Dogleg - Melee

Dogleg- Melee

Triple Crown / Rough Trade
VÖ: 13.03.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Tell all your friends!

Ganz zum Schluss, wenn bedauerlicherweise alles vorbei ist, packen sie die Streicher aus. Dann geht der Closer "Ender" voll Anmut und Eleganz von der Bühne. Als ob nichts gewesen wäre. Die Bühne nämlich kann als solche nicht mehr bezeichnet werden. Wenn diese außergewöhnlichen 35 Minuten und 40 Sekunden zwischen laut und lauter schlussendlich den letzten Ton ausgespuckt haben, liegt alles erstens kreuz und quer in Trümmern und zweitens man selber vollgeschwitzt und für immer tief beeindruckt irgendwo am Boden. Doch der Reihe nach: Dogleg, das ist ein Quartett aus Michigan, dessen Sänger Alex Stoitsiadis sein Leben dafür geben würde, nochmal mit Fugazi oder Crash Of Rhinos touren zu dürfen, der aber zugleich Bock auf The Strokes, Modest Mouse oder Jawbreaker hätte. Und klar, irgendwo in diesem nicht eben kleinen Spannungsfeld platziert die Band ihr Debüt "Melee".

Allerdings: Allein der Opener "Kawasaki backflip" nimmt lasche Positionsbestimmungen wie eben diese, schleift sie ein paar Mal durch den in Stoitsiadis Haus aufgenommenen und selbstverständlich selbstproduzierten, über alle Genregrenzen erhabenen Punkrock und lächelt jedes Attribut lässig weg. Und man hat wieder treffsicher am Ziel vorbeibeschrieben und ist dem Werk in keiner Weise gerecht geworden. Man kann natürlich lang und breit darüber sinnieren, dass "Melee" klingt wie ein wild durcheinander stiebendes Pogoknäuel aus The Get Up Kids, Shook Ones, Joyce Manor und Crash Of Rhinos, dass man seit Spanish Love Songs Zweitling "Schmaltz" nicht mehr so dermaßen viel Dringlichkeit in einem Album gehört hat, dass man manchmal wartet, ob nicht bald jemand "We won't stand for hazy eyes anymore!" über die Songs skandiert und dass man Schwierigkeiten mit der Frage hat, ob man hier jetzt Punk, Post-Hardcore, (Midwest-)Emo oder doch irgendwie Indierock über das Dargebotene schreiben soll.

Man kann aber auch die Referenzhölle einfach einfrieren. Weil ein Song wie "Prom hell" schlicht und ergreifend viel zu gut ist, um überhaupt irgendwelchen Vergleichen standhalten zu müssen. Von der ersten Sekunde an ist da so viel an unwiderstehlicher Melodie im Spiel, schiebt da später ein nervöses Schlagzeug den Song nach vorne, baut sich konsequent die Spannung auf, bis das Stück vor Kraft kaum noch laufen kann und mit Glanz, Gloria, Krawall und Remmidemmi ins Ziel eskaliert. Was für ein wilder Ritt. Den die Band jederzeit zu wiederholen in der Lage ist. Man nehme nur das unmittelbar folgende "Fox", das sich einen Mantel aus Hitpotential umhängt, mitsamt ausladendem "Hey"-Geschrei die Beine in die Hand nimmt und im Finale der hemmungslosen Raserei fröhnt. Auf Hörerseite machen sich da keine Verschleißerscheinungen, aber schon die ersten Konditionsprobleme bemerkbar, während man gleichsam in freudigem Entsetzen feststellt, dass noch nicht einmal die Hälfte von "Melee" mit einem den Boden aufgewischt hat.

Tatsächlich ist die Band so freundlich, mit "Headfirst" zumindest das Tempo ein Stück weit in moderatere Gefilde zu drosseln. Weniger intensiv wird es aber keinesfalls, wenn Stoitsiadis alles andere als optimistisch "Time will let you down" über das dichte Songgeflecht leidet. Und wenn "Cannonball" das Feld mit viel Dynamik und tatsächlich noch mehr Dramatik für das große Finale bestellt, kann man schon ganz genau einschätzen, womit man es mit "Melee" zu tun hat. Und ist entsprechend bereit für diesen Irrwitz von Schlusspunkt, den "Ender" dann setzt. Von der ersten Sekunde an fliegt da alles wüst durcheinander, wird einigermaßen sortiert, in neue Formen und schließlich sogar für einige Momente zur Ruhe gebracht, nur um Stück für Stück wirklich alles an Emotion, Pathos und Leidenschaft in einen furiosen Parforceritt zu werfen, was unter Aufbringung sämtlicher letzter Reserven verfügbar ist. Und man hofft, die Band möge niemals aufhören. Und dann packen sie die Streicher aus. Und das Herz schlägt. Für einen wilden, lauten, ungeschliffenen, leidenschaftlichen Meilenstein. Weitersagen!

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Kawasaki backflip
  • Fox
  • Cannonball
  • Ender

Tracklist

  1. Kawasaki backflip
  2. Bueno
  3. Prom hell
  4. Fox
  5. Headfirst
  6. Hotlines
  7. Wartortle
  8. Wrist
  9. Cannonball
  10. Ender

Gesamtspielzeit: 35:40 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

rainy april day

Postings: 553

Registriert seit 16.06.2013

2020-04-06 22:03:09 Uhr
Die ersten paar Durchläufe bestätigen auf jeden Fall den guten ersten guten Eindruck. Hat auf jeden Fall ordentlich Wumms. Ich kann Kritik am Gesang zwar nachvollziehen, passt für mich aber sehr gut zum Sound, Stichpunkt "rau".

Mr Oh so

Postings: 1449

Registriert seit 13.06.2013

2020-04-06 11:10:34 Uhr
Ich find's klasse. Innovativ? Natürlich nicht, aber macht Spaß.

sizeofanocean

Postings: 229

Registriert seit 27.01.2020

2020-04-06 10:05:56 Uhr
klar klingen die beiden Bands "sauberer", wenn man so will, sie haben aber auch beide einfach das bessere Songwriting.

Kai

Postings: 540

Registriert seit 25.02.2014

2020-04-02 14:32:02 Uhr
Noch kurz zu Better Off und Ways Away.

Better Off ist viel "sauberer" und ruhiger als das hier. Find ich persönlich nach einmal hören vom Sound super langweilig weil zu glatt (über die Lyrics kann ich da nix sagen).

Zu Ways Away hatte ich im Topic ja schon einmal kurz was gesagt. Auch hier ist der Sound deutlich sauberer/professioneller.

Die Scheibe hier gefällt mir gerade weil so so "rau" ist.


Kai

Postings: 540

Registriert seit 25.02.2014

2020-04-02 14:23:27 Uhr
6 wäre vielleicht etwas zu hart aber ich denk auch ne 7 hätte es hier auch getan.

Ich würde nicht sagen, dass Pitchfork mit ihrer 8 da irgendwas gehypt haben. Da waren 7 andere Alben im März mit ähnlicher Wertung.

"Best New Album" ist dort eher ein "Besser als der Durchschnitt".

Bei der Scheibe schwingt halt auch ne Menge Nostalgie mit und passt halt gut in das "Emo-Revival", dass sich so ein wenig abzeichnet.

Find die Stimme im übrigen recht passend. Aber der Sound ist natürlich nicht sonderlich innovativ. Muss es auch nicht immer sein.
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