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Sunday Service Choir - Jesus is born

Sunday Service Choir- Jesus is born

INC
VÖ: 25.12.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Wir ziehen Satan die Fellhose aus

Kanye West hat zu Gott gefunden. Dass seine völlige Hinwendung zum Christentum auf "Jesus is king" mehr Scheinheiligkeit als Heiligenschein war, stellte Kollege Heinecker bereits heraus und muss hier nicht wiedergekäut werden. Doch zumindest die Mühe kann man dem ollen Trump-Fan nicht absprechen. Anfang 2019 gründete er den Sunday Service Choir, ein Band- und Gospelchor-Kollektiv, das seitdem West nicht nur bei sonntäglichen Performance-Messen, sondern auch auf jener eingangs erwähnten Platte unterstützt. Einem Weihnachtswunder gleich hielt er auch tatsächlich mal eine Release-Deadline ein und warf der verdutzten Öffentlichkeit "Jesus is born" pünktlich zum heiligsten Tag des Jahres in die virtuellen Kaminschächte. Nicht nur das fehlende Vorab-Heckmeck irritierte, auch das Debüt des Sunday Service Choir selbst sorgte sicher nicht nur beim Rezensenten für so einige Fragezeichen. Was könnte man als jemand, der weder im Gospel firm ist, noch an christliche Mythologie glaubt, mit einem fast 90-minütigen, absolut unironischen Nischengenre-Album anfangen?

Textlich schon mal nicht so viel. Mit wenigen Variationen werden der Lord und sein Sohnemann gepraised und adored, eine kritische, auch für Außenstehende interessante Auseinandersetzung mit dem Glauben findet nicht statt. Musikalisch sieht das wahrlich anders aus. Gleichen Wests eigene Veröffentlichungen seit geraumer Zeit eher Krisendokumenten als durchdachten Alben, bewies er etwa mit Pusha Ts "Daytona", dass er als Produzent immer noch Großes leisten kann. Auch auf "Jesus is born" bleibt er im Hintergrund und lässt den Chor ein beeindruckendes Testament der Ausdruckskraft menschlicher Stimmen einmeißeln, das seine eigene nur gestört hätte. Die Live-Produktion samt Klatschen, Jubeln und Zwischenrufen bestärkt den Charakter von Gospel als eine unbedingt mitreißende Art von Musik. Unabhängig von der eigenen Gottesfurcht vermögen es die bloße Kraft und Emotionalität des Vortrags, keinen Ungläubigen unberührt zu lassen.

In Topform war West stets einer der spannendsten Sample-Zauberer und Dekonstrukteure des HipHop, was auch in der Songauswahl des Sunday Service Choir durchschimmert. Nebst traditionellen Gospel-Stücken finden sich da etwa auch Neunziger-R'n'B und Neuinterpretationen von drei "The life of Pablo"-Tracks. "Ultralight beam" fehlt es auf den Chor reduziert etwas an Dynamik, doch die neuen, ausschweifenden Versionen von "Father stretch (my hands pt. 1)" und "Follow me - Faith" (ehemals "Fade") grooven den Gehörnten aus der Hölle – auch wenn die kirchen- und elternfreundlichen Textänderungen stellenweise unfreiwillig komisch anmuten. Eine herrliche Obskurität stellt "Lift up your voices" dar: West und Chorleiter Jason White bauen auf die Melodie von Sias "Elastic heart" auf und dirigieren eine achtminütige, anmutig strukturierte Hymne, die erstaunlich viel aus zwei Akkorden herausholt. Ist das schon Progressive Gospel?

Auch an anderen Stellen geizt "Jesus is born" nicht mit Ambitionen. Das SWV-Cover "Rain" erzeugt mit einsam perlender Gitarre eine Atmosphäre, die an Frank Oceans "Blonde" erinnert. In "That's how the good Lord works" tanzt ein fideles Jazz-Piano, "Revelations 19:1" töst mit Bläsern und Pauken und "Sunshine" endet in einem astreinen Funk-Jam. Auch die nur auf Piano und Stimmen beschränkten Stücke wie das wundervolle "Paradise" funktionieren zumeist. Im Kern muss sich die Platte nur einen einzelnen, aber gewichtigen Vorwurf gefallen lassen: 84 Minuten sind mindestens 30 zu viel. Bei den inhaltlichen und – trotz aller Ideen – auch musikalischen Redundanzen lässt sich diese faszinierende Sonntagsmesse kaum am Stück würdigen und genießen. West wird allerdings noch genügend Gelegenheiten haben, seine Ansätze zu verfeinern und weiterzuentwickeln, da er laut eigener Aussage nichts anderes als Gospel-Musik mehr machen will. Egal, ob man ihm die christliche Hingabe abkauft oder nicht: Gegen diese Ankündigung laufenden Wetten werden nicht die allerbesten Quoten haben.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Rain
  • Father stretch
  • Lift up your voices
  • That's how the good Lord works
  • Paradise

Tracklist

  1. Count your blessings
  2. Excellent
  3. Revelations 19:1
  4. Rain
  5. Balm in Gilead
  6. Father stretch
  7. Follow me - Faith
  8. Ultralight beam
  9. Lift up your voices
  10. More than anything
  11. Weak
  12. That's how the good Lord works
  13. Sunshine
  14. Back to life
  15. Souls anchored
  16. Sweet grace
  17. Paradise
  18. Satan, we're gonna tear your kingdom down
  19. Total praise

Gesamtspielzeit: 83:57 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 23440

Registriert seit 07.06.2013

2020-01-21 16:51:19 Uhr
Ich mag es.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18895

Registriert seit 08.01.2012

2020-01-19 20:46:41 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 23440

Registriert seit 07.06.2013

2020-01-04 20:27:56 Uhr
Ach, ich mag Gospel einfach. Und Kanye vermiss ich jetzt auch nicht. :)

Geronimo

Postings: 53

Registriert seit 30.12.2019

2019-12-31 11:27:34 Uhr
Ist halt Gospel, in den USA gibt es dafür sogar eigene Charts. Kenn mich in dem Genre nicht genug aus, um zu beurteilen, ob das gut ist.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 6023

Registriert seit 26.02.2016

2019-12-31 11:02:35 Uhr
Ich hab reingehört... und wieder rausgehört.
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