Grimes - Miss Anthropocene

Grimes- Miss Anthropocene

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 21.02.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mit Lichtgeschwindigkeit

Grimes macht es uns nicht so einfach. Das ist aber nicht bloß eine Masche, eine Finte oder eine Falle, sondern Ausdruck ihrer Persönlichkeit, ihrer Einstellung, ihres Verständnisses von Kunst. Nach dem quietschfidelen High-Energy-Pop-Album "Art angels" aus dem Jahr 2015 ließ sie sich zunächst einmal jede Menge Zeit. Ein guter, weil nachvollziehbarer Schritt. In den vergangenen fünf Jahren distanzierte sie sich gewissermaßen von ihrem bürgerlichen Namen Claire Boucher, man spricht sie jetzt mit "c" an, also dem Formelzeichen für Lichtgeschwindigkeit. Und als wäre das nicht schon abgespaced genug, machte sie ihre Beziehung zu Elon Musk öffentlich, dem Tesla-Chef und Tech-Visionär. All dies und noch vieles mehr verarbeitet die Kanadierin nun auf ihrem fünften Studioalbum "Miss Anthropocene": einer Platte, die so dermaßen zwischen den Stühlen sitzt, dass man beim Hören schon ab und zu mal die Synapsen entknoten muss. Zwischen Hochglanz-Pop, Avantgarde-Electro, Klanginstallation und futuresker Düster-Ambience wollte sich die Künstlerin offensichtlich nicht entscheiden. Gut so, irgendwie.

Wo "Art angels" also noch überwiegend direkt war und hochnervösen ADHS-Pop zelebrierte und "Visions" von 2012 mit ähnlicher Stringenz hochdosierte Electronica-Abfahrten anbot, verharrt "Miss Anthropocene" im Ungefähren. Der bereits vorab veröffentlichte Opener "So heavy I fell through the earth" blubbert sich durch sechs Minuten düstere Ambient-Music, Goth-Attitüde trifft auf karge Electronica, zusammengehalten wird dieses fragile Gebilde von Grimes' Vocal-Performance. Das folgende "Darkseid" bringt fernöstlich anmutenden Mystery-Pop auf den Teller, die Beats bouncen im Hintergrund, während die sich umtänzelnden Stimmen schon beinahe in Zungen sprechen. Bereits zu diesem Zeitpunkt hat Grimes die Erwartungen gebrochen, unterwandert und verhöhnt, indem sie das Rad immer ein bisschen weiterdreht. "Delete forever" mit wohliger Akustikgitarre und klarem Gesang ist dann sicherlich der konventionellste Pop-Track auf dem Album, der jedoch eindrucksvoll aufzeigt, dass hier eine Künstlerin ihr gesamtes Portfolio präsentieren möchte. Und Hits gehören da eben ausdrücklich dazu. Grimes ist Björk, ist Madonna, ist Billie Eilish, ist Cyborg, ist Tamagotchi, ist Prinzessin Mononoke, ist mehr als die Summe der einzelnen Teile. Ein verwirrendes Puzzle.

"My name is Dark" schafft dann die Verbindung von sprudelndem Zukunftspop und kunstvoller Electro-Staffage. Ein Hybrid-Song, der mit dunklen Farbtönen skizziert, in welche Richtung sich Grimes aktuell weiterentwickelt. Heller leuchtet dafür das an den Schluss der Platte gesetzte "IDORU", das zunächst mit Vogelgezwitscher beginnt. Grimes sehnt sich in der Folge in höchste Tonlagen, ein Beat schleicht sich sachte an, wird immer präsenter, sorgt für eine höhere Dynamik. Natürlich ist das im weitesten Sinne Popmusik – ohne sich jedoch zu sehr den entsprechenden Strukturen hinzugeben: Die Kanadierin bricht die konventionellen Schemata auf, lässt ihren Songs gerne auch den Freiraum, den sie im eng gesteckten Convenience-Pop-Korsett wohl kaum hätten. Letztlich wirkt "Miss Anthropocene" durch all diese unterschiedlichen hier zur Schau gestellten Facetten weniger kohärent als noch der Vorgänger, mutet stattdessen eher wie eine Standortbestimmung im dichten Nebelfeld an. Das Terrain ist nicht wirklich zu überblicken, aber Grimes prescht mit vollem Tempo voran. Der Hörer folgt. Und wundert sich.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • So heavy I fell through the earth
  • Delete forever
  • My name is Dark

Tracklist

  1. So heavy I fell thorugh the earth
  2. Darkseid
  3. Delete forever
  4. Violence (feat. i_o)
  5. 4 ÆM
  6. New gods
  7. My name is Dark
  8. You'll miss me when I'm not around
  9. Before the fever
  10. IDORU

Gesamtspielzeit: 44:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MopedTobias

Postings: 14298

Registriert seit 10.09.2013

2020-02-29 23:43:36 Uhr
Bin ziemlich begeistert. Für mich ein bisschen das fehlende Übergangsalbum zwischen "Visions" und "Art angels", das Aspekte beider Platten vereint. Ein herrlich zwischen den Stühlen schwebendes Werk - Pop und Experiment, Retro und Zukunft, Luftigkeit und clubbige Dringlichkeit. 8/10 mit Tendenz nach oben.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 4714

Registriert seit 26.02.2016

2020-02-29 20:59:33 Uhr - Newsbeitrag

Mr. Fritte

Postings: 463

Registriert seit 14.06.2013

2020-02-26 19:37:41 Uhr
Ich hör da immer Oasis am Anfang.

Alice

Postings: 97

Registriert seit 27.10.2019

2020-02-26 19:25:29 Uhr
Hört noch jemand bei delete forever the 1975? :D

Mister X

Postings: 2902

Registriert seit 30.10.2013

2020-02-26 14:33:23 Uhr
Nicht mal ansatzweise wie Realiti. Aber guter Song. Nicht vergessen dass Realiti der Beste Song der 2010er ist !
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