Tame Impala - The slow rush
Caroline / Universal
VÖ: 14.02.2020
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Zwischen Jahren und Stunden
Von klatschnasser Strömung zu staubtrockener Wüste? Nicht doch. Sicher ist Kevin Parker keiner, der gern auf der Stelle stehen bleibt, sondern einer, der den stetigen Wandel bevorzugt. Ganz so heftig vollzieht der Tame-Impala-Mastermind seine Transformation nun aber auch nicht – das verbietet schon die australische Coolness. Vielmehr geht es um das Aufzeigen einer gewissen Ambivalenz: Bei "The slow rush", dem vierten Album Parkers, liegt diese bereits im Titel. Und zwar kann man das gute Stück durchaus das definierteste Pop-Album von Tame Impala nennen, deren Entwicklung vom hauptsächlich Psychedelic-Rock geprägten 2010er-Debüt "Innerspeaker" kaum bis gar nicht von der Hand zu weisen ist. Dabei sei dann aber dennoch zu beachten, dass Parker und Tame Impala noch nie so recht in einer Schublade gepasst haben, weshalb man als Anhänger Album für Album irgendwie doch immer genau das bekommen hat, was man im Vorfeld erwartet hatte.
Statt "The slow rush" also als das Pop-Album des Australiers zu bezeichnen, wäre es möglicherweise passender, es als sein Zeit-Album zu sehen. Hatten die drei Vorgänger – vom bereits erwähnten "Innerspeaker" über das zwei Jahre später veröffentlichte "Lonerism" bis zum endgültigen Durchbruchs-Werk "Currents" von 2015 – eine Form charmanter Schläfrigkeit als Charakterzug, hält Parker auf seinem vierten Album nicht nur die Zügel, sondern auch die Uhr fest in der Hand. Zeit als Hauptthema? Warum auch nicht. Mal hat man viel zu viel davon, mal scheinen die Tage mit jeder weiteren Verpflichtung zu kurz zu sein. Am Ende bereut man immer das, was man nicht getan hat – oder andersrum? Ein bisschen Ungewissheit gesteht sich Parker doch noch zu und räumt ein, dass auch er mit der Pünktlichkeit so seine Schwierigkeiten hat: Der Grund, warum 2019 zwar die beiden Singles "Patience" und "Borderline" erschienen, aber dann lange nicht mal eine Ankündigung zum neuen Album folgte, lag darin, dass der 34-Jährige darauf spekulierte, dass er "The slow rush" bis zum Coachella-Auftritt im April desselben Jahres fertig kriegen würde.
Gut zehn Monate später ist es nun endlich da, abzüglich der vermeintlich besseren Single "Patience", dafür mit einer leicht überarbeiteten und damit um eine halbe Minute gekürzten Version von "Borderline". Aber von vorne: Da darf das mit zittrig-souliger Computerstimme startende "One more year" den Anfang machen, schon die ersten Zeilen dieses direkt auf die Tanzfläche ziehenden Groove-Biests verweisen sowohl auf das dem Album zugrundeliegende Thema und werfen zugleich den Mantel der Melancholie um die beiden Protagonisten: "Do you remember we were standing here a year ago? / Our minds were racing and time went slow / If there was trouble in the world, we didn't know / If we had care, it didn't show." Da steht die Zeit dem knackigen Rhythmus zum Trotz tatsächlich eher still, während die Sonne draußen vorm Fenster gleichzeitig auf- und unterzugehen scheint. Bei so viel zärtlicher Zweisamkeit schlägt das von Parkers astreinem Falsett getragene "Instant destiny" glatt eine spontane Hochzeit im schwitzig-schwülen Miami vor, da die Warterei auf Besseres ohnehin sinnlos ist. Wir haben 100 Zahnärzte gefragt: Noch mehr Zucker wäre schädlich für Ihr Gebiss.
Derweil tritt die dritte Single "Posthumous forgiveness" zumindest in den ersten drei ihrer sechs Minuten Spielzeit auf die Bremse und schmiegt sich insbesondere an die schwelgerische Trägheit von "Lonerism" an, ehe die zweite Hälfte mit den sensibelsten Momenten von "Currents" flirtet. Auch die Hymne an Parkers mittlerweile verstorbenen Vater, zu dem er seit der frühen Scheidung seiner Eltern ein angespanntes bis nicht vorhandenes Verhältnis hatte, trägt den eingangs erwähnten inneren Widerspruch genauso in sich wie der verführerische Achtzigerjahre-Pop von "Is it true", der zwar selbstbewusst aufstampft, sich seiner Liebe zum Gegenüber trotz der gerade eben noch ausgesprochenen drei wichtigen Worte gar nicht mal so sicher ist. Währenddessen sehnt sich "Tomorrow's dust" in bester The-Flaming-Lips-Manier zu einem anderen, weit entfernten Planeten und slowdancet sich "On track" mit viel Schmalz und Schmacht in den Gehörgang, um schließlich mit großer Geste über den vor Stolz geschwellten Brustkorb nach unten in die Beine zu wandern. So geht eine Abwärtsfahrt richtig.
Auch ein Album rund über das Thema Zeit kommt aber irgendwann am Ende an. Im Falle von "The slow rush" ist das insofern interessant, weil sich Parker hier dem Finale noch verweigert, während es bereits im vollen Gange ist. Das Quasi-Instrumental "Glimmer", nur durchzogen von der Zeile "I just want to be alone", nimmt kurz vor Schluss fast schon etwas zu viel Wind aus den Segeln, bis sich "One more hour" über sieben Minuten noch mal richtig dick ausbreitet. Was folgt, sind eigentlich vier Songs in einem, einer für jedes Album, alle unverkennbar von Tame Impala, von Kevin Parker, von Herzen. Am Ende gesellen sich kratziger Noise und sanfter Synthie-Pop zusammen an den Tisch und nicht mal dann gibt es einen richtigen Abschluss, sondern ein langes, so erschöpft wie zufrieden ausatmendes Ausfaden. Staubtrocken ist hier nun wirklich so gar nichts, im Gegenteil: Da findet sich glatt das eine oder andere Tränchen im Augenwinkel. Wie schafft man das eigentlich, so zeitlos und doch immer zu richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein?
Highlights
- One more year
- Posthumous forgiveness
- Tomorrow's dust
- One more hour
Tracklist
- One more year
- Instant destiny
- Borderline
- Posthumous forgiveness
- Breathe deeper
- Tomorrow's dust
- On track
- Lost in yesterday
- Is it true
- It might be time
- Glimmer
- One more hour
Gesamtspielzeit: 57:19 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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musie Postings: 4217 Registriert seit 14.06.2013 |
2025-07-25 17:07:17 Uhr
...aber die Rezi ist trotzdem gelungen... |
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musie Postings: 4217 Registriert seit 14.06.2013 |
2025-07-25 17:06:00 Uhr
Da gehts uns ähnlich. Mein Lieblingssong vom Album, On Track, ist auch nicht bei den Highlights... :-) |
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RaylanGivens Postings: 217 Registriert seit 05.07.2025 |
2025-07-25 16:51:02 Uhr
Lost in yesterday nicht als Highlight zu listen ist auch abenteuerlich. Der beste Track vom Album, mit Abstand! |
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AliBlaBla Postings: 10656 Registriert seit 28.06.2020 |
2021-12-11 12:14:19 Uhr
NO CHOICE finde ich ganz gut,werde wenigstens mal reinhören, die deluxe der CURRENTS war schon ne Bereicherung... |
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Kojiro Postings: 4906 Registriert seit 26.12.2018 |
2021-12-11 10:01:53 Uhr
Unnötiges Re-Release. Remixe sind i.d.R. völlig uninteressant. B-Seiten hingegen spannender. Davon sind nicht viele drauf. "Patience" hätte ich gerne aufm Album gesehen. |
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Referenzen
Pond; Foxygen; Dusted; Unknown Mortal Orchestra; The Flaming Lips; Ariel Pink's Haunted Graffiti; The Beatles; MGMT; Temples; Sleepy Sun; Bobby Conn; The Yardbirds; The Byrds; The Zombies; The Beta Band; Comets On Fire; Dungen; Pink Mountaintops; Cloud Control; Gauntlet Hair; Islands; The Unicorns; Portugal. The Man; Love; Cream; Todd Rundgren; The Apples In Stereo; Here We Go Magic; Scott McKenzie; Yo La Tengo; Lotus Plaza; Deerhunter; The Olivia Tremor Control; The Black Angels; The Electric Prunes; Galaxie 500; Spiritualized; Spacemen 3; Kurt Vile; The War On Drugs; Ty Segall; Alex G; Amen Dunes; Black Dice; Colour Haze
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