Bonny Light Horseman - Bonny Light Horseman

Bonny Light Horseman- Bonny Light Horseman

37d03d / Cargo
VÖ: 24.01.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Aufs richtige Pferd gesetzt

Oft ist es ja andersrum, aber ab und zu trifft man auch als Plattentests.de-Schreiber noch auf richtig gute Empfehlungen im hiesigen Forum. Dort nämlich erwähnte Anfang Februar der User Mic die mir bis dato völlig unbekannte Band Bonny Light Horseman, die sicher nicht nur mich rein vom Namen her zunächst an eine kürzlich finalisierte Netflix-Serie erinnerte. "Was eine Band und was für ein Album. Zum ersten Mal nach langer Zeit bin ich in ein Album verliebt", schrieb Mic und weckte damit meine Neugierde. Ich, ohnehin im Krankenstand mit aller Zeit der Welt zur Verfügung und von Langeweile geplagt, suche nach Bonny Light Horseman auf meinem favorisierten Streaming-Dienst – und finde ein Album voller Herz, voller Sehnsucht, voller Melancholie. Musik, die wie warme Milch mit Honig in kalten Winternächten für innere Ruhe sorgt. Songs, die zu Freunden werden. Ein Debüt wie eine Umarmung. Und wie Mic verliebe auch ich mich sofort.

Feuer und Flamme bin ich, empfehle das Album diversen Freunden, Familienmitgliedern, Kollegen, stecke unter anderem Plattentests.de-Programmierer Stefan Pernpaintner mit meiner Faszination an, entdecke jeden Tag einen neuen Lieblingssong. Was ist das für eine Band? Hinter Bonny Light Horseman verbergen sich die Folksängerin und Tony-Award-Gewinnerin Anaïs Mitchell, Hiss-Golden-Messenger-Kumpel und -Kollaborateur Josh Kaufman sowie Fruit-Bats-Sänger Eric D. Johnson, Unterstützung gibt es von Bon Ivers Justin Vernon, Aaron Dessner (The National), Lisa Hannigan und diversen anderen Größen. Die meisten Stücke sind uralte britische Folk-Klassiker, hunderte von Jahre alt und doch dank der Liebe zum Detail genau passend für den nassgrauen Winter. Was aber macht "Bonny Light Horseman" so besonders? Die sanft wie Samt wirkende Mischung aus Mitchells und Johnsons Gesang? Kaufmans so entspannte wie feinperlige Instrumentierung? Es ist wohl von allem etwas. Folk wird eben niemals wirklich alt und die romantische Vorstellung von einem intimen Plausch am offenen Lagerfeuer nach einem Tag auf dem Pferderücken in der staubigen Wüste nie unrealistisch, auch wenn man sie in der Regel nur aus einem Wild-West-Streifen kennt.

"Bonny Light Horseman" drängt sich nicht auf oder legt den Finger in offensichtliche Wunden. Stattdessen lullt das Album den Hörer langsam ein: Der Namensgeber für die Band und Opener, ursprünglich aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts, erzählt seine kleine Geschichte rund um Napoleon, versetzt sich selbst in den Körper eines Vogels und spürt dessen Freiheit. Trotzdem zeugt das von einer spürbaren Echtheit und einer immensen Nahbarkeit, wie eine Decke legt sich Mitchells und Johnsons Gesang um den Hörer, wie eine streichelnde Hand fahren sie über den vom Kummer geplagten Kopf. Im mystischen Geflecht rund um Lügen, Scham und Affären, das voller Bedacht in "Blackwaterside" dargelegt wird, hört man Hannigan und Teile des Indie-Folk-Gespanns The Staves nur im Hintergrund, während Mitchell und Johnson sich als Hauptprotagonisten umkreisen, die jeweilige Stimme wie eine gezückte Waffe als Schutzschild, einen Schritt vor, einen Schritt zurück. Ganz anders das liebevoll arrangierte "Deep in love" aus der Fruit-Bats-Schublade, das so poppig wie verknallt um Rücksicht auf das eigene Herz bittet und selbiges ziemlich schnell ziemlich heftig zum Schlagen bringt.

Das Album, zu großen Teilen in Berlin aufgenommen und in Wisconsin fertig produziert, macht aus seiner Unaufgeregtheit seine größte Stärke. Sehr leicht hätte man aus einer verhuschten Nummer wie "Magpie's nest" eine ausladende, epische Folk-Nummer mit Feuerwerk-Finale der Marke Mumford & Sons machen können. Stattdessen bauen Bonny Light Horseman auf Wohlklang und Zusammenhalt. Selbst die Single "The roving", der noch wahrscheinlichste Radiohit des Albums, biedert sich zu keinem Zeitpunkt an, sondern macht Mitchell mitsamt ihrer glasklaren Stimme zur besten Freundin, Schwester, Mutter, Ratgeberin zugleich, die stets auf Augenhöhe zum Hörer spricht. Ebenso verkumpelt sich Johnson mittels des herrlich reduzierten "Mountain rain", zieht in seinen Bann und bleibt doch immer ein Weggefährte auf dem Gaul nebenan, nie der großspurige Leader einer gesichtslosen Gang. Wenn Justin Vernon im Gospel von "Bright morning stars" die ersten Sätze spricht, ist das aufgrund seiner Bekanntheit nur im ersten Moment ein Aha-Erlebnis, ehe auch er ein ganz normaler Teil der Familie wird, die sich hier stimmgewaltig gegenseitig in ungeahnte Höhen singt. Mit dem schlicht wunderschönen "10,000 miles" gibt es den besten Song ganz zum Schluss – einen, der gleichzeitig zu Tränen rührt und das Taschentuch bereits parat hält. "And the seas, they will burn, my love / The sun, it will dry the ocean up / If I never return, my love / To you." Hört auf Mic und auf mich: Wenn man dieses Jahr nur ein Folk-Album hört, dann unbedingt dieses. Wer setzt bitte nicht gern aufs richtige Pferd?

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • The roving
  • Mountain rain
  • 10,000 miles

Tracklist

  1. Bonny Light Horseman
  2. Deep in love
  3. The roving
  4. Jane Jane
  5. Blackwaterside
  6. Magpie's nest
  7. Lowlands
  8. Mountain rain
  9. Bright morning stars
  10. 10,000 miles

Gesamtspielzeit: 36:50 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Mic

Postings: 137

Registriert seit 24.08.2019

2020-02-28 00:22:58 Uhr
Mir hat es ja The Roving extrem angetan.

Mic

Postings: 137

Registriert seit 24.08.2019

2020-02-28 00:10:31 Uhr
Soviel Ehre in der Rezi habe ich gar nicht verdient Jennifer. Aber die Rezi war mal wieder so schön. WIe kann man Musik nur so schön beschreiben? Unglaublich. Als wären die Worte Klaviertasten.

slowmo

Postings: 538

Registriert seit 15.06.2013

2020-02-25 22:34:18 Uhr
Läuft heute schon den ganzen Tag rauf und runter. Sehr schöne Rezi und wirklich ein toller Tipp von Mic. War mir peinlicherweise erst gar nicht so bewusst, dass das alles neu interpretierte Klassiker sind. Das wird sicher dieses Jahr noch ziemlich hängen bleiben.
Die Platte hat echt eine unglaubliche Anziehungskraft. Alles so angenehm zurück genommen minimalistisch und jeder Ton sitzt und bekommt genügend Raum, um sich zu entfalten.

Mayakhedive

Postings: 1686

Registriert seit 16.08.2017

2020-02-25 20:13:22 Uhr
Der Tenor der Rezi klingt auf jeden Fall, als könnte das etwas für mich sein. Wird getestet.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17214

Registriert seit 08.01.2012

2020-02-25 19:38:33 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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