The Ocelots - Started to wonder

The Ocelots- Started to wonder

Rola
VÖ: 27.03.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Harmonien der Straße

Die Romantik des Straßenmusikers lebt auch im 21. Jahrhundert noch - nicht zuletzt dank des überraschenden Oscars für den Low-Budget-Film "Once" im Jahr 2007, der seinen Hauptdarsteller Glen Hansard zu einer Ikone der Szene werden ließ. Dass auch die 22-jährigen Zwillinge Brandon und Ashley Watson aus dem südirischen Wexford von seinem Charme eingenommen wurden, würde nicht erstaunen. Schließlich traten sie in der Vergangenheit bereits als Support von Hansard auf und verdingten sich zuvor ebenfalls als Straßenmusiker. Die direkte Resonanz der Passanten, um deren Aufmerksamkeit man mit allerhand Straßenlärm konkurriert, bildet sicher nicht die schlechteste Schule, um am eigenen Repertoire zu feilen. Und so strahlt "Started to wonder", das Debütalbum der Brüder, die sich The Ocelots nennen, eine bemerkenswerte Gelassenheit und Erfahrung aus. Was sonst noch aus den Fußgängerzonen auf dieses Album gelangt ist: neun Folk-Pop-Kleinode mit virtuosem Mundharmonikaspiel und wunderbaren Gesangsharmonien.

Wie eine bodenständigere Version der frühen Coldplay beginnt das Album, dessen schlichte Produktion zurecht vollkommen auf das Songwriting der Band setzt, keine Nebelkerzen und Gimmicks einbaut, um davon abzulenken. So entsteht schnell eine intime Unmittelbarkeit, in der alle Lieder von einer Akustikgitarre grundiert werden. Die wunderbare Single "The switch" präsentiert dabei den stärksten Popsong des Albums, schleicht sich mit bezaubernder Harmonieführung und hingetupfter Leadgitarre langsam und rhythmisch in die Gehörgänge und tanzt dann träumerisch davon: "The train goes by like a lullaby." In einer ähnlich versonnenen Sphäre bewegen sich auch die folgenden Stücke, die das Album immer stärker beruhigen. Auf dem passend betitelten "Dream the day away" begleitet ein Banjo die entrückten Stimmen der Brüder, die wie Sprachfetzen oder Straßengeräusche aneinander vorbeiziehen. Auch feine Ironie ist den Watson-Zwillingen nicht fremd: Auf "Lost", das so entspannt anfängt, als wäre es in der Hängematte von Ex-Tourkollege Jack Johnson geschrieben worden, stellen sie die Frage nach der Substanz – "When do I stop feeling shallow?" – nur um einige Minuten und ein paar verwinkelte Melodien später die Orientierung zu verlieren: "Am I lost?" Wenig später drohen die schwebenden, träumerischen Harmonien des Albums plötzlich zu kippen, wenn im kargen und doch intensiven "Strangers in the stairways" die klischeehaften, einsamen Reflektionen am Fenster von einer allzu profanen Realität zerstoben werden: "The TV blares as my neighbours upstairs start a fistfight." Am Ende wird die Angst vor der sozialen Isolation förmlich herausgeschrien.

Die Konstante auf "Started to wonder", die gar nicht oft genug betont werden kann, bleiben die großartigen Harmoniegesänge, die unweigerlich Gedanken an die symbiotische Beziehung von Zwillingen aufrufen. Wie Brandon und Ashley miteinander und gegeneinander singen und ihre Stimmen auf mitunter ungewöhnliche, aber stets gekonnte Weise unterstützen, verleiht den ohnehin schon tollen Melodien weitere Tiefe. Oberstes Prinzip der beiden bleibt stets, einfache Mittel kreativ einzusetzen, wohl auch ein Gesetz der Straße. Zwar schränkt das den Spielraum ein, darin kann jedoch auch eine Chance liegen, die Lieder zu fokussieren. Und trotzdem gelingt es The Ocelots, klassischen Folk à la Dylan oder Neil Young mit Anklängen aus Indie- oder Jangle-Pop anzureichern. Wem Belle & Sebastian zu pompös geworden sind, wer die Lo-Fi-Ästhetik der frühen Alben von The Clientele vermisst, kann hier eine Band entdecken, die hintersinnige und tolle Lieder schreibt und mit ihren Händen und Stimmen Musik macht. So einfach ist es manchmal.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • The switch
  • Strangers in the stairways
  • To call it living

Tracklist

  1. Gold
  2. The switch
  3. Dream the day away
  4. Lost
  5. Strangers in the stairways
  6. Postcards
  7. Colors in the dark
  8. To call it living
  9. Behind the beautiful forevers

Gesamtspielzeit: 36:29 min.

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User Beitrag

Xavier

Postings: 373

Registriert seit 25.04.2020

2020-05-16 20:37:28 Uhr
Die können sogar singen. Erstaunlich.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17900

Registriert seit 08.01.2012

2020-03-17 20:12:07 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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