Dan Deacon - Mystic familiar

Dan Deacon- Mystic familiar

Domino / GoodToGo
VÖ: 31.01.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Besser nicht aufräumen

Dan Deacon legt sich nicht fest. Ist er nun ein leicht schräges Pop-Mastermind oder ein verrückter Professor, dem versehentlich ein paar eingängige Melodien vor die Flinte springen? Sein letztes Album "Gliss riffer" bediente beide Lesarten, besaß neben einigen durchaus eingängigen Hits auch ein ordentliches Maß an Frickelei, welches unnachsichtige Zeitgenossen auch als ziellos bezeichnen könnten. Wenn der Musiker aus Baltimore seine neue Platte "Mystic familiar" nun als großangelegte, psychedelische Reise verstanden wissen will, kann man sich also wieder auf Einiges gefasst machen.

"Close your eyes / Become a mountain" ist einer der Tipps, die Deacon zu Beginn der Platte bereithält und man hat beim Auftakt "Become a mountain" tatsächlich das Gefühl, eine gewichtige Transformation durchzumachen. Dazu trägt ein Piano bei, welches alle ihm möglichen Töne in einer wunderbar eleganten Fontäne heraussprudelt. Dazu ein im Grundgestus festlicher Gesang Deacons, der sich aber auch geheimnisvoll in ein Flüstern zurückzieht. Bereits hier erahnt man die Schräglagen, die diese Platte ausmachen werden. Hymnik, Majestätik, die große Geste, verpackt und verschnürt in irritierend schief gewickelte Klangformen. "Sat by a tree" mit seinen pumpenden Stakkato-Percussions, den digital erzeugten, hohlen Flötentönen und dem Mickey-Mouse-Gesang bringt die Flaming Lips mit Supergrass' "Alright" zusammen, eine Bubblegum-Hatz entlang der schnurgeraden Kokslinie.

Mit dem Song-Quartett "Arp I-IV" folgt dann der Kern des Albums, ein schwindelerregender Freiflug ohne Haftung für die Unversehrtheit von Nerven und Bewusstsein. "Arp I: Wide eyed" groovt sich mit voluminösen Drums und einem nur halb fokussierten Gesang etwas behäbig ein, bevor im zweiten Teil die Bonbon-Box geöffnet wird und alle Farben und Töne wild durcheinanderschwirren. Einziger Ankerpunkt in diesem Auf und Ab aus Hektik und greller Buntheit sind die gelassenen Vocals, drumherum laufen jedoch Synthies und Drum-Computer Amok, ein Wunder, dass dabei noch durchaus würdevolle, feierliche Melodien rauskommen.

Indem Deacon die Verlässlichkeit des gangbaren Pop vor den Zerrspiegel freidrehender Elektronik platziert, lässt sich schwer voraussagen, wo der einzelne Song sich hin bewegt, da kann nach dem funkensprühenden Chaos schon mal eine kühlende Saxofon-Einlage mit ruhigem Beat folgen. "Arp IV: Any moment" begnügt sich dagegen einfach damit, ein Musik gewordenes weißes Rauschen darzustellen. Denn eins ist neben all den durchaus anheimelnden Melodien auf dieser Platte auch klar: Deacon meint es ernst mit dem Verzerren und Zerschreddern, mit der Beugung seiner Musik fast bis zum Bruch. In "Weeping birch" wird aus lieblichen Streichern eine enervierende Dauerschleife und auch die abschließende Schlussfahrt "Bumble bee crown king" packt ihre hyperaktive Fahrigkeit nur mühsam in eine Richtung. Auch wenn Deacon an seinem unwahrscheinlichen Pop gehörig herumsägt, es fallen dabei mitunter handfeste Hits wie "Fell into the ocean" ab, welche wie eine süße Belohnung in all dem Durcheinander erscheinen. Und so sitzt man in "Mystic familiar" da wie in einem unaufgeräumten Kinderzimmer: Man hat den Überblick verloren, freut sich aber an dieser haltlosen Lebendigkeit, von der das Chaos zeugt.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Become a mountain
  • Arp I : wide eyed
  • Fell into the ocean
  • Bumble bee crown king

Tracklist

  1. Become a mountain
  2. Hypnagogic
  3. Sat by a tree
  4. Arp I: Wide eyed
  5. Arp II: Float away
  6. Arp III: Far from shore
  7. Arp IV: Any moment
  8. Weeping birch
  9. Fell into the ocean
  10. My friend
  11. Bumble bee crown king

Gesamtspielzeit: 43:40 min.

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Armin

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2020-01-19 20:39:22 Uhr - Newsbeitrag
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