Nicolas Godin - Concrete and glass

Nicolas Godin- Concrete and glass

Universal
VÖ: 24.01.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Air is in the air

Wenn eine ganze Generation zur Musik eines Künstlers erwachsen wird, ist er lange im Geschäft, dann liegen exorbitante Erwartungen und wohlwollende Genügsamkeit nah beieinander – und hinter der Vorfreude lauert schon die Enttäuschung. Nicolas Godin firmiert musikalisch zwar hauptsächlich als Mitglied von Air, allerdings wäre es so billig wie müßig, sein Werk aus der Die-eine-Hälfte-von-Perspektive zu betrachten, und dennoch: Die Gemeinsamkeiten mit dem Frühwerk der legendären Band sind so frappierend wie faszinierend. "Concrete and glass" holt die Spätgeborenen ab zur ersten Mond-Safari und das treue Publikum zum Nostalgie-Cruise durch die eigene musikalische Vergangenheit.

Godin ist ohne Zweifel ein genialer Melodienmacher, Klangtüftler und Synthie-Popper, der seine Musik, die auch ohne Vocals und Lyrics auskäme, von der Textur bis zum Solo mit großer Liebe zum Detail fertigt. Nach seiner Hommage an Bach hat Godin, der graduierte Architekt, mit seinem zweiten Solo-Album eine Hommage an die Architektur entworfen, die sich zum Zuhause verhält wie die Musik zum Gefühl. Zuhause, das kann das Herz eines Lovers sein oder ein Klotz in der Landschaft, ist aber auf jeden Fall immer dort, wo man Lieblingsmusik pumpen kann. Der titelgebende Opener ist zwar zwei eher unsympathischen Baustoffen gewidmet, allerdings bedeutend einladender als ein Entwurf von Le Corbusier geraten: Dunkle, dumpfe Synthesizer wabern und gluckern im Intro, und schließlich erklingt die vertraute Vocoder-Stimme, die einst Kelly zum Betrachten der Sterne aufforderte.

Vocoder und Streicher machen ihn aus, den typischen Godin-Sound, so auch bei "What makes me think about you", das Airs "Ce matin-là" zu zitieren scheint, sowie "Turn right turn left" und "The border", zwei Songs über das Aufbrechen und Ankommen, wobei vor allem in letzterem ein hochpolitisches Statement mitschwingt: "Take me to the border / And change the world forever." Die Welt als Haus: Da ist es nur konsequent, dass Godin sich internationale Künstler für ein paar disruptive Kollaborationen einlädt wie Kate NV zur Liebeskummer-Perle "Back to your heart", das hypnotische "We forgot love", für das Kadjha Bonets Stimme die Neunziger-Triphop-Vibes von Massive Attack heraufbeschwört, und Cola Boyy für "The foundation", einer federleichten Elektropop-Nummer mit R'n'B- und Triphop-Injektionen.

"Time on my hands" ist das fast schon unerträglich smoothe Glanzstück dieses durchweg glänzenden Albums. Der australische Musiker Kirin J Callinan steuerte die Vocals bei und entblößt dabei das nackte Talent hinter der Flamboyanz. Da verfängt sich der Reverb in den gesträubten Nackenhaaren, ein jazziger Bass und kühles Xylophon träufeln die Essenz der Coolness und des Sex-Appeals der Achtziger Jahre auf den süßen Phantomschmerz der Melancholie, während sich eine klebrige Gitarre in lässiger Sehnsucht windet, kurzum: Der Song hätte seine eigene Rezension verdient. Das einzige Instrumentalstück "Cité radieuse" bildet den Abschluss von "Concrete and glass": Ein ganzes Synthesizer-Orchester ohne Beat, Bass oder Percussion imitiert urbane Hektik und windige Häuserschluchten, bevor die strahlende Stadt schließlich zur schummerigen Bar schrumpft und ein jazziges Saxophon den Rausschmeißer spielt. Dann weiß man: Es ist Zeit, nach Hause zu gehen.

(Claudia Harhammer)

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Highlights

  • We forgot love
  • Time on my hands
  • The foundation
  • The border

Tracklist

  1. Concrete and glass
  2. Back to your heart
  3. We forgot love
  4. What makes me think about you
  5. Time on my hands
  6. The foundation
  7. Catch yourself falling
  8. The border
  9. Turn left turn right
  10. Cité radieuse

Gesamtspielzeit: 45:22 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

musie

Postings: 2836

Registriert seit 14.06.2013

2020-02-04 16:26:59 Uhr
der beginn von What makes me think about you erinnert mich an den beginn von Lady in Red..... Autsch :-)

musie

Postings: 2836

Registriert seit 14.06.2013

2020-02-04 13:16:28 Uhr
klasse album, das geht ja schon fast in richtung 9/10. könnte auch ein neues album von air sein, und dann wärs unter den besten von ihnen...

Voyage 34

Postings: 930

Registriert seit 11.09.2018

2020-01-29 20:32:49 Uhr
Ich mag The Foundation besonders gerne, daneben aber auch besonders die hier genannten. Echt überraschend klasse Album (für mich sehr überraschend)

Herr

Postings: 1433

Registriert seit 17.08.2013

2020-01-29 18:30:39 Uhr
Ich bestätige nach mehreren Hörgängen den Eindruck von Euch, dass es wächst und in seinen Details immer wieder Neues entdecken lässt.
Famos!!

myx

Postings: 1073

Registriert seit 16.10.2016

2020-01-29 18:20:45 Uhr
Wirklich ein durchweg glänzendes Album, kann der Rezi nur zustimmen. Verdiente 8/10!

"We Forgot Love" weckt tatsächlich schönste Erinnerungen an die frühen Massive Attack. Streitet sich mit "What Makes Me Think About You" und "Time On My Hands" um den Titel bester Song des Albums.

Ich denke nicht, dass der Reiz dieses Albums irgendwann auf der Strecke bleiben wird. "Moon Safari" zum Beispiel fasziniert mich, in Massen genossen, auch bis heute.
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