Keeley Forsyth - Debris

Keeley Forsyth- Debris

Leaf / Indigo
VÖ: 17.01.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Schwere Zunge

Eigentlich ein gemütliches Leben, welches die Britin Keeley Forsyth da gelebt hat. Als Schauspielerin sprangen zwar nie die ganz großen Rollen raus, doch Nebenrollen in Serien wie "Happy Valley" oder "Hearbeat", sowie ein kleiner Auftritt bei "Guardians Of The Galaxy" sorgten für eine gefüllte Geldbörse und konstante Beschäftigung. Dies alles bewahrte Forsyth aber nicht davor, in eine schwerwiegende Depression zu verfallen mit dem außergewöhnlichen Symptom, dass sie ihre Zunge nicht mehr bewegen konnte. Nun war Forsyth immer ein musikafiner Mensch, schrieb Songs und komponierte. Nicht überraschend also, dass ein Therapieansatz darin bestand, die Motorik der Zunge mit Summen, Melodie und rudimentären Gesangesübungen wieder zu aktivieren. Ein erfolgreicher Ansatz, so stellte sich heraus. Denn aus diesen Übungen erwuchs "Debris", das Debütalbum von Forsyth, welches die ganze Versehrtheit ihrer psychischen Situation in sich trägt. Dabei merkt man dem Gesang in jeder Sekunde die Unsicherheit trotz eines mutigen Vortrages an, Gehversuche durch unwägbares Gelände, jedoch vorgetragen in fast trotziger Entschlossenheit.

Gerade mal acht Songs und eine knappe halbe Stunde währt "Debris", doch ist der emotionale Einschlag tiefgreifend und erschöpfend. Verwandt mit dem Outsider-Folk einer Vashti Bunyan, liegt eine große Stärke in der sparsamen Instrumentierung, die der Musiker Matthew Bourne beisteuert. Piano, Akustikgitarre, Cello, meistens isoliert und wie unter einem Brennglas intensiviert. Das Titelstück mit seinen ungemütlichen Drones bereitet den Untergrund zu Forsyths schleppenden, in quälender Gravitas gefangenen Gesang. Das Cello dräut wie eine Gewitterwolke, alles dunkel, alles kalt und doch zum Schluss: "I never ment to hurt you." Das melancholische Echo der Akustikgitarre in "Black bull" ist ebenfalls eine passende Rahmung für den stimmlichen Vortrag der Engländerin, welcher zwischen glockenheller Wärme und untergründiger Mattheit changiert, wie ein selbstvergessener, die eigene Persönlichkeit nur flüchtig streifender Tanz.

Durch das mantraartig wiederholte "My lord / I think it's raining" in "It's raining", mit großer Seelenschwere vorgetragen, steigt der Hörer immer weiter in den tiefen Stollen der mentalen Malaise hinab. Doch wenn Forsyths Stimme höhere Bereiche anfliegt, begleitet von dramatischem Cello-Spiel, entsteht Unruhe und ein Aufbegehren, welches aber gefangen bleibt innerhalb von reflexartigen Tagesverrichtungen. Einem klassischen Folk-Song am nächsten kommt "Look to yourself", dessen "For we are only human" wie ein die Befreiung herbeisehndes Aufblitzen wirkt. Doch die Bedrückung, der dumpfe Schmerz bleiben, lähmen jedes lebendige Aufbegehren.

Immer beeindruckend dabei ist, wie intim und eng, wie nah am Hörer Forsyth bei ihren Stücken ist. "Lost" ist zum Beispiel derart intuitiv in einen auf- und abwallenden Gesangsstrom gefasst, mit kehligen Lauten und klirrenden Tonhöhen, dass man davon fast fort gespült wird. Auch "Butterfly", welches einer simplen Melodie im Refrain skalvisch folgt, ist in seiner Verbindung aus Hartnäckigkeit und Nüchternheit ein bedrohlich-verlockender Abgrund. Eine Befreiung stellt dann jedoch der Abschluss "Start again" dar, der mit Synthies, pulsendem Beat und einer pop-affinen Melodie die innere Verkrampfung löst und zuversichtlich ausschreitet. Ein Hoffnungschimmer zum Schluss also, der zeigt, dass der Kontrollgewinn über den eigenen Körper nur einen Anfang darstellt.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Black bull
  • Look to yourself
  • Start again

Tracklist

  1. Debris
  2. Black bull
  3. It's raining
  4. Look to yourself
  5. Lost
  6. Butterfly
  7. Large oak
  8. Start again

Gesamtspielzeit: 27:29 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

cargo

Postings: 286

Registriert seit 07.06.2016

2020-02-04 19:34:41 Uhr
Das klingt sehr interessant. Vielen Dank für den Tipp!

Kai

Postings: 430

Registriert seit 25.02.2014

2020-02-04 19:13:32 Uhr
Die Instrumentalisierung gefällt mir richtig gut. (Das wäre schon eher eine 9/10 für mich) Leider mag mir der Gesang gemischt mit den Lyrics nicht so richtig gefallen.

Einzig beim ersten und letzten Track harmoniert beides richtig gut.

8/10 ist okay, für mich aber eher eine 7

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17895

Registriert seit 08.01.2012

2020-02-03 20:40:20 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


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