Porridge Radio - Every bad

Porridge Radio- Every bad

Secretly Canadian / Cargo
VÖ: 13.03.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wunden gibt es immer wieder

Steigen wir mit einer kulinarischen Begriffsklärung ein: Porridge ist die hippe Version von Haferschleim und in dieser Funktion seit einigen Jahren auch eines der beliebtesten Instagram-Motive. Porridge Radio sind ebenfalls schwer angesagt, zumindest wenn man den Hot Lists glauben schenken darf, die Jahr für Jahr vorauszusagen versuchen, wen man musikalisch alles so auf dem Zettel haben muss. Schleimig sind Porridge Radio hingegen so gar nicht. Im Gegenteil: "Every bad", das zweite Album der Band aus dem englischen Küstenstädtchen Brighton, ist eine ganz und gar kantige Angelegenheit. Die Gruppe um Frontfrau Dana Margolin spielt lautstarken, lärmbeseelten Indie-Rock, der sich gerne die Ellbogen und Schienbeine wundschlägt. Manchmal vor Ekstase, öfters jedoch vor lauter Wut. Klingt doch schon mal ganz lecker.

"Born confused" beginnt direkt mit der auf diesem Album so präsenten Teenage Angst und bittersüßen Zeilen, während sich Bass, Gitarre und Schlagzeug in einen repetitiven Rausch spielen. Eine emotionale Zerreißprobe, insbesondere für Margolins Stimme. Das folgende "Sweet" bezeugt dann ohne jeden Restzweifel, dass Porridge Radio die Rockmusik der Neunzigerjahre mit der Muttermilch aufgesogen haben – schließlich fließt zähflüssiges Grunge-Blut durch den Track, der gegen Ende so schmerzhaft und unerbittlich die eigenen Unzulänglichkeiten aufzählt. Ein Song, so erholsam wie ein Powernap auf einem rostigen Nagelbrett. "Every bad" ist ein Album, das sich für den Hörer also regelrecht herausputzt, indem es die Kratzer, blauen Flecken und Schürfwunden mit großer Offenheit präsentiert.

Mit enormer Dringlichkeit formuliert "Long" dann eine Anklage: "You're wasting my time" lautet die Zeile, die mehrfach wiederholt wird, ganz so, als müsse man sie dem Adressaten mit aller Gewalt ins Hirn hämmern. Im etwas versöhnlicheren "Nephews" spielen Porridge Radio griffigen Dream-Pop, der seinen Kopf nicht in den Wolken trägt, sondern in luziden Träumen die eigene Gefühlswelt auf links dreht. Große Melodien und Hooks, besonders innovative Wendungen und kreatives Songwriting sind bei alledem nicht die herausstechende Kernkompetenz des Quartetts. Sie bleiben dem juvenilen Sturm und Drang verpflichtet, es darf knistern und knarzen oder – wie in "Pop song" – auch mal etwas langsamer und atmosphärischer werden.

"Lilac" hingegen kommt schon wie ein potenzielles Pixies-Schwergewicht aus den Startlöchern, die Stimmung ist am Boden, Margolins Lyrics deuten Ausweglosigkeit an. Ein Hauptmotiv der Band, das sich durch alle elf Songs zieht, ist dementsprechend auch die Suche nach dem Glück. Oder zumindest dem kleinen Happen Zufriedenheit, der aus besonders grauen Tagen immerhin noch ein bisschen Hoffnung zieht. Die Farbpalette der Band bleibt dabei immer irgendwo zwischen dunkelrot, dunkelblau und dunkelgrau, Sonnenlicht und Helligkeit finden nur selten einen Weg in die Kompositionen. Gegen Ende des Albums darf "Circling" mal ein wenig die schweren Vorhänge aufziehen und durch staubige Fenster nach draußen schauen, wo das Leben blüht. Enttäuscht wendet sich der Blick ab und kommt auf dem Küchentisch zur Ruhe. Eine Schüssel Haferschleim. Schnappschuss gefällig?

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Nephews
  • Circling

Tracklist

  1. Born confused
  2. Sweet
  3. Don't ask me twice
  4. Long
  5. Nephews
  6. Pop song
  7. Give/take
  8. Lilac
  9. Circling
  10. (Something)
  11. Homecoming song

Gesamtspielzeit: 41:37 min.

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User Beitrag

testplatte

Postings: 109

Registriert seit 13.06.2020

2020-08-07 20:13:36 Uhr
ich stimme schon auch in die allgemeine lobhudelei ein, habe die band aber direkt diesem 16-jährigen teenager auf's ohr gedrückt, der die wohnung mit mir teilt - und der daumen ging erwartungsgemäß sehr schnell hoch :)

dogs on tape

Postings: 185

Registriert seit 14.06.2013

2020-08-07 20:06:42 Uhr
Wahnsinnig gut. Das wär die erste Band, die ich in irgendwann mal in einem Club sehen muss ...die gestreamten Konzerte waren schon unglaublich mitreißend. PJ Harvey und 3 Punkte fehlen in der Rezension ;-)

cargo

Postings: 321

Registriert seit 07.06.2016

2020-03-20 15:53:56 Uhr
Finde die 6/10 hier eindeutig zu wenig. Das Album hat super abwechslungsreiches Songwriting und vor allen Dingen viele interessante Ideen zu bieten.

saihttam

Postings: 1586

Registriert seit 15.06.2013

2020-03-19 00:42:18 Uhr
Mir gefällts ja insgesamt ziemlich gut. Die Texte sind teilweise zwar etwas repetitiv, aber der sehr dringliche Gesangsvortrag macht das größtenteils wett. Auch sonst haben die meisten Songs sehr viel Dynamik mit tollen Steigerugen. Dazu diese wunderbare Mischung aus Melancholie, Weltschmerz, Wut und Hoffnung. Nur die letzten beiden Songs hätten stärker sein können. Mit den Stimmeffekten von (Something) kann ich nicht wirklich was anfangen. Habe zwar an sich nichts gegen sowas, aber hier passt es nicht wirklich zum Rest des Albums. Und der Abschlusstrack verrauscht dann relativ unscheinbar. Aber wie gesagt, dafür sind auch einige der besten Indie-Rock-Songs der letzten Zeit dabei (Lilac, Circling).

saihttam

Postings: 1586

Registriert seit 15.06.2013

2020-03-05 10:27:04 Uhr
Nächster toller neuer Song mit dem Namen Circling.
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