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The Homesick - The big exercise

The Homesick- The big exercise

Sub Pop / Cargo
VÖ: 07.02.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Strandparty mit Oompa Loompas

Da spaziert man mehrere hundert Mal dieselbe Straße entlang und dann beim 1000sten Mal kommt plötzlich ein Kanalgitter in die Quere. Schon hängt der Fuß und noch im Fallen beginnt das Grübeln: War das nicht weiter links? Die Pflastersteine erscheinen viel unebener als angenommen und der Bäcker hat bei genauem Hinsehen gar keine Zwergstatue vor der Tür, sondern eine gebückte Charlie-Chaplin-Figur. "Whisper what you see because all I see is me / Could I tell myself what's in store for me / How could I know." Die Holländer von The Homesick richten ihren Blick bereits im Opener ihres zweiten Albums "The big exercise" von innen nach außen, zurück und wieder nach vorn – und entdecken betörend Sonderbares. Ob nun geträumt oder einem Trugbild auf den Leim gegangen ist zweitrangig. Am wohlsten fühlen sich die drei da, wo die Vorstellungskraft der Wahrnehmung die Hand vom Lenkrad nimmt und man sich am Ende der Strecke fragen muss: Ist alles wirklich so oder vielleicht doch ganz anders?

Inspiriert von der Stimmweite Meredith Monks zimmern die drei an ihrer imaginären Erdkugel und vollführen damit einen Zauberkniff, der auch großangelegte Indie-Alben wie Arcade Fires "Funeral" oder "Picaresque" von den Decemberists zu Fan-Lieblingen machte. "What's in store for me" lässt in seinen Anfangsmomenten nicht umsonst an "Neighborhood #1" denken, der Song hält die Eingangspforten auch genauso weit offen. Doch wo Arcade Fire von größeren und kleineren Abenteuern erzählen und The Decemberists in die Märchentrickkiste greifen, packen The Homesick die existenziellen Themen gleich beim Schopf. Angst zu haben braucht man trotzdem keine – wenn das bei derart warmen Melodien überhaupt möglich sein sollte – denn siegen wird am Ende die ungezwungene Fantasie.

Wie Elias Elgersma, Jaap van der Velde und Erik Wouldwijk aus dem beschaulichen Dokkum ihre Schatzkiste öffnen und die bescheidenen Popsongs nach und nach in ungeahnte Fernen laden, ist schon ziemlich beeindruckend. Ihr im Post-Punk verhafteter Indie-Pop gibt sich unbefangen aber nur in seltenen Fällen zügellos, treibend aber nicht drängend. Das sind Hymnen ohne Pomp und ohne Protzgehabe. Die trockenen Drums, immer mehr akzentuierend als fortlaufend, unterstreichen die in simpelsten Bildern vorgetragenen Gedankengänge. Sogar die Schlüsselsuche in der Jackentasche wird da wie in "Pawing" zur Inventur des Seelenlebens, und die offenbart rasch grundlegendere Problemkonstellationen: Einfach mal die Hände bei sich lassen und zufrieden sein oder doch nach Besserem streben? Die Melodie dazu ist abermals so spielerisch schön wie die muntere Meerespromenade, wenn der zuvor konsumierte Pilz seine Wirkung entfaltet.

In "The small exercise" klingt der Trip zwar kurzzeitig ab – die Farben sind daher nicht mehr ganz so grell – aber trotzdem versetzt die tapsende Untermalung mit Gitarre und Keys noch genug in Schwingung, um sich zu fühlen als wären die Oompa Loompas aus Charlies Schokoladenfabrik angereist, um einen auf der Liege über den Sandstrand zu tragen. Und dann taucht da auch wieder diese Klarinette auf, die bereits in "I celebrate my fantasy" erfreute. "The small exercise" und der Titeltrack sind nicht nur dem Namen nach verwandt, sondern auch inhaltlich aufeinander bezogen. Wächst die Zuneigung noch ausschließlich im Kopf, ist jede Lippenbewegung Anlass zur Freude, nur will die Vorstellung in diesem Fall partout nicht mit der Realität zusammen. Hat der ersehnte Körperkontakt dann stattgefunden, wird aus der physischen Reibung rasch auch eine zwischenmenschliche. Womit wir bei der größeren Übung wären. Neben Kleinigkeiten wie diesen, halten The Homesick noch jede Menge detailverliebter Spielereinen parat. "The big exercise" möchte erkundend belauscht und liebgehabt werden. Im Gegenzug bietet sich die Platte als loyaler Wegbegleiter an. Von jetzt bis in die unbestimmtere Zukunft.

(Katharina Bruckschwaiger)

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Highlights

  • Children's day
  • Pawning
  • I celebrate my fantasy
  • Focus on the beach

Tracklist

  1. What's in store
  2. Children's day
  3. Pawing
  4. I celebrate my fantasy
  5. Leap year
  6. The small exercise
  7. The big exercise
  8. Focus on the beach
  9. Kaïn
  10. Male bonding

Gesamtspielzeit: 40:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Garmadon

Postings: 213

Registriert seit 29.08.2019

2020-05-28 15:57:47 Uhr
Also die Referenzen sind hier mal so dermaßen irreführend. (...) Da hätte man dann auch gleich Celine Dion und Napalm Death mit angeben können.
Sehr treffend formuliert! :-)
ZUmindest sind Beach Fossils und Real Estate mit drin, da hätte ich jetzt zuerst dran gedacht.

Ich kann mich aber auch anschließen, was den Rest angeht. Das Album macht Spaß und somit bin ich froh, es hier entdeckt zu haben.

cargo

Postings: 342

Registriert seit 07.06.2016

2020-02-08 11:04:40 Uhr
Also die Referenzen sind hier mal so dermaßen irreführend. Wo hört man da bitte Arcade Fire, The Shins oder Decemberists raus? Da hätte man dann auch gleich Celine Dion und Napalm Death mit angeben können.
Bands wie Dirty Projectors, Tropical Fuck Storm, Ava Luna, Animal Collective oder andere Psych-Pop-Bands fallen mir da als erstes ein.

Dennoch danke für den Tipp! Denn das ist erfrischend andere Musik, die trotzdem ziemlich leicht ins Ohr geht.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18872

Registriert seit 08.01.2012

2020-01-27 20:45:16 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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