn jetzt gerade alles beschissen zu sein scheint und Du vor lauter Sorgen und Ängsten nicht mehr weiter weißt, es geht vorbei. Du überlebst und die Schwärze ist nicht von Dauer.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • The cursed clock
  • The worriment waltz
  • Run like hell
  • Another crashed car

Tracklist

  1. The cursed clock
  2. Around every corner
  3. The worriment waltz
  4. Run like hell
  5. When it happens (Don't mind me)
  6. Another crashed car
  7. Temp fix
  8. Trust fades
  9. A really bad night
  10. Your new normal
  11. Just breathe
  12. Right behind you
  13. Turn this off please
  14. So tired
  15. Almost dawn

Gesamtspielzeit: 83:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

fuzzmyass

Postings: 3918

Registriert seit 21.08.2019

2020-12-31 17:28:18 Uhr
Leider nur ein mal gehört, muss ich häufiger machen... wenn ich nur digitale Files habe, komme ich manchmal nicht dazu etwas ausgiebig zu hören...
Grundsätzlich bin ich aber großer Fan der Instrumentalen Seite und auch der Soundtracks von Reznor & Ross...

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 7997

Registriert seit 23.07.2014

2020-12-31 17:28:00 Uhr
Möchte nicht jeden deiner tollen Texte zu deinen Alben des Jahres einzeln kommentieren, finde es aber super, dass du sie nochmal in die jeweiligen Albenthreads postest. Da steckt man doch so viel Mühe rein, es wäre zu schade, wenn sie in diesen Listenthreads sang- und klanglos wieder untergehen.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 24024

Registriert seit 07.06.2013

2020-12-31 16:22:19 Uhr
Jahresendbetrachtung:
Das “belebtere” der beiden Alben. Kam mitten im ersten Lockdown und gehört genau dorthin. Für mich war Trent Reznor immer schon mehr ein Meister der Klänge als ein Songwriter, von daher vermisse ich klassische Songs bei ihm nicht so sehr. Was ich an dem Album besonders liebe, ist, wie er langsam in Lynch-Gefilde abdriften (wohl durch die ganze Soundtrack-Arbeit). Gerade die Bläser in “Around every corner” und “The worriment waltz” geben der Atmosphäre das wunderbar “verlorene”... und dann kommt “Run like hell” und diese fantastischen Drums. Wenn schon fucking Lockdown, dann so. 8/10

Rowei

Postings: 32

Registriert seit 19.12.2020

2020-12-20 19:44:45 Uhr
"Locusts" hat was von Bela Bartok. Hört das noch wer heraus?

Thanksalot

Postings: 377

Registriert seit 28.06.2013

2020-12-20 10:32:14 Uhr
Auf jeden Fall unterscheiden sich die Beiden wie Tag und Nacht. Locusts ist düsterer und klingt organischer, fast nach Livealbum.
Ich muss aber sagen, dass ich für beide Werke keine Geduld besitze, auch wenn ich Together bei Erscheinen noch gelobt habe. Je öfter ich sie hörte, desto mehr verlor ich die Lust daran und übersprang die meisten Titel. So verhielt es sich aber auch schon bei den vorigen Ghosts. Sind diese mehr Stückwerk, wird hier wiederum einfach sehr viel in die Länge gezogen. "Your Touch" von der Together gefällt mir wohl am meisten. Alles in 4 1/2 Minuten ergreifend zusammengefasst. Der Titeltrack ist auch top. Zwar lang, ja, aber mit einer schönen Melodie und genug Variation. Bei der Locusts wären es dann "The Worriment Waltz" (das Saxophon(?)!), das hypnotisierende "The Cursed Clock" und das treibende "Run Like Hell" und das war's dann auch. Wenn das Ganze in den Brocken "Turn This Off Please" mündet, bewundere ich zwar das Handwerk und den Detailreichtum und ich habe keinen Schimmer, wie man Derartiges hinbekommt, aber es berührt mich eben auch null.
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