Greg Dulli - Random desire

Greg Dulli- Random desire

BMG / Warner
VÖ: 21.02.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Con gas

Als sich 2012 The Afghan Whigs wiedervereinigten, war das nicht nur Grund zur Freude für alteingesessene Fans, auch Millenials durften so eine der spannendsten Bands der Neunziger mit neuem Material kennenlernen. Erfreulich auch, dass die beiden Post-Comeback-Alben eine hohe Qualität aufwiesen, aber etwas war doch anders: Denn Afghan Whigs, das war ursprünglich die Band, die nicht zuletzt durch den stimmlichen Vortrag von Frontperson Greg Dulli immer als eine Mischung aus Verführer und Prügelknabe auftrat, mit nagenden Leidenschaften, die sich gewaltig ihren Weg brachen. Nun eröffnete Kollege Heinecker die Rezension zum letzten Album "In spades" mit dem Begriff "abgeklärt" und tatsächlich waren The Afghan Whigs im Jahre 2017 eine entscheidende Spur defensiver. Kritiker sprachen von Relativierung im Songwriting und von doppelten Böden. Nicht zuletzt deshalb kann man Greg Dullis Soloalbum "Random desire" als kleines aber wirkungsvolles Korrektiv betrachten, denn eins wird schnell deutlich: Dulli brennt!

Da muss sich die Stimme des Amerikaners nur aschfahl am ruppigen Bass von "Pantomima" reiben, um einen Flächenbrand auszulösen. Giftige Gitarren, ein Gesang im Alarmmodus und fordernde und treibende Drums, hier knistert, drückt und sprudelt es mit kaum zu bändigender Kraft. Und auch wenn "Sempre" mit Akustikgitarre eröffnet wird, so doch mit einem gehörigen Maß an Autorität. Dulli croont, säuselt und raunt mit Nachdruck schon wieder seinen Leidensdruck hinaus und lässt es sich nicht nehmen, im Refrain mit verwundetem Pathos dezent zu explodieren. Die Stücke auf "Random desire" gehen selten Umwege, sind direkt und offen. So ist "Marry me" schlicht und einfach eine rauchige Folk-Ballade und "The tide" eine klassische Hymne mit vom Klavier-Anschlag befeuerter Klimax. Für Fans von The Afghan Whigs gibt es viel zu feiern, schließlich befinden sich auf dieser Platte schmieriges Porno-Kino und die seligmachende Himmelpforte in trauter Nachbarschaft.

In "Scorpio" braucht Dulli nicht viel mehr als ein mit Kraft gespieltes Klavier um auf diesen drängenden, markigen Refrain zuzsteuern, der dennoch nichts Posenhaftes, sondern verzweifelte Energie zum Ausdruck bringt. Vielleicht war er in seinen Projekten schon mal raffnierter, was die Ausgestaltung seiner Songs betrifft, doch der direkte, ungekünstelte Zug von "Random desire" ist erfrischend. Die runter gekochte Coolness von "It falls apart" braucht nur einen recht einfachen, geradlinigen Verlauf um differenzierte Stimmungen zwischen Aufruhr und Resignation wiederzugeben. Auch das kernige Akustikstück "A ghost" schafft es, in seine Stringenz einen derangierten Unterfluss einzubinden, der trotz eleganter Streicher für ein windschiefes Grundgefühl sorgt.

"Random desire" gefällt sich merklich darin, auf den Punkt zu kommen, im Detail findet man aber auch ausgefuchste Entscheidungen für Arrangements und Instrumentierung. Dass das romantische Schmachten von "Lockless" dem Drum-Computer überlassen wird, oder dass "Black moon" von grellen Tönen einer vorlauten Orgel augelockert wird, liegt nicht unbedingt nahe, gefällt aber spätestens bei wiederholtem Hören. Zum Abschluss gibt es dann in Form vom pianoumhegten "Slow pan" eine wehmütige Umarmung mit Nachdruck. Doch egal, ob Ballade oder offensive Rocknummer, "Random desire" liefert direkt und pur einen No-Bullshit-Dulli, der selbstbewusst und unumwunden das präsentiert, was man seit gut 30 Jahren an ihm so schätzt.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Marry me
  • Scorpio
  • Black moon

Tracklist

  1. Pantomima
  2. Sempre
  3. Marry me
  4. The tide
  5. Scorpio
  6. It falls apart
  7. A ghost
  8. Lockless
  9. Black moon
  10. Slow pan

Gesamtspielzeit: 36:50 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22794

Registriert seit 07.06.2013

2020-03-15 23:06:49 Uhr
Brauch echt ne Weile mit dem Album. Aber es gefällt schon. Besonders "It falls apart".

VelvetCell

Postings: 2674

Registriert seit 14.06.2013

2020-02-28 15:43:17 Uhr
Ich bin Fan seit "Gentlemen", habe sie aber erst sehr viel später mal live gesehen. Und zwar auf dem Haldern. Das hat mich ziemlich umgeblasen! Highlight des Festivals.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22794

Registriert seit 07.06.2013

2020-02-28 14:58:57 Uhr
Ja, er singt sehr angestrengt, das stimmt. Aber vielleicht "gewöhnst" du sich ja dran.

Hab sie 2012 auf dem Primavera live gesehen und das war so meine richtige Entdeckung der Band.

BVBe

Postings: 473

Registriert seit 14.06.2013

2020-02-28 11:16:58 Uhr
Nein, das nicht. Ich habe nur öfter gelesen, dass er soulig singe, und das finde ich nicht. Ein Michael Kiwanuka hat z. B. für mich Soul in der Stimme. Habe Mr. Dulli wohl vorm ersten Hören in einer anderen Schublade vermutet.

Ansonsten ziehe ich natürlich fast jeden leidenschaftlichen Gesang einer klinischen Perfektion à la Whitney Houston vor. Mr. Dulli klingt aber irgendwie so, als müsse er sich grundsätzlich beim Singen sehr quälen. Die Seele, die Leidenschaft ist da, aber für mich ist seine Stimme einfach kein Genuss, was schade ist, weil die Musik sehr gut.

Ist natürlich nur meine Meinung.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22794

Registriert seit 07.06.2013

2020-02-27 16:16:15 Uhr
@BVB:
Ich versteh den Zusammenhang zwischen Soul und Töne-Treffen nicht so recht. Für mich haben saubere Gesangstechnik und Seele nicht viel miteinander zu tun.
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