Die Arbeit - Material

Die Arbeit- Material

Undressed / Recordjet / Edel
VÖ: 21.02.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

In Backstein gemeißelt

Kann man so machen: Seine Band Die Arbeit nennen und sein Album mit dem endlos wiederholten Mantra "Nie wieder Leistung" beschließen. Eine nachdrückliche Absage an eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder in Over- und Underachiever einteilt? Ein pointierter Widerpart zur bleiernen Forderung "Nie wieder scheitern", die Die Nerven einst auf "Fun" formulierten? Es mag so oder so sein – doch das eigene Erreichte kann das Quartett aus Dresden mit diesem Satz nicht gemeint haben. Schließlich hat der Hörer nach dem geknickten Midtempo und der kreiselnd einstimmenden Riff-Schlaufe von "Lonely dance" eine Dreiviertelstunde "Material" aus dunkelgrauem Post-Punk intus, die sich keineswegs hinter den Stuttgarter Säulenheiligen verstecken muss. Und den anthrazitfarbenen Mini-Monolith vom "Out"-Cover vorsichtshalber gegen einen Backstein austauscht.

Und sobald im Opener der "Gott Generator" zu rotieren anfängt und die Gitarren zum ersten Mal schrill zerplatzen, weiß man: Der Vierer gibt sich auf seinem Debüt als Die Arbeit genauso unerbittlich wie sein Bandname. Auf jeden überfallartigen Break folgt ein Rollkommando aus Rumpelbass und kompaktem Groove, in jede der knapp bemessenen Leerstellen bellt Maik Wieden so vehement Parolen wie "In jeder Uniform klebt ein Mann aus Plastik / Die Werte der Reform vergrößern Deine Spastik", als wären diese ihm genauso zuwider wie die sozialen Abraumhalden, gegen die er so verzweifelt ansingt. Da wird die eingangs nahezu beängstigende Präzision der Licks von "Haut, Knochen und Gesichter" unversehens zur Punkrock-Höllenfahrt und das Spiegelbild zur Fratze der fremdbestimmten Existenz. Und "Im Büro" sind die Feuchttücher heute aus Schmirgelpapier.

Kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? Das könnte daran liegen, dass Die Arbeit diese verdrießliche Spielart desillusionierter Rockmusik bereits 2015 auf "Modern modern" ähnlich souverän und zielgerichtet ans rostige Messer lieferten – mit dem Unterschied, dass sie da noch Leo Hört Rauschen. hießen. Und von deren Zeilen "Ich möchte stören, zur Reaktion gehören / Ich möchte kontrollieren in allen Hauptquartieren" ist es nicht weit bis zu "Verlange nach Vernichtung / Verlange nach Konzept / Verlange nach Kontrolle und nach einem weichen Bett." Zugegeben: Ein sanftes Ruhekissen sind Songs wie "Visier", das jeden Moment gegen eine Wand aus langgezogenen Reverbs zu krachen droht, oder das mit der Sense rasselnde "Gewalt" zu keiner Sekunde – aber dafür umso grimmiger drängelnde Hits auf engem Raum, bei denen die Wande immer näher rücken.

Dass da "Keine Zeit für Ironie" bleibt, wird auch beim gleichnamigen Stück klar, das als zeitlich desorientierter, düsterer Talking Blues mit Paranoia und Isolation mauschelt. Denn auch wenn Wieden sich hörbar der matten Phrasierung Dirk von Lowtzows annähert, könnte diese Bestandsaufnahme eines verpfuschten Daseins kaum weiter von "Eins zu eins ist jetzt vorbei" entfernt sein. Zwischen "Schafft die Leichen raus" und einem trügerischen "Wir sind in Sicherheit" liegen auf "Material" oft nur ein missmutiger Saitenhieb und eine knorrig vorwärtsschiebende Rhythmusgruppe, bis Die Arbeit aus ihrer planvollen Verzagtheit einen weiteren wie in Stein gemeißelten Song destilliert haben. Und so sind die Sachsen nicht nur "Könige im Nichts", sondern auch auf einem hervorragenden Album, das dem seelischen Nullpunkt ordentlich einheizt. Wenn das keine Leistung ist.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Gott Generator
  • Haut, Knochen und Gesichter
  • Visier
  • Lonely dance

Tracklist

  1. Gott Generator
  2. Haut, Knochen und Gesichter
  3. Leichen
  4. Im Büro
  5. Keine Zeit für Ironie
  6. Visier
  7. Sicherheit
  8. Gewalt
  9. Könige im Nichts
  10. Lonely dance

Gesamtspielzeit: 43:42 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 16839

Registriert seit 08.01.2012

2020-02-10 20:53:07 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. "Album der Woche"!

Meinungen?

MartinS

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 719

Registriert seit 31.10.2013

2020-02-10 20:42:48 Uhr
Ach das sind Leo hört Rauschen.! "Modern Modern" war ein ziemlich gutes Album, ich bin zunehmend gespannt auf das hier.

Autotomate

Postings: 1656

Registriert seit 25.10.2014

2020-01-24 15:29:39 Uhr
Ganz nett, aber hinterm Ofen ist es netter. Mal abwarten, was da noch kommt.

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2215

Registriert seit 14.06.2013

2020-01-22 15:47:11 Uhr
Intonation des Sängers lässt darauf schließen, dass er recht häufig Dirk v. L. zugehört hat, finde ich. Musikalisch nicht soo weit von der ersten Editors weg. Auf jeden Fall gut.

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2015

Registriert seit 14.05.2013

2020-01-22 11:18:41 Uhr
Dachte ich zuerst auch, als ich den Thread gesehen hab. :) Aber wurde dann beim Draufklicken doch gut überrascht. Eben gerade noch mal gehört, gefällt mir echt sehr.
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