Envy - The fallen crimson

Envy- The fallen crimson

Pelagic / Cargo
VÖ: 07.02.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ewiges Glühen

Vielleicht müssen wir uns Envy doch als glückliche Menschen vorstellen. Ein absurdes Bild? Auf den ersten Blick durchaus. Und es ist nicht so, dass da nicht auch dieser Tage noch jede Menge Trauer, Wut und Verzweiflung mitschwingen. Envy wachsen immer dann zur vollen Größe an, wenn sie die Untiefen der menschlichen Existenz durchmessen und urwüchsige Emotionen in überwältigende Songs kanalisieren. Sie tun dies auf ihre besondere, beinahe zärtliche Weise. Längst ist diese Band ihre eigene Welt, mit einigermaßen fest umrissenen Grenzen und bekannten Wegmarken. Das erzeugt bei jedem Wiederhören ein Gefühl von Vertrautheit, lässt aber auch ausreichend Raum für Variationen und Abwandlungen. Betrachtet man die Envy-Landkarte heute, befinden sich da zwar immer noch majestätisch aufragende Screamo-Massive, zerklüftete Hardcore-Formationen und postrockige Ebenen. Doch was früher meist im Schatten dunkler Wolken lag, so etwa auf dem grandiosen und stilbildenden "Insomniac doze", erscheint nun immer öfter im hellen Licht des Tages. Eingesetzt hat dieser Umschwung, grob gesagt, mit dem Album "Recitation". In "Atheist's cornea" fand er dann seinen vorläufigen Höhepunkt, der zeitweise mehr nach einem Endpunkt aussah. Es ist viel passiert. Zeit für einen kurzen Rückblick.

Als Envy sich fünf Jahre nach "Recitation" fulminant zurückmeldeten, standen die Zeichen zunächst nicht auf Abschied. "Atheist's cornea" war das vitale Lebenszeichen einer altehrwürdigen Genre-Institution auf der Höhe ihres Könnens. Eine Art Zusammenfassung der eigenen musikalischen Entwicklung, die Geschichte einer Band in einem Album, weder nostalgisch noch rückwärtsgewandt. Dass in den Jahren zuvor mit La Dispute, Touché Amoré oder Deafheaven andere ins Rampenlicht getreten waren, die von der Pionierarbeit der Japaner nicht gerade wenig profitierten, schien diese wenn überhaupt noch zu beflügeln. Dass von "Atheist's cornea" dennoch keine Aufbruchsstimmung ausging, hing mit den kurz darauf einsetzenden personellen Turbulenzen zusammen. Denn nur ein Jahr später verkündete Sänger Tetsuya Fukagawa überraschend, dass er künftig nicht mehr Teil von Envy sein wolle. Am 1. April 2016. 2018 gingen dann zwei weitere Gründungsmitglieder von Bord: Gitarrist Masahiro Tobita und Schlagzeuger Dairoku Seki. Die Abtrünnigen wurden durch Yoshimitsu Taki, Hiroki Watanabe und Yoshi ersetzt.

Zwischen "Atheist's cornea" und "The fallen crimson" liegen weitere fünf Jahre. Envy haben sich in dieser langen Zeit nie aufgelöst, doch ließ der Verlust des charismatischen Frontmanns berechtigte Zweifel über die Zukunft der Band aufkommen. Beschwörender Sprechgesang, heiseres Schreien – Fukagawas so markante wie wandelbare Stimme war für den typischen Envy-Sound ein unverzichtbarer Bestandteil, von seiner Bühnenpräsenz ganz abgesehen. Insofern war es eine glückliche Fügung, dass mit dem Ausstieg von Tobita und Seki zugleich auch die Rückkehr von Fukagawa einherging. Der Tag der Verkündung: wieder der 1. April. Und zum Glück war auch das kein Aprilscherz. Seither sind Envy also als Sextett unterwegs, bestehend aus drei Gründungsmitgliedern und drei Neuen, und machen im Grunde da weiter, wo sie aufgehört haben. Über "Recitation" schrieb Niklas Baschek seinerzeit: "Envy arbeiten schon eine Weile nicht mehr an der Neujustierung ihres Sounds, Envy setzen sich seit etwa zehn Jahren das Ziel, schlicht den perfekten Song zu schreiben." Erneut zehn Jahre später gilt das noch immer.

Auch "The fallen crimson" ist eine Art Zusammenfassung, die zugleich aber wie ein Neubeginn wirkt. Nicht, weil Envy plötzlich alles anders machen – siehe oben. Sondern weil sie so befreit aufspielen. Der Opener ist in dieser Hinsicht programmatisch, nicht nur, was den Titel betrifft. "Statement of freedom" beginnt als lupenreiner Post-Hardcore-Brecher, nimmt zunehmend melodischere Züge an und kehrt dann wieder zum Anfang zurück. Das lichtdurchflutete "Swaying leaves and scattering breath" weckt Erinnerungen an "Footsteps in the distance", einen der vielen Übersongs von "Atheist's cornea". Mit "Rhythm" versteckt sich zwischen dem vertrackten "A faint new world" und dem tosenden "Marginalized thread" überraschend eine Ballade, die sich mit weiblichem Gesang und mitten durch den Kitsch hindurch zu wahrhaftiger Anmut entfaltet. Und der perfekte Song? Dem nähern sich die Japaner auf "The fallen crimson" mehr als nur einmal an. "Dawn and gaze", zusammen mit "Marginalized thread" bereits auf der Single "Alnair in august" erschienen, darf mittlerweile getrost als neuer Klassiker bezeichnet werden und ist aus den Live-Sets nicht mehr wegzudenken. Ebenso wie "A step in the morning glow", das sich sehnsuchtsvoll aufbäumt und schließlich in Schönheit vergeht. Envy sind wieder da. Und sie wollen bleiben. Denn sieht so ein Ende aus?

(Markus Huber)

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Highlights

  • Statement of freedom
  • Rhythm
  • Dawn and gaze
  • A step in the morning glow

Tracklist

  1. Statement of freedom
  2. Swaying leaves and scattering breath
  3. A faint new world
  4. Rhythm
  5. Marginalized thread
  6. HIKARI
  7. Eternal memories and reincarnation
  8. Fingerprint mark
  9. Dawn and gaze
  10. Memories and the limit
  11. A step in the morning glow

Gesamtspielzeit: 54:22 min.

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User Beitrag

kiste

Postings: 50

Registriert seit 26.08.2019

2020-02-13 11:36:38 Uhr
Irgendwie möchte ich dieses Album mögen, aber es sträubt sich. In der Summe sind es dann für mich doch zu viele gesprochene Passagen, die sich alle gleich anhören. Zu viele flirrende Gitarren und „aufgeblasene“ Momente. Auch der ewige Wechsel zwischen ruhigen und wütenden Abschnitten ermüdet mich auf die volle Distanz. Schade.

Dumbsick

Postings: 65

Registriert seit 31.07.2017

2020-02-13 08:55:58 Uhr
das beste, nie veröffentlichte, „album“ sind die abyssal ep+jesu split+thursday split hintereinander weg

Hoschi

Postings: 195

Registriert seit 16.01.2017

2020-02-13 08:37:21 Uhr
Bis jetzt ist die Begeisterung ausgeblieben.
Nettes Album aber irgendwie bleibt nichts hängen wie z.B. damals auf ihrer Split EP mit Thursday.

6/10

Magoose

Postings: 55

Registriert seit 15.06.2013

2020-02-12 22:34:56 Uhr
Bin wohl deutlich in der Minderheit, wenn ich Atheist's Cornea deutlich besser finde.

Finde grundsätzlich gut, dass sie mit TFC ein bisschen weniger (und das seh ich anders als Given To The Rising) post rockig/metallig sind als früher, sondern einerseits mehr in Richtung klassischem Hardcore gehen (gut!) und dann An- und Ausfälle Richtung Eurovision Song Contest haben, was bei Rhythm ganz hart an der Grenze ist, bei anderen Songs eher nervt und sich auch nicht wirklich harmonisch einfügt.

Ich würde es so beschreiben: Man merkt deutlich, dass Envy suchen. Nur was und wo wissen sie noch nicht so richtig.

Dumbsick

Postings: 65

Registriert seit 31.07.2017

2020-02-12 19:42:49 Uhr
Eine weitere Review einer sehr guten Platte:

https://www.transcendedmusic.de/2020/02/envy-the-fallen-crimson-review/
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  • Envy (25 Beiträge / Letzter am 08.11.2019 - 22:45 Uhr)

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