Oehl - Über Nacht

Oehl- Über Nacht

Grönland / Rough Trade
VÖ: 24.01.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vom Keller bis zum Handymast

"Mein Keller ist kühl. Komm." So lautete die lakonische Einladung, die Hjörtur Hjörleifsson im Sommer 2016 von Ariel Oehl erhielt, und dort, wo die Sonne nicht scheint, gründeten der österreichische Liedermacher und der isländische Multiinstrumentalist eine Band. Noch haben Oehl keinen eigenen Wikipedia-Artikel, dafür aber immerhin schon mal ein Kompliment von Casper bekommen: "Als Casper gepostet hat: Oehl, Song des Jahres, habe ich nicht gewusst, wer das ist", so Ariel Oehl. Neben dieser sympathischen Distanz zur Gegenwart erlaubt man sich in Oehls Mikrokosmos auch beim Merchandise ein wenig Extravaganz – mit einem eigenen Duft: "Mir gefällt der Gedanke, dass es bei Konzerten nach Oehl riecht." Soviel distinguierte Halbdurchlässigkeit mag exzentrisch wirken, das musikalische Debüt ist jedoch alles andere als sperrig. Im Gegenteil: Diese Scheibe ist so rund, dass sie entweder null Hits braucht oder elf Hits hat.

Oehl machen aufregend unaufgeregten deutschsprachigen Indie-Elektropop mit TripHop-Einflüssen und vertonen den Ernst des Lebens mit einer sonderbaren Heiterkeit. Kontrastpop sozusagen, der bei aller Empfindsamkeit entspannt, clever und ziemlich tanzbar daherkommt, mit kunstvollen Arrangements aus Stimme, Gitarre, Bass, Soundflächen, Synthesizern, Samples und Flöten. Der Opener "Bisher" ist jedoch beinahe ein A-cappella-Stück: geisterhafte Stimmen, Autotune, eine Gitarrensaite, zwischendurch bellt ein Hund. Viel passiert hier noch nicht, doch es ist nicht zu überhören, dass Oehl ganz genau wissen, was sie tun.

Die Freiheit der Kunst besteht für das Duo auch darin, persönliche Themen zu behandeln. So ist "Keramik" Ariel Oehls Sohn gewidmet, in "Über Nacht" verarbeitet er den Tod einer Freundin. Oft sind die Lyrics mehr Geräusch als Aussage, denn Ariel Oehl nuschelt, murmelt und verschluckt die Wörter gekonnt. Nicht laut, aber souverän croont er mit einem Timbre zwischen Jamie Woon und Woodkid das Spröde, Steife und Hölzerne der deutschen Sprache einfach weg. Nicht nach Duden sollen die Texte klingen, eher nach Rilke, aus dessen Gedicht "Herbsttag" er sich für "Neue Wildnis" einen Vers – den wohl berühmtesten – borgt. Neben dem reizenden Neologismus "Handymastgestell" enthält der Song auch eine ordentliche Schippe Gesellschafts- und Medienkritik: "Wenn man sich überlegt, was das Netz in sich trägt und was über einen Handymasten geht, da ist natürliche Wildnis das Gegenteil von Wildnis." Und wenn der Schlusstrack "Trabant" in den letzten zwei Minuten im Soundrausch versinkt und noch einmal alle Ideen gezündet werden, hat man die zwei Typen aus dem Keller ganz und gar verstanden: Der Trick besteht darin, in der Abwesenheit des Lichts selbst zum Licht werden.

(Claudia Harhammer)

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Highlights

  • Himmel
  • Anlegen
  • Neue Wildnis
  • Trabant

Tracklist

  1. Bisher
  2. Keramik
  3. Fluchtpunkte
  4. Tausend Formen
  5. Wolken
  6. Himmel
  7. Anlegen
  8. Über Nacht
  9. Neue Wildnis
  10. Instrument
  11. Trabant

Gesamtspielzeit: 34:26 min.

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User Beitrag

myx

Postings: 873

Registriert seit 16.10.2016

2020-01-29 13:57:43 Uhr
Freut mich ungemein, dass das Debütalbum von Oehl hier eine Rezension bekommen hat. Ich verfolge die Band bereits, seit ich sie letzten Sommer in Feldkirch live erleben durfte.

Bin auch bei einer 7/10 wie die Rezensentin. Wäre schön, wenn "Über Nacht" den Weg in das eine oder andere Ohr finden würde.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 16794

Registriert seit 08.01.2012

2020-01-27 20:47:04 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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  • Oehl (3 Beiträge / Letzter am 31.08.2019 - 08:48 Uhr)

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