Hackedepicciotto - The current

Hackedepicciotto- The current

Potomak
VÖ: 31.01.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

So wie früher mal

Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm. Alexander Hacke, der einstige Einstürzende-Neubauten-Mitbegründer, und seine Ehefrau Danielle De Picciotto, die in ähnlich avantgardistischen Gefilden unter anderem bei Crime & The City Solution unterwegs war, haben auf ihrem vierten gemeinsamen Album diese Zeichen ausgelesen. Experimentierfreudig und mantraartig schlagen sie Bögen zu ihrer musikalischen Vergangenheit, lassen jedoch deutlich mehr perkussive Energie in ihre von Drones durchzogenen Soundmalereien einfließen und erschaffen bildhafte Landschaften. Es sind Augenblicke, kurze Wahrnehmungsmomente, die jedoch aus ihrer abenteuerlichen Gestaltung mit ungewöhnlichen elektronischen Elementen, Field Recordings und der ständigen Wiederholung ihre Kraft schöpfen.

Es sind flächige Sounds, die das Grundgerüst von "The current" bilden. Tieftönende Drones, denen die beiden Künstler stakkatohafte Beats entgegensetzen. Darüber legt sich zum einen der immer ein wenig heisere Singsang Hackes, der nicht nur im furiosen "The banishing" wie ein Druide die Geister beschwört. Auf der anderen Seite steht wie im gruseligen Spieldosenfragment "Petty silver" die schneidende Stimme De Picciottos, von der eine ähnliche Mystik ausgeht und welche die häufig Tribal-artige Percussion bebend unterstützt. Das Album lebt atmet, pulsiert und scheint vergessene Urgewalten wecken zu wollen. Man merkt schnell, dass es den beiden darum ging, ein Bewusstsein für den gegenwärtigen Zustand der Welt zu bekommen, die Schnelllebigkeit auf unserem Planeten gewahr zu werden, vielleicht gar ein wenig Rückschau zu halten, um nicht vollends im Strudel der Einflüsse unterzugehen.

Davon zeugt vor allem die fabelhafte Version von Heinrich Heines "Loreley", der Hackedepiciotto neosymphonische Züge an die Hand geben, während die Sirene inmitten der Streicherwände zur fahlen Rezitation anhebt. Der Untergang scheint nah, doch kaum haben die Verlockungen den Hörer betört, ist der Zauber auch schon wieder vorbei. Ähnlich mythisch verhält es sich mit dem von Trommelschlägen eingeleiteten Gebet "The seventh day": Hier arbeiten die beiden Musiker mit kraftvollem Chorgesang und stetig wachsender Vehemenz und wollen hörbar Natur und Mensch zurück in Einklang bringen. Nicht von ungefähr hat sich das Duo dazu entschieden, das Album in und um Blackpool herum aufzunehmen, dieser einstmals vom Tourismus begehrten und jetzt von Armut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit gekennzeichneten Stadt an der irischen See. Schließlich liege der Fokus weniger auf die zivilisatorischen Errungenschaften, sondern vielmehr darauf, wie man es wieder schafft, mit der Natur und dem einfachen Leben zurechtzukommen. Das hört man auch im seewindzerzausten Titelstück oder im dekonstruiert daherkommenden "The black pool", das in einer weniger flächigen Inszenierung auch aus den brummigen Männerkehlen eines vielbesuchten Pubs in der besungenen Region stammen könnte.

"All men are created equal" stellt De Picciotto direkt zu Beginn unter Glockengeläut, langsam pendelnden Bässen und Alltagsgeräuschen fest, fast so, als würde sie die Messe lesen, bevor sie den Sturm lostritt. Der folgt im lichtdurchfluteten "Onwards" und die beiden gehen wie im Vogelflug mit ihm auf die Reise. Aus dieser Perspektive, aber eben dann doch nicht von oben herab, entsteht ein Bild wie ein monumentales, aber dennoch detailverliebtes Landschaftsgemälde. Die Natur im Blick, alle Lebewesen im Vordergrund. Doch eben auch eng beieinander, bis der Sturm nachgelassen hat.

(Carl Ackfeld)

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Highlights

  • The banishing
  • Loreley
  • The seventh day
  • The black pool

Tracklist

  1. Defiance
  2. Onwards
  3. Metal hell
  4. The current
  5. Petty silver
  6. The banishing
  7. Third from the sun
  8. Loreley
  9. The seventh day
  10. Upon departure
  11. The black pool

Gesamtspielzeit: 49:48 min.

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Armin

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2020-02-03 20:40:32 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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