Sløtface - Sorry for the late reply

Sløtface- Sorry for the late reply

Propeller / Rough Trade
VÖ: 31.01.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Hinter Glitzern

Sløtface wandeln auf den Spuren Johnny Cashs. Nein, die norwegische Pop-Punk-Band hat sich keine schwarzen Hemden angezogen und ihre Klampfen für ein Country-Album gestimmt. Tatsächlich besuchten sie im Rahmen eines Regierungsprogramms diverse Schulen ihres Heimatlandes, hielten Vorträge über ihr junges Musikerdasein und spielten kurze Live-Performances – und machten dabei auch nicht vor Gefängnissen Halt, in denen die Insassen Schulbildung bekommen und die daher auch Teil des Programms waren. Das ist natürlich weniger rebellisch und musikhistorisch relevant als Cashs legendäres Folsom-Prison-Konzert, aber dennoch eine tolle Sache. Befürchtungen, das Quartett könnte in den Institutionsapparat eingespannt einen unangenehmen Fingerzeig-Gestus entwickelt haben, zerschlagen sich zum Glück schnell. Sløtface schreiben die Pop-Punk-Definition ihres Debüts "Try not to freak out" unbeirrt fort und setzen die Betonung weiterhin auf die erste Silbe. Sie verteilen Backpfeifen mit der Wucht von drei Zuchtbullen, die man gar nicht bemerkt, weil man so mit Rumhüpfen und Mitsingen beschäftigt ist. "Sorry for the late reply" erzwingt keine politischen Messages, sondern leitet sie aus der eigenen Erfahrungswelt ab und transportiert sie mit Witz und musikalischem Hedonismus.

"Why be good enough / When you can be a success?" Mit diesen Worten sprengt Sängerin Haley Shea den Opener "S.U.C.C.E.S.S." auf, die heulenden Gitarren explodieren nur kurz nach ihr. Es ist eine Kritik am Druck der Leistungsgesellschaft, an dem manche Bevölkerungsgruppen noch stärker zu leiden haben: "You better represent / Be the best damn immigrant." Als US-Migrantin in Norwegen singt Shea hier auch ihr eigenes Lied und greift das Thema im ähnlich infektiösen Hit "Passport" wieder auf: Wie definiert ein oller Papierwisch unsere Identität und wie kann man sich dem Land der Eltern noch zugehörig fühlen, wenn der Rest der Welt diesem nur noch mit Verachtung und Spott begegnet? "The personal is political", wusste schon Kate Millett, doch Sløtface haben nicht immer Hintergedanken. "Telepathetic" setzt zum ganz und gar unpolitischen Motivations-Arschtritt an, schaufelt sich in bester Neunziger-Indierock-Manier Tonnen von Fuzz auf die Gitarre und schreibt Soundtrack-Bewerbungen für alle Coming-Of-Age-Filme der nächsten fünf Jahre. Von einem herrlich erratischen Riff begleitet sinniert Shea in "Stuff" über die materiellen Überbleibsel einer Beziehung, kann sich einen kleinen Seitenhieb aber doch nicht verkneifen: "It's just stuff / For a self-claimed / Anti-consumerist / You sure did leave me with a lot of it."

Ko-produziert von Odd Martin Skålnes (Sigrid, Aurora), erstrahlt "Sorry for the late reply" mit etwas mehr Studio-Glanz als sein Vorgänger, was der Durchschlagskraft aber keinen Abbruch tut. Dass der Stampfer "Luminous" ein wenig an Paramore erinnert – die übrigens nicht so scheiße sind, wie sie manche Indie-Nase gerne darstellt –, passt wunderbar zur unbeholfenen Verliebtheit seiner Lyrics: "Guess there's no such thing / As platonically sleeping next to you." Trotz der kompakten Geradlinigkeit der meisten Songs kommen auch die musikalischen Ambitionen nicht zu kurz. "Static" jongliert Einflüsse aus Funk und New Wave, in "New year, new me" schluchzt eine Dreampop-Gitarre und "Laughing at funerals" endet in einem grandios kathartischen Finale. Das Herzstück des Albums findet sich kurz vor Schluss in "Sink or swim": Shea schweift von Alltagserschöpfung zum großen Klimaprotest, die Band spielt immer zwingender und bildet damit die inhaltliche Dringlichkeit perfekt ab: "It's not politics, it's sink or swim." Sløtface beweisen eindrücklich, dass sich hinter funkelnden Pop-Hooks und augenzwinkernden Texten immer auch gesellschaftlicher Ernst verbergen kann. Wenn die Musikinteressierten inner- und außerhalb norwegischer Schulen und Gefängnisse eines von ihnen gelernt haben, dann hoffentlich das.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • S.U.C.C.E.S.S.
  • Telepathetic
  • Passport
  • Sink or swim

Tracklist

  1. S.U.C.C.E.S.S.
  2. Telepathetic
  3. Stuff
  4. Luminous
  5. Tap the pack
  6. New year, new me
  7. Passport
  8. Crying in Amsterdam
  9. Laughing at funerals
  10. Static
  11. Sorry for the late reply (Intro)
  12. Sink or swim
  13. Crying in Amsterdam (Reprise)

Gesamtspielzeit: 39:40 min.

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Armin

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2020-02-10 20:52:39 Uhr - Newsbeitrag
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