The Third Mind - The Third Mind

The Third Mind- The Third Mind

Yep Roc / H'Art
VÖ: 14.02.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Namenstag

Um seinen Chipmunks-infizierten Nachnamen hoffentlich neu zu besetzen, hier ein kleiner Steckbrief zu Dave Alvin: Der gebürtige Kalifornier ist mit 64 tatsächlich drei Jahre älter als besagte Hörnchen, trägt gerne Cowboyhut und gründete die Blasters mit, eine in den Staaten renommierte Roots-Rock-Band. Doch sein Künstlertum geht weit über Country-Traditionalismus hinaus, er bearbeitete auch für die Punk-Band X die Gitarre und verehrt Miles Davis. Letzteres lebt er auf seinem neuen Projekt The Third Mind so exzessiv aus wie noch nie. Inspiriert vom Aufnahmeprozess solcher Alben wie "Bitches brew" holte er sich ein paar versierte Musiker ins Studio, gab nur Tonart und Tempo vor und begann zu zocken. Jene Mitstreiter sind: Camper-Van-Beethoven-Bassist Victor Krummenacher; dessen Kollege David Immerglück, auch Gitarrist bei Counting Crows; Session-Drummer Michael Jerome, der unter anderem schon für John Cale spielte; und schließlich Jesse Sykes, Alt-Country- und Folk-Songwriterin, im Plattentests.de-Kosmos vielleicht bekannt für ihren Beitrag auf "Altar", der Split-Platte von Sunn O))) und Boris. Puh, ganz schön viele Namen. Es spricht nicht gerade für eine "Supergroup", wenn man ihre Mitglieder erst erschöpfend vorstellen muss, doch sobald die ersten Sekunden von "The Third Mind" erklingen, geraten alle Formalia eh zur Nebensache.

Komplett frei jammt das Quintett allerdings nicht, fünf der sechs Songs sind Cover psychedelischer Stücke aus den Sechzigern und frühen Siebzigern. Der Trip beginnt ätherisch und meditativ mit Alice Coltranes "Journey in Satchidananda". In einer jazzig-diffusen Wolke imitieren atmosphärische Synths Coltranes Cembalo, während Alvins Solos Lockerung verschaffen. Das folgende "The dolphins" gestaltet sich ähnlich hypnotisch, aber griffiger. Ganz im Geiste von Fred Neils Original inszenieren The Third Mind eine vernebelte Ballade, die den Gitarren viel Platz zum Freischwimmen lässt. Sykes' Stimme schmiegt sich hier noch subtil an Alvins Bariton, erst in "Morning dew" bekommt sie ihre Lead-Performance. Die hat es in sich. Auf einem ruhigen, akustischen Fundament bauend türmt sich der Neunminüter zu einem fulminanten Crescendo auf, angetrieben von Jeromes völlig entfesseltem Schlagzeugspiel. Die Sechssaiter ergänzen sich wunderbar, schrauben sich in bluesige Höhen, aber verlieren nie den Rhythmus aus dem Blick. Es ist phänomenal, dieses Folk-Rock-Meisterwerk – von Bonnie Dobson geschrieben und durch Grateful Dead bekanntgemacht – erstrahlt in einer seiner besten Interpretationen überhaupt.

Das Zusammenspiel des Fünfers beeindruckt auch im anderen Herzstück, einem Cover von "East/West" der Paul Butterfield Blues Band. Zu Beginn brauchen The Third Mind noch ein wenig, um ihren Groove zu finden, doch dann entwickeln sie einen instrumentalen Sog, der über 16 Minuten die Spannung hochhält. Man kann es sich bildlich vorstellen, wie sie alle im Kreis stehen oder sitzen, ganz genau aufeinander achten und ein offenes musikalisches Gruppengespräch führen. Dass sich nach Aussagen des Bandleaders ein paar seiner Leute vorher einen durchgezogen haben, hätte er gar nicht explizit erwähnen müssen. Da ist es auch verzeihlich, wenn die einzige Eigenkomposition "Claudia Cardinale" zu kaum mehr als einem Interlude reicht – mit seinem Spaghetti-Western-Vibe eignet sich der Track immerhin hervorragend als Verbeugung vor der titelgebenden italienischen Schauspielerin. Ganz zum Schluss überraschen Alvin und Co. mit ihrer Interpretation von "Reverberation" der 13th Floor Elevators. Hier reduzieren sie die psychedelischen Aspekte, statt sie auszuformulieren, und machen daraus einen ungewohnt straighten Garagenrocker mit einer Vocal-Performance zwischen Lee Ranaldo und Bono. The Third Mind scheinen noch mehr drauf zu haben, als sie in dieser knappen Dreiviertelstunde aus den Batikhemden schütteln. Hoffentlich kommt nur niemand auf die Idee, die Chipmunk-Stimmverzerrer auszupacken.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Morning dew
  • East/West

Tracklist

  1. Journey in Satchidananda
  2. The dolphins
  3. Claudia Cardinale
  4. Morning dew
  5. East/West
  6. Reverberation

Gesamtspielzeit: 43:44 min.

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Armin

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2020-03-10 21:32:49 Uhr - Newsbeitrag
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