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My Dying Bride - The ghost of Orion

My Dying Bride- The ghost of Orion

Nuclear Blast / Warner
VÖ: 06.03.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Leben stinkt

Natürlich ist es ein Gemeinplatz, dass Menschen, die tieftraurige Musik machen, auch selbst permanent tieftraurig sind. Und doch ist das Leben manchmal ein derartiges Arschloch, dass das eigene Klischee sarkastisch lachend abwinkt. Aaron Stainthorpe, Sänger von My Dying Bride, musste diese Erfahrung machen, die man eigentlich nicht seinem schlimmsten Feind gönnt. Denn nachdem er bereits 2015 seinen Vater zu Grabe getragen hatte – was er auf dem Album "Feel the misery" mit dem Song "And my father left forever" zu verarbeiten versuchte – erkrankte seine damals fünf Jahre alte Tochter 2017 an Krebs. Glücklicherweise scheint die Krankheit momentan besiegt zu sein, aber wer denkt in solchen Momenten denn bitte daran, Musik zu machen? Stainthorpe jedenfalls nicht, und so stand der Frontmann kurzzeitig davor, die Band zu verlassen.

Wie gut, dass er es nicht getan hat. Denn auch wenn die Trackliste des 13. Studioalbums namens "The ghost of Orion" erstaunlich viele positive Assoziationen weckt, bleibt natürlich diese tiefe Melancholie, welche die Briten schon immer ausgezeichnet hat. Doch deutlicher als zuvor blitzen immer wieder Hoffnungsschimmer auf, lassen die Songs und den Spannungsbogen der Platte aus der Depression ausbrechen. Die Klammer bilden der erste und der letzte Song, "Your broken shore" und "Your woven shore". Was zerstört ist, lässt sich wieder heilen. Und was mit Stainthorpes verzweifelten Growls beginnt ("The doom of your, your broken shore / It washes over me, hair woven of the sun and the sea"), endet zwar immer noch in Moll, aber hinterlässt ein Gefühl der Ruhe. Als sei dieses Album wie so oft reine Katharsis, die den inneren Müll ein für allemal ausräumt.

Dabei war Gitarrist Andrew Craighan erstmals alleinverantwortlich für das Songwriting zuständig, da der Frontmann sich aus naheliegenden Gründen dazu nicht fähig fühlte und der Mitgründer Calvin Robertshaw My Dying Bride 2018 ohne jegliches Statement verlassen hatte. Und Craighan gelingt das wohl einfühlsamste, bewegendste Doppel der Bandgeschichte, namentlich "Tired of tears" und "The solace". Gerade ersteres Stück ist so emotional, als hätte Stainthorpe selbst die Lyrics verfasst: "I am so tired of tears / So tired of tears / Lay not thy hand upon / Lay no hand on my daughter." Doch direkt im Anschluss folgt der Blick nach vorne, die neugewonnene Kraft in "The solace", ergänzt durch den ätherischen Gesang von Lindy-Fay Hella von der norwegischen Dark-Ambient-Folk-Band Wardruna. "But once black / Our home anew / Solace in sorrow / We can see in the dark". Nur unterstützt von Craighans klagendem Gitarrenspiel ist das pure Poesie, die unter die Haut geht.

Ein Konzeptalbum ist "The ghost of Orion" deshalb noch lange nicht. Denn abseits dieser zutiefst rührenden, dabei nie larmoyanten Verarbeitung persönlicher Schicksalsschläge waren My Dying Bride schon immer begnadete Geschichtenerzähler. Geschichten voller Tragik, nur dieses Mal erheblich zugänglicher umgesetzt von einem Frontmann, der wie wenige in seinem Gesang leidet, nur um kurze Zeit später all seinen Schmerz in die Welt hinaus zu schreien, während die für die Band so typische Geige als zusätzliches Lead-Instrument ihre Melodien klagt. Das wirkt beileibe nicht mehr so ruppig wie in frühen Jahren, vielleicht gar ein wenig altersmilde zum 30-Jährigen Bandjubiläum. Doch auch mit weit reduzierten Ecken und Kanten ist das, was die Band aus Yorkshire mit diesem Album liefert, immer noch große Kunst.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Your broken shore
  • Tired of tears
  • The solace

Tracklist

  1. Your broken shore
  2. To outlive the gods
  3. Tired of tears
  4. The solace
  5. The long black land
  6. The ghost of Orion
  7. The old Earth
  8. Your woven shore

Gesamtspielzeit: 56:26 min.

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User Beitrag

Markus

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 14

Registriert seit 12.06.2013

2020-03-26 20:37:11 Uhr
Zitat aus dem Labelinfo - "Wie schon bei 'Feel The Misery' war Andrew beim Songwriting ganz auf sich alleine gestellt", so Stainthorpe ... "Ich meine, wenn er mir Riffs geschickt und mich nach Input gefragt hätte, hätte ich vermutlich die Band verlassen".

Mehr Infos lagen mir beim Schreiben der Rezi leider nicht vor, aber es sieht so aus, als habe ich in dem Satz "als hätte Stainthorpe selbst die Lyrics verfasst" wohl in der Tat dieses Zitat falsch ausgelegt. Shit happens...

Was im übrigen nicht ein Iota an der Qualität des Albums im allgemeinen und dieses Songs im speziellen ändert.

Neuer

Postings: 585

Registriert seit 10.05.2019

2020-03-26 10:00:33 Uhr
Songwriting und Lyrics sind zwei völlig verschiedene Dinge

nichdas

Postings: 1

Registriert seit 12.02.2019

2020-03-26 09:28:21 Uhr
Die Info, dass Craighan "alleinverantwortlich" für das Songwriting war dürfte falsch sein - woher kommt das?
Stainthorpe schreibt zumindest auf jedem My Dying Bride-Album die Lyrics selber - sonst würde "Tired of Tears" wohl kaum so klingen "als hätte Stainthorpe selbst die Lyrics verfasst": das Lied ist ja sehr offensichtlich über die Krebserkrankung seiner Tochter geschrieben und aus seiner Sicht erzählt.

Karol_Zatopek

Postings: 5

Registriert seit 03.09.2019

2020-03-25 21:21:39 Uhr
(Passt ja besser hier...)
Huch! Gerade wieder entdeckt. Das ist ja richtig gut... mit 16 sämtlichen Weltschmerz mit Angel and the dark River verarbeitet, zwischendurch fürchterlich gefunden und jetzt auf dem Weg der Versöhnung... große Überraschung.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18872

Registriert seit 08.01.2012

2020-03-25 21:04:50 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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