Green Day - Father of all ...

Green Day- Father of all ...

Reprise / Warner
VÖ: 07.02.2020

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

What the ...?

Green Day sind ein Chamäleon. Ja, wirklich. Blickt man flüchtig über mittlerweile stolze 30 Jahre Bandgeschichte, wird einem schnell klar, dass die Herren im Grunde genommen zwar immer nach Green Day klangen und in all den Jahren stets die gleiche, kleine Pop-Punk-Formation geblieben sind, ihre Musik sich aber trotz unveränderter Herangehensweise bemerkenswert agil präsentiert. Der Uffda-Punkrock von "Dookie", die heftige Akustikschlagseite von "Warning", das zwischen allen Stühlen stehende "Nimrod", der Cinemascope-Stadionansatz von "American idiot": All das haben Green Day aus einer eigentlich recht schlichten Liebe zu Powerchords, Beatles, Ramones und Buzzcocks geholt. Und thematisch mal eben vom Party-Hedonismus bis zur in größere Erzählzusammenhänge eingeflochtenen Politik- und Sozialkritik alles abgegrast. Kann man ja mal respektieren.

Zumal die Band lange Zeit auch hervorragend nach dem Brühwürfel-Prinzip funktionierte: Man konnte mit ihr alles besser machen, erwischte man aber zu viel, konnte man die Soße direkt wegschütten. Konnte, weil das Trio im Nachgang von "American idiot" hörbar die Orientierung verloren hatte. Oder erinnert sich noch jemand an allzu generische Langweiler wie "Still breathing"? Oder gar an diese insgesamt völlig zerfahrene Albumtrilogie? Eben! Dass Billie Joe Armstrong im Vorfeld von "Father of all ..." einen völlig neuen Sound ankündigte, macht vor diesem Hintergrund nicht zwangsläufig Hoffnung. Sprunghaft wie die Drei nunmal sind, gibt es dazu nach der zuletzt wieder politischeren Ausrichtung auf "Father of all ..." zehn Mal bewusst Material zum Feiern und nichts zum Denken. Und zu den zehn Songs in etwa die gleiche Anzahl an Stilwechseln. Was natürlich nichts Schlechtes sein muss. Und auch nicht das größte Problem dieses Albums.

Im Gegenteil: Als Hörer ist man der Band dankbar, dass sie öfter mal nach links und rechts schaut und nickt die nicht einmal 30 Minuten Musik im Vorbeigehen wohlwollend ab. Nur: Genauer hinsehen darf man die meiste Zeit nicht. Da tun sich nämlich mitunter musikalische Schlaglöcher auf, in denen ein Lkw versinken könnte. In denen man im Zweifelsfalle sogar selber versinken möchte. Klar ist es eine offensichtliche und billige Kritik, wenn man "Fire, ready, aim" als The-Hives-B-Seite abkanzelt, aber: Die Kritik trifft nun mal ins Schwarze. Wenn es das ist, was Green Day unter einem modernen, neuen Sound verstehen, will man nicht dabei sein, wenn die Band ein altbackenes Stück vertont. Auch nicht wirklich cool: Das dreiste Selbstplagiat – Foxboro Hot Tubs, anyone? – siehe etwa "Take the money and crawl" mitsamt dämlichem "Suck my cock"-Reim oder die Rock-Geschichtsstunde "Stab you in the heart". Gerade letzterer Song gerät zur zweiminütigen, klischeetriefenden Peinlichkeit. Ob man in "Oh yeah" außerdem wirklich unbedingt Gary Glitter zitieren muss, soll jeder für sich selber entscheiden.

Überhaupt muss man weder sonderlich viel Kram kennen noch wirklich tief graben, um "Father of all ..." als ein einziges, qualitativ oft fragwürdiges Zitat zu entlarven. Das Albumcover? "American idiot". Der gewollte, aber nicht gekonnte Titeltrack? The Black Keys und The White Stripes. Das zugegebenermaßen sehr gelungene "Meet me on the roof"? The Kooks. Das eindeutige Highlight "I was a teenage teenager"? Der Titel Against Me!, die Musik Weezer. Nur zur Klarheit: Es geht hier nicht etwa um charmantes Ausleihen, hier wurde einfach stupide abgepinselt, hier gibt es Copy & Paste in Reinform. Dass es dennoch fast die Hälfte der Songs auf der Habenseite ins Ziel schafft, ist da schon eine beachtliche Leistung. Green Day wollen alles anders, alles neu machen, kommen aber aus ihrer Post-American-idiot-Depression kein Stück heraus. Tragische Konseuenz: Das ist kein neuer Sound, sondern überhaupt kein Sound. Die eigenen Trademarks liegen vergraben unter tonnenweise Schutt. Und eine Band verliert sich zusehends selbst. Vielleicht wäre es an der Zeit, ans Aufhören zu denken.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Meet me on the roof
  • I was a teenage teenager

Tracklist

  1. Father of all ...
  2. Fire ,ready, aim
  3. Oh yeah
  4. Meet me on the roof
  5. I was a teenage teenager
  6. Stab you in the heart
  7. Sugar youth
  8. Junkies on a high
  9. Take the money and crawl
  10. Graffitia

Gesamtspielzeit: 26:13 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 5245

Registriert seit 26.02.2016

2020-02-16 18:19:54 Uhr
He's not wrong, you know.

Kaum ein Album macht sich mit all seiner Umgebung so unbeliebt dieses. Und dann unterbietet die Musik das noch. Hölle.

nörtz

User und News-Scout

Postings: 6852

Registriert seit 13.06.2013

2020-02-13 15:08:49 Uhr
0/10 bei Fantano. :D

horstkevin

Postings: 20

Registriert seit 21.08.2019

2020-02-12 15:30:31 Uhr
Oder CTRL + ALT + Delete

tumbleweed

Postings: 259

Registriert seit 02.09.2019

2020-02-12 15:11:44 Uhr

Green Day kennen die Tastenkombinationen STRG+C und STRG+V wohl bestens.

Vielleicht ist es nun aber an der Zeit, daß Sie mal ALT+Entf drücken :)

manfredson

Postings: 382

Registriert seit 14.06.2013

2020-02-11 23:42:01 Uhr
Als sie "Uno", "Dos" und "Tre" rausgebracht haben, dachte ich mir, aus den besten Momenten davon, könnte man eine ganz gute EP basteln. Jetzt haben sie im Prinzip genau das gemacht, wenn man von der Lauflänge ausgeht, und es ist trotzdem Mist. Naja.
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