CocoRosie - Put the shine on

CocoRosie- Put the shine on

Marathon / Rough Trade
VÖ: 13.03.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Kaputt mit Kontur

"Smash my head on the rock / I barely feel it." Mit den eröffnenden Zeilen aus "Smash my head", dem ersten vorab veröffentlichten Song von CocoRosies siebtem Album "Put the shine on", lässt sich auch der Ansatz ihrer Musik beschreiben. Was Bianca und Sierra Casady alles vermengen, kann eigentlich nur in zertrümmerter Form zusammenpassen: dilettantische Home-Recordings und Hochglanz-Pop, Samples und Orchester, zerbrechlich vorgetragener Folk und aufmüpfiger Rap. Doch nie wird die Symbiose zum Gewaltakt, immer offenbart sich unter dem stilistischen Splatter eine grundlegende Schönheit. So kann auch besagtes "Smash my head" einen pulsierenden Beat mit Marsch-Drums kombinieren und eine Spieluhr-ähnliche Melodie mit angedeuteten Metal-Gitarren auffangen. Niemand muss sich Sorgen um die Intakthaltung seiner oder ihrer Ohrmuscheln machen, weil die Schwestern die Zügel über ihre Songs nie loslassen.

CocoRosie wissen, dass sie nicht mehr überraschen können, und besinnen sich daher auf andere Tugenden. Was hinterlässt im grandiosen Opener "High road" den größten Eindruck? Der opernhafte Gesang, die dröhnenden Bläser, die abgehackten Gitarren? Nichts davon, es begeistern vor allem die tollen Melodien und die Struktur, welche die verschiedenen Elemente mit klarer Kontur aufbereitet. "Put the shine on" fühlt sich so rund an wie kein bisheriges Album des Duos. Keine Interludes, keine Features, keine ziellosen Spielereien – nur zwölf Songs, die sich keineswegs konventionell oder schnörkellos, aber absolut formvollendet darstellen. Die Faszination über die entrückte Eigenartigkeit des Debüts "La maison de mon rêve" ist nicht verflogen, sondern hat sich schlicht verlagert. Mehr als 15 Jahre später hört man "Restless" und fragt sich, wie so ein im Grunde simpler, geradliniger Piano-Pop-Song über sechs Minuten die Spannung hochhalten kann. "She lost her way"? Überhaupt nicht.

Damit enthebeln die Casadys auch jegliche Vorwürfe prätentiöser Künstlichkeit, die zuweilen an sie angebracht wurden. Auf "Put the shine on" wirken sie ganz bei sich angekommen – als wären sie auf allen bisherigen Platten mit diversen Manövern und Annäherungsversuchen um ihren ganz eigenen Pop-Planeten gekreist, nur um jetzt endlich darauf zu landen. Klar: Wer bislang keinen Kontakt mit CocoRosie hatte, könnte mit ihren Verschrobenheiten wie etwa Biancas speziellem Rap-Style noch fremdeln. Ein verkappter Banger wie "Burning down the house", der Einflüsse aus Eurodance und Trap jongliert, wird frühere Kritiker der Band auch nicht zu Fans machen. Doch die Schwestern stören sich nicht daran und etablieren trotz stellenweise abweisender Instrumentals eine einladende, warme Atmosphäre. "Slow down sun down" zelebriert die Hochzeit vermeintlicher Gegensätze mit am wundervollsten, wenn es seinem kalten, kargen Beat einen hingebungsvoll geschmetterten Refrain entgegensetzt.

Was das Album endgültig zum Meisterwerk abrundet, sind zwei der schönsten Songs, die CocoRosie je geschrieben haben. "Where did all the soldiers go" schwebt auf einem hauchdünnen Orgel-Drone, vermengt pfeifende Synthies und einen diffusen Pseudo-Chor zur sehnsuchtsvollen Geister-Ballade. Beim abschließenden "Aloha Friday" gibt es dann überhaupt kein Halten mehr, wenn Bianca in bester Björk-Manier leidet und ihr auch die himmlischen Streicher keine Heilung verschaffen können. Ein umwerfendes Stück, dessen Wirkung von der verderbenden Bildsprache nur verstärkt wird: "Flowerless gardens and graves built to shallow / Worms dreaming eyeless, rainbows are weeping / Weeping, weeping, the sky is bleeding." Vielleicht können die Casadys deshalb so gut von zerschmetterten Köpfen singen, weil ihre Musik auch nichts anderes macht als Herzen zu zerreißen, Tränendrüsen platzen zu lassen und Atemwege abzuschnüren. Kurz: den menschlichen Körper in seinen Grundfesten zu erschüttern. CocoRosie sind doch brutaler als zunächst vermutet.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • High road
  • Where did all the soldiers go
  • Slow down sun down
  • Aloha Friday

Tracklist

  1. High road
  2. Mercy
  3. Restless
  4. Smash my head
  5. Where did all the soldiers go
  6. Hell's gate
  7. Did me wrong
  8. Lamb and the wolf
  9. Slow down sun down
  10. Burning down the house
  11. Ruby red
  12. Aloha Friday

Gesamtspielzeit: 54:42 min.

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User Beitrag

myx

Postings: 1228

Registriert seit 16.10.2016

2020-03-14 16:56:57 Uhr
@NOK: Mit "formvollendet" zitiere ich aus der PT-Rezension, habe ich bloss nicht deutlich genug gemacht. - In den Non-Album-Track höre ich dann gerne rein, danke!

Kann der Rezi übrigens schon nach dem ersten Höreindruck nur zustimmen. Das Album hat weniger Ecken und Kanten, ist mehr aus einem Guss, ohne komplett auf die typische Verschrobenheit und Experimentierfreude zu verzichten. CocoRosie in zugänglicher sozusagen, und vielleicht mit ihrem besten Album überhaupt (wobei ich ihren Output nicht komplett im Detail kenne).

peppermint patty

Postings: 1906

Registriert seit 07.05.2019

2020-03-14 16:47:01 Uhr
Yo, Album ist auf YT. Jetzt fängt diese stressige Track für Track -Runterladerei wieder an. Dann konvertieren und und und. Tja, ich muss noch richtig arbeiten für meinen Musikkonsum. Wär fast unstresiger, mir das Album zu kaufen im Media, aber der ist weit weg mit dem Fahrrad (6 km) und zudem...(ihr wisst schon, was ich sagen will/ Unwort des Jahres)

NOK

Postings: 135

Registriert seit 04.10.2018

2020-03-14 14:32:03 Uhr
"Nun nimmt mich wunder, wie CocoRosie in "formvollendet" klingen. ;)"

Ich glaube, ich weiß, was du meinst, und wenn ich richtig liege, möchte ich gerne auf den von Dave Sitek ungewohnt hochwertig und satt produzierten Non-Album-Track "We Are on Fire" verweisen, den ich für eines der Highlights ihres Kataloges halte:

https://www.youtube.com/watch?v=KwZx-udWuxI

Sehenswertes Video auch, von der Regisseurin, die auch für die etwas kryptischen, aber sehr fesselnden bewegten Bilder zu "Gallows" zuständig war.

myx

Postings: 1228

Registriert seit 16.10.2016

2020-03-13 11:12:40 Uhr
Sehr guter Eindruck nach dem ersten Hören. Könnte sich zu einem Lieblingsalbum des Jahres mausern. Toptracks, spontan: "Mercy", weil mit mitreissendem Rhythmus, und der Closer "Aloha Friday", weil so wundervoll traurig.

myx

Postings: 1228

Registriert seit 16.10.2016

2020-03-03 18:38:31 Uhr
Laut Rezi ihr rundestes Album bisher mit zwei ihrer schönsten Songs überhaupt. Da bin ich wirklich gespannt, gibt ja einige tolle Stücke wie etwa "Terrible Angels" oder "Lemonade", um nur mal zwei Perlen aus ihrem Werk herauszupicken.

Ihr Debüt wird für immer eine Sonderstellung unter den wunderlichen Alben meiner Sammlung einnehmen. Nun nimmt mich wunder, wie CocoRosie in "formvollendet" klingen. ;)
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