U.S. Girls - Heavy light

U.S. Girls- Heavy light

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 06.03.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mit Groove ins Grab

Wo ist das nächste Kreuz? Der Rezensent verspürt den plötzlichen Drang, eine Runde zu kriechen. Natürlich war die Bewertung von 7/10 für "In a poem unlimited", eines der besten Alben des Jahres 2018, zu niedrig angesetzt. Dementsprechend gelingt seinem Nachfolger "Heavy light" ein nicht ganz so meisterhafter Wurf, aber dazu später mehr. Zunächst bleibt festzuhalten, dass Meg Remy alias U.S. Girls das Kunststück schafft, sich gleichzeitig treu zu bleiben und sich zu verändern. Wie schon auf dem Vorgänger sorgt das kanadische Kollektiv The Cosmic Range dafür, dass ihr Künstlername weniger irritiert als früher – das einstige Solo- und Lo-Fi-Projekt ist endgültig zur Band mit üppiger Retro-Soul-, Funk- und Psychedelic-Ästhetik geworden. Der inhaltliche Fokus hat sich allerdings verschoben. Klar, unter einem drängelnden und groovenden Hit wie "Overtime" eine ernste Tiefenschicht zu verbergen, ist in Remys Kosmos nichts Neues. Doch geht es dieses Mal nicht um Obama oder das Patriarchat, sondern um einen Partner, der den Verdienst seiner Überstunden versäuft und schließlich im Grab endet. Die angepisste Wut über große gesellschaftspolitische Verfehlungen weicht einer konsternierten Konzentration auf persönliche, menschliche Geschichten.

Dabei weiß Remy um das alte Sprichwort mit dem geteilten Leid und verlagert die vom Albumtitel suggerierte Schwere auf noch mehr Schultern als zuvor. Ihre Studio-Band ist zur 20-köpfigen Hydra angewachsen, ein markanter Chor lässt ihre Stimme selten alleine und in besagtem "Overtime" trötet sogar Jake Clemons – E-Street-Saxofonist und musikalischer Erbe seines legendären Onkels Clarence. Wenn die Wahlkanadierin im fast sechsminütigen Opener ihre "4 American dollars" besingt, räumt sie dem Tanz allerlei sepiagetauchter Instrumente den meisten Platz ein. Das unaufgeregte, am Ende ausfransende Zusammenspiel passt wunderbar zur naiv-lockeren Absage an den Kapitalismus: "No matter how much / You get to have / You will still die." Eine sonderlich verbissene Aktivistin war Remy ohnehin noch nie, weswegen hinter einem Song namens "State house (It's a man's world)" eine verknappte Stilübung in Noise-Gospel statt Anklage stecken kann. Was das Gefühl von Gemeinschaft und Empathie weiterhin bestärkt, sind Interview-artige Vignetten, die ein paar Menschen etwa nach der Farbe ihres Kinderzimmers oder der schmerzvollsten an sie gerichteten Äußerung befragen. Auch hier kommt der Optimismus nicht zu kurz: Das "teenage self" bekommt etwa auch Sätze wie "I'm proud of you, you're doing your best" zu hören.

Was macht "Heavy light" also schwächer als seinen ähnlich abgesteckten Vorgänger? Nun, zum einen wirkt die Platte mit den besagten Interludes und anderen skizzenhaften Stücken ein wenig zerfahren, zum anderen sind die Songs insgesamt merklich ruhiger. Letzteres entspricht natürlich dem introvertierten Ansatz, vermissen darf man Dampfwalzen wie "Velvet 4 sale", "Incidental boogie" oder den grandiosen Schluss-Jam "Time" trotzdem. Doch ohne die Platte krampfhaft an vergangenen Meisterwerken zu messen, bleiben kaum Makel. Die Subtilität entfaltet ihren Reiz, wenn Remy in "Denise, don't wait" ihre zärtlichste Ballade mit Streichern und Glockenspiel hochzieht oder "Born to lose" – noch eine Springsteen-Verbeugung – fast nur mit Piano, Percussion und Chor einen kraftvollen Zug entwickelt. Ambition und Hingabe kommen auch in der Reduktion nicht zu kurz. "And yet it moves / Y se mueve" klingt mit seinen Latin-Einflüssen so, als hätten Calexico das Studio kurzzeitig noch voller gemacht. Das präfinale "The quiver to the bomb" arbeitet einem nie geschehenden Ausbruch entgegen, kippt kurz in eine Musical-Nummer um und schießt sich dann mit spacigen Synths in den Orbit ­– auf zu neuen Pop-Planeten, die U.S. Girls noch unberührt ließen. Auch mit dem zweiten Band-Album in Folge bleibt "ankommen" ein Fremdwort im Vokabular der Meg Remy.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • 4 American dollars
  • Overtime
  • Denise, don't wait
  • The quiver to the bomb

Tracklist

  1. 4 American dollars
  2. Overtime
  3. I.O.U.
  4. Advice to teenage self
  5. State house (It's a man's world)
  6. Born to lose
  7. And yet it moves / Y se mueve
  8. The most hurtful thing
  9. Denise, don't wait
  10. Woodstock '99
  11. The color of your childhood bedroom
  12. The quiver to the bomb
  13. Red ford radio

Gesamtspielzeit: 37:43 min.

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User Beitrag

Enrico Palazzo

Postings: 244

Registriert seit 22.08.2019

2020-04-08 09:23:08 Uhr
Bisher keine Meinungen zu diesem fantastischen Album? Aktuell mein Favorit des Jahres und das nun schon die paar Wochen seit VÖ.

8,5/10.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18377

Registriert seit 08.01.2012

2020-02-25 19:41:07 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
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