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Matt Elliott - Farewell to all we know

Matt Elliott- Farewell to all we know

Ici D'Ailleurs / Cargo
VÖ: 27.03.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Soothing songs

"Farewell to all / That we know / All that we / Left behind / All that we / Came to love." Einen Hauch von Weltuntergang atmete seine Musik schon immer, doch nun hat Matt Elliott tatsächlich die Apokalypse vertont. Das Cover zeigt eine einsame Figur in einem Waldstück, karg, verschwommen, wie von einer radioaktiven Wolke bedeckt. Das kurze Intro kann ohne Worte auskommen, weil sein programmatischer Titel schon alles sagt: "Where once was hope". Doch weder Elliotts Fingerpicking, noch sein Vortrag der eröffnenden Zeilen des Titeltracks klingen trostlos oder fatalistisch, ganz im Gegenteil. "Farewell to all we know" verkündet kein drohendes Unheil, sondern erzählt von den Möglichkeiten des Danach. Wie durch ein Wunder verschont geblieben sitzt ein Mann mit seiner Gitarre auf der Veranda und begegnet dem Ende der Menschheit mit den Hoffnungen eines Neuanfangs. Noch nie hat eine Platte des Briten so viel Zuversicht und Entspannung ausgestrahlt.

Im Kontext seines Schaffens sind solche Attribute natürlich arg relativ zu verstehen. Elliott macht nicht plötzlich Gute-Laune-Pop, sondern bleibt seinen Trademarks treu: elegische Folk-Skelette mit Flamenco-ähnlichem Gitarrenspiel und einer Grabesstimme, in deren Tiefen nicht einmal der selige Leonard Cohen schaufeln konnte. So gestaltet sich auch jenes Titelstück so hypnotisch wie eh und je, doch entwickelt es eine beruhigende, tröstende Art von Sog – und wenn sich am Ende das wundervolle Zusammenspiel von Gitarre, Piano und Cello intensiviert, beugt es sich nicht dem Verfall, sondern schwebt in außerweltlichen Sphären davon. Elliott singt keine Lieder übers Scheitern mehr und stürzt sich nicht in die Abgründe, die ein Monument der Verzweiflung wie "The broken man" in den Boden riss. Schon ein Blick auf die kürzeren Songlängen als sonst verrät, dass "Farewell to all we know" weniger schwer im Magen liegt als seine Vorgänger und sich auch selbst mehr Luft lässt.

Der musikalischen Klasse tut das keinen Abbruch. Die Melodien von "The day after that" durchziehen die Geister osteuropäischer Folklore, sein mehrstimmiger Schluss-Chorus klingt wie das Trinklied der letzten Überlebenden, erschöpft, aber nicht gebrochen. Das fantastische Instrumental "Guidance is internal" könnte auch von den höllischen Doppelgängern Calexicos stammen, stellt ein elegant perlendes Gitarrenmotiv gegen bedrohliches Gestreiche und Klagegeräusche geschundener Seelen. Auch textlich wird Elliott selbstredend nicht zum ASMR-Besänftiger, sondern stochert weiterhin im Diffusen. "Those lights / Are they flames / Or are they lights / Sent to guide a way?", zweifelt er in "Hating the player, hating the game". Die Antwort wird uns niemand liefern können, doch sich auf eigene Faust anzunähern, birgt die Gefahr des Verbrennens. Ob der Mut letztendlich belohnt werden wird, wissen der Mann und seine Gitarre ebenso wenig.

Bei der unendlichen Zärtlichkeit, mit der er ein Stück wie "Aboulia" haucht und zupft, verwandelt sich allerdings jedes noch so ungewisse Wort in ein Wärmepflaster. Erst das späte "Crisis apparition" bringt eine tiefergehende Unruhe. Die bis ins Jenseits hallende Zeile "Until the day you die" erzeugt eine dunkle Ambient-Coda, die keinen Lichtstrahl mehr durchlässt. Elliott springt kopfüber in die schwarze Masse, doch während er auf früheren Platten darin versunken wäre, taucht er hier mit einem weiteren Programmstück wieder auf. Einen schöneren, heilenderen Song als "The worst is over" hat er bisher nicht geschrieben. Es ist eine himmlische, zu Tränen rührende Komposition, die ihr titelgebendes Mantra so oft wiederholt, bis man das eigentlich vorhergehende "perhaps" vergisst und eines mit absoluter Sicherheit weiß: Egal, wie schlimm es wirkt, alles geht vorbei. "Farewell to all we know" ist kein Album über, sondern gegen den Untergang.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Farewell to all we know
  • Guidance is internal
  • The worst is over

Tracklist

  1. Where once was hope
  2. Farewell to all we know
  3. The day after that
  4. Guidance is internal
  5. Bye now
  6. Hating the player, hating the game
  7. Can't find undo
  8. Aboulia
  9. Crisis apparition
  10. The worst is over

Gesamtspielzeit: 43:11 min.

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User Beitrag

Der Untergeher

User und News-Scout

Postings: 1512

Registriert seit 04.12.2015

2020-04-26 12:19:05 Uhr
Mir gefällt's sehr. "The Worst is Over" ist der perfekte Abschluss!

Fiep

Postings: 512

Registriert seit 29.04.2014

2020-03-27 21:48:33 Uhr
Hatte bisher kein schlechtes album, und hätte das release aber total verpasst...

Mayakhedive

Postings: 2024

Registriert seit 16.08.2017

2020-03-27 07:16:13 Uhr
Sehr schönes Album natürlich.
Was mir direkt wieder positiv auffällt, wie auch schon beim Vorgänger, ist der gekonnte Einsatz des Pianos, wie er damit überall kleine Akzente und Ornamente setzt.
Gleiches gilt im Grunde auch für die Streicher, die quasi immer genau richtig "dosiert" sind und nie auch nur im Ansatz ins schmalzig-kitschige abdriften, wofür die Instrumentengruppe ja eigentlich prädestiniert ist.

Schöne Rezi in jedem Fall, ich musste aber bei einer Textzeile etwas schmunzeln, weil ich das "Zuversicht und Entspannung" noch so im Kopf hatte.
"I envy the dying."

Mr Oh so

Postings: 1544

Registriert seit 13.06.2013

2020-03-26 18:12:34 Uhr
Das nenn ich mal timing...

Allerdings.

dieDorit

Postings: 984

Registriert seit 30.11.2015

2020-03-26 18:10:02 Uhr
Das nenn ich mal timing...
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