Soundtrack - Babylon Berlin (Original television soundtrack, Vol. II)

Soundtrack- Babylon Berlin (Original television soundtrack, Vol. II)

BMG / Warner
VÖ: 24.01.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Kriminell gut

Berlin. Die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts, die in dezenter Verklärung der politischen Zeitläufte immer noch Goldene Zwanziger genannt werden, gehen ihrem dramatischen Ende entgegen. Denn die drittgrößte Stadt der Welt ist ein tobender Moloch voller Gegensätze. Während die physischen und psychischen Wunden des Ersten Weltkrieges immer noch allgegenwärtig sind, ahnt noch niemand, dass aus der immer wieder ausbrechenden politischen Gewalt ein paar Jahre später eine viel größere Katastrophe erwachsen sollte. Und in den Vorboten der Weltwirtschaftskrise feiert sich im Spannungsfeld zwischen neu gewonnener Freiheit, piefigem Spießbürgertum und bitterer Armut das Volk die Seele aus dem Leib. Dies ist die Szenerie, in der 2017 die TV-Serie "Babylon Berlin" wie eine Urgewalt über die Zuschauer hereinbrach – die wohl mächtigste und aufwändigste Serie aus deutscher Produktion aller Zeiten, überhäuft mit Fernsehpreisen. Aufgepeitscht durch den kongenialen Score, der auf einzigartige Manier die flirrende, hitzige Atmosphäre jener Zeit einzufangen imstande war.

Im Grunde genommen tritt die im Januar 2020 erstmalig ausgestrahlte dritte Staffel demnach ein nahezu unmögliches Erbe an. Denn an die Stelle des Überraschungseffekts tritt nun unweigerlich eine immens hohe Erwartungshaltung. Zum Glück macht Regisseur Tom Tykwer das einzig Richtige und verlässt sich erneut auf die Unterstützung des australischen Komponisten Johnny Klimek. Und umgehend findet man sich wieder in der Welt des Protagonisten Gereon Rath, seines Zeiches Kommissar in der Berliner Kriminalpolizei. Eine Welt, in der im fiktiven Club "Moka Efti" das Leben tobt und der Alkohol in Strömen fließt, während sich in den Spelunken der Hauptstadt das organisierte Verbrechen breit macht. Und im Unterschied zur großartig recherchierten Buchvorlage von Volker Kutscher vermitteln Tykwer und Klimek eine Atmosphäre, die so nie statt fand, sondern vielmehr einen Bogen zur Neuzeit schlägt.

Da ist das hektische "Am Tatort", da ist der bittersüße, von Meret Becker fragil interpretierte Chanson "Bis in den Mondenschein". Da ist aber auch der hervorragend gealterte Pop-Dandy Bryan Ferry, der "Avalon", den alten Heuler von Roxy Music, bis zur Unkenntlichkeit durch den Jazz-Wolf dreht und direkt aus einer verräucherten Kellerkneipe zu kommen scheint. Das entspannte, zweideutige Couplet "Heut' Nacht in Peru" hingegen könnte mit dem manierierten Gesang von Tim Fischer auch von der näselnden Pomadewelle Max Raabe stammen. Und immer wieder diese wunderbar hypnotischen, von Klimek brillant arrangierten Orchester-Parts, die immer wieder durch feingliedrige Elektronik ergänzt und verstärkt wird. Selbst wer die Serie nur bruchstückhaft kennt, wird von Stücken wie "Bewegung" unweigerlich angezogen. Und aufgesogen.

Eines musste allerdings klar sein. So ein großartiger Hit wie das sinistre "Zu Asche, zu Staub" aus dem Soundtrack zur ersten Staffel kann einfach nicht wiederholt werden. Stattdessen versprüht Tykwer Authentizität und lässt die damals höchst erfolgreiche Kleinkunst-Sängerin Claire Waldoff in ihrem schnodderigen Berliner Slang bei "Raus mit den Männern" fordern. Doch es gelingt dem Regisseur und seinem musikalischen Leiter erneut, eine einzigartige Atmosphäre zu erzeugen. Eine Atmosphäre, die die Bilder sprechen lässt, die dabei aber für sich weitere Bilder erzeugt. Eine perfekte Symbiose aus Bild und Ton sozusagen. Wenn man nun weiß, dass die Romanvorlage von Volker Kutscher mittlerweile an der siebten Folge angelangt ist, lässt dies auf noch weitere Großtaten hoffen.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Bis in den Mondenschein (Johnny Klimek & Tom Tykwer feat. Meret Becker)
  • Bewegung (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  • Raus mit den Männern (Claire Waldoff)
  • Love is a drug (The Bryan Ferry Orchestra)

Tracklist

  1. Wir sind uns lang verloren gegangen (Johnny Klimek & Tom Tykwer feat. Natalia Mateo)
  2. Am Tatort (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  3. Bis in den Mondenschein (Johnny Klimek & Tom Tykwer feat. Meret Becker)
  4. Allein (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  5. Avalon (The Bryan Ferry Orchestra)
  6. Alexanderplatz (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  7. Lotte Einsam (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  8. Heut' Nacht in Peru (Tim Fischer & Oliver Potratz)
  9. Bewegung (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  10. Raus mit den Männern (Claire Waldoff)
  11. Neue Hetzjagd (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  12. The Only Face (The Bryan Ferry Orchestra)
  13. Unterwelt (Johnny Klimek & Tom Tykwer & Reinhold Heil)
  14. Spuren (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  15. Elsa Mechanik (Johnny Klimek & Tom Tykwer feat. Meret Becker)
  16. Der Drache (Johnny Klimek & Tom Tykwer & Hans Hafner)
  17. Love Is the Drug (The Bryan Ferry Orchestra)
  18. Namenlos (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  19. Gimme That Shimmy (Martin Kraemer)
  20. Schicksal (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  21. Tränen (Johnny Klimek & Tom Tykwer)
  22. Du bist alles (Filmfassung) (Woods Of Birnam feat. Tobias Morgenstern)

Gesamtspielzeit: 74:45 min.

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Armin

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2020-02-03 20:42:03 Uhr - Newsbeitrag
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