Låpsley - Through water

Låpsley- Through water

XL / Beggars / Indigo
VÖ: 20.03.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die Herrin der Elemente

Wohin wenden wir uns, wenn selbst der Rückzug ins Innere nicht die erhoffte Erlösung von den Bleigewichten der Welt bringt? Mit "Long way home" erschuf Holly Lapsley Fletcher ein Meisterwerk der Introspektion. Ein Album, dessen kristallklare Spiegelflächen alles reflektieren konnten, was man gerade gebraucht hat. Ein Album, das James Blake in seiner Paradedisziplin elektronischen Lücken-Pops schlug und auf dem Stille und Hall mindestens genauso viel Bedeutung wie der eigentliche Klang trugen. Doch Låpsley verschuf uns nur temporäre Linderung, die Erde drehte sich weiter, alte Wunden rissen schmerzvoll wieder auf. Keine Spur von der Heilsbringerin, die ihre eigene Flucht vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit vollzog. Vier Jahre sollte es dauern, bis die junge Britin in ihren Glaspalast zurückkehrte, nur um festzustellen, dass sie nicht noch tiefer in seine verborgensten Winkel eindringen kann. Also flutete sie ihn.

"Through water" werden wir die meisten Auswirkungen des Klimawandels erleben, wie uns das zerhackte Sprachsample im Intro-artigen Opener aufklärt. Doch Låpsley kehrt sich vom ungewohnten Fokus auf die Außenwelt schnell wieder ab und nutzt Wasser als primäres Metaphernfeld für ihr Gefühlsleben. "My love was like the rain" heißt passenderweise das erste große Ausrufezeichen, das auch ihr Talent als Produzentin und Komponistin wieder in Erinnerung ruft. Die Synthies schwellen an, der karge Beat zappelt, die Hohlräume füllen und entleeren sich. Mit fest zupackenden Gesangsmelodien erweist sich Låpsley als Lenkerin aller hier zusammenlaufenden Flüsse. "First" tanzt einsam und gedankenverloren in einer nächtlichen Strandbar, im Refrain erklingt ein Selbst-Duett einer verzerrten mit einer klaren Stimme. Ist es ein Zwiegespräch zwischen dem klassisch trainierten Mädchen und der Electro-begeisterten Teenagerin? Oder zwischen dem gefeierten Pop-Wunderkind des Debüts mit der gereiften Künstlerin des schwierigen zweiten Albums?

Natürlich hat Låpsley immer noch erst 23 Jahre auf dem Buckel, doch erlebte sie in ihrer Kreativpause eine ganze Menge. Erschöpft von all dem Trubel wandte sie sich von der Musik ab, machte einen Kurs zur Geburtshelferin und arbeitete ehrenamtlich mit Jugendlichen. Als wollte sie auch der realen Welt ein Stück ihrer Empathie zeigen, die jede Pore von "Through water" durchströmt. "I tried to make it work / I can't carry both of us", klagt ihr zerbrechliches Falsett in "Ligne 3", betrauert eine vergangene Beziehung und spendet Trost für alle, die ähnliches durchmach(t)en. Viel nahbarer als in dieser sphärisch wogenden Ballade geht R'n'B nicht. Låpsleys Musik mutet in ihrer oberflächlichen Ästhetik glatt an, doch ist sie keineswegs kalt oder abweisend. Spätestens, wenn "Speaking of the end" nur mit analogen Klaviertönen den stimmigen Schlusspunkt setzt, kann man das alberne Kontrastdenken von "organischer" und "künstlicher" Musik endlich ins wohlverdiente Grab tragen.

Und doch fühlt man sich nicht ganz so fest umschlungen wie von "Long way home". In "Wxman" taucht Låpsley aus den Tiefen hervor, reckt sich triumphierend ins gleißende Licht – und klingt dabei leider ein bisschen zu sehr wie alle anderen. Das ist deshalb schade, weil das majestätische "Our love is a garden" zuvor gezeigt hat, wie sich ihr Sound elegant und eigenständig den großen Pop-Gesten öffnen kann. Vielleicht braucht es aber ein paar kleine Schönheitsfehler, um an die Menschlichkeit der Künstlerin zu erinnern. So sehr dieser Ozean in den eigenen Körper eindringt, so sicher er warme und kalte, tosende und ruhige, dunkle und helle Strömungen in sich vereint – die Welt retten wird "Through water" nicht. Oder? Gen Ende gerät diese Gewissheit wieder ins Wanken, wenn die Wasserbändigerin in "Bonfire" auch das gegensätzliche Element bezwingt. Ist Låpsley etwa doch der neue Avatar?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • My love was like the rain
  • Ligne 3
  • Our love is a garden

Tracklist

  1. Through water
  2. My love was like the rain
  3. First
  4. Ligne 3
  5. Our love is a garden
  6. Leeds Liverpool Canal
  7. Sadness is a shade of blue
  8. Wxman
  9. Bonfire
  10. Speaking of the end

Gesamtspielzeit: 34:33 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Otto Lenk

Postings: 610

Registriert seit 14.06.2013

2020-03-20 17:25:10 Uhr
Geiles Album 9/10

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18097

Registriert seit 08.01.2012

2020-03-17 20:11:06 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18097

Registriert seit 08.01.2012

2020-02-05 12:06:35 Uhr - Newsbeitrag
Låpsley kündigt ihr zweites Album an:
"Through Water" erscheint am 20.03.20 auf XL Recordings!
Die erste Single daraus gibt es mit "Womxn" ab sofort!
Smarturl: https://lapsley.ffm.to/womxn



2016 startete die damals 19-jährige Holly "Låpsley" Fletcher aus Liverpool durch. Seit der Veröffentlichung ihrer ersten EP als Låpsley galt sie als größtes britisches Alternative Songwriter-Talent und mit ihrem Debüt “Long Way Home” katapultierte sie sich aus dem Stehgreif in Sphären von James Blake, FKA twigs, Banks oder Jessie Ware. Dabei war vor allem die Stimme das Hauptmerkmal der wandlungsfähigen Künstlerin, die mit ihrem Genre-Mix aus elektronischem Soul-Pop und zeitgenössischem R’n’B als Haupteinfluss von unter anderen Billie Eilish zählt. Ihre Songs eroberten die Radios, ihre Shows waren in Windeseile ausverkauft und mit “Operator” im DJ Koze Remix zog Låpsley gar in die Club-Charts ein. Selbstredend ist “Long Way Home” auch ein Streaming-Hit und wurde mittlerweile mehrere hundert Millionen Mal gestreamt.

Nach einer kleinen Auszeit meldete sich Holly Ende 2019 mit der “These Elements” EP zurück und bewies, dass sie ihre Teenagerjahre hinter sich gelassen hat und erwachsener und selbstbewusster denn je ist. Mit „Through Water“ hat auch Låpsley ihre eigene Sprache gefunden und so wundert es nicht, wenn sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben als eigenständige Künstlerin fühlt. Låpsley ist in ihrem Leben angekommen und blickt selbstbewusster denn je in die Zukunft. 2020 könnte ihr großes Jahr werden…

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